Bemalte Steine

von Peter Iden

Woodland Beach bei Wasaga Beach, Ontario – ein Paradies für Steinsammler

Steine bemalen ist in der Geschichte der Menschheit kein neues Phänomen. Die Steinmalereien in den mehr als 350 Höhlen in Frankreich und Spanien gehören zu den ältesten Kunstwerken der Welt. National Geographic, bekannt für ihre durchgehende Korrektheit der Fakten, akzeptiert die wissenschaftliche Tatsache der Radiokohlenstoffdatierung für in den Höhlen gefundenen Gemälde und handbearbeiteten Muschelfragmente.

Ein patriotisch bemalter Stein

Die Wegbereiter für diese, bis zu 65,000 Jahre alte Kunst waren wahrscheinlich die Neandertalers. Sie erfordert die Intelligenz für das Mischen von pflanzlichen Säften als Farben, sowie die Benutzung von natürlichen primitiven Steinwerkzeugen

Als die ersten Datierungen von zehntausend Jahren zuerst von Wissenschaftlern bekannt gemacht wurden, wurde diese Datierung von vielen bezweifelt, aber seit der Entwicklung der Radiokohlenstoffdatierung sind die Zweifler still geworden. Malereien weniger als 50,000 Jahre alt können verlässlich mit ihrem Gehalt an Carbon-14 datiert werden, wie z.B. die mehr als 30,000 Jahre alten Bilder in der Chauvel-Höhle in Südfrankreich.

Französiche Höhlen-Malerei, 30,000 Jahre alt

Ein ziemlich interessanter Fakt kam erst kürzlich ans Licht. Die Ausmaße der zahlreichen Handabdrücke in den Höhlen Europas wurden durch Messen der in verschiedenen Höhlen gefundenen Skelette auf weibliche Maler oder sogar auf jüngere Erwachsene zurückgeführt, die Männer waren demnach für die grafischen Darstellungen von wilden Tieren verantwortlich.

Heutzutage sind die Menschen andauernd auf der Suche nach verschiedenen Aktivitäten, die sie in Hobbys und Trends ausdrücken können. Im Angesicht historischer Wiederholung ist es also kaum ein Wunder, dass das Bemalen von Steinen zu einem relativ “neuen” Trend führte. Und man muss absolut kein Künstler sein, um Steine mit einfachen attraktiven Mustern oder mit Sprüchen zu dekorieren.

Steinbemalung und das Auslegen von bemalten Steinen ist ein Trend, welcher während der letzten wenigen Jahre erstaunliche Ausmaße erreicht hat. In den USA gibt es heute mehr als 500 Gruppen, die sich hauptsächlich auf Facebook als Medium konzentrieren. Es breitete sich allerdings zuerst nach Kanada aus, später wurde es auch in ganz Europa populär.

Schätzungen für Kanada konnte ich nicht finden, aber die 2017 gegründete Facebook-Gruppe “Winnipeg Rocks” hat bereits mehr als 26,000 Mitglieder bei einer Bevölkerung von 750,000 Einwohnern. Das kann man vielleicht darauf zurückführen, dass die Stadt mehr eingeborene Menschen beherbergt als irgend eine andere Stadt in Kanada (gefolgt von Edmonton und Vancouver).

Ob und wie viele Ureinwohner heute Mitglieder einer Gruppe von Steinmalern sind, ist unbekannt, aber ihre Suche nach einer eigenen Identität mag sie dazu bewogen haben. Aber das ist nur meine Meinung.

Meine eigene Samlung von bemalten und unbemalten Steinen

Bemalte Steine müssen keine Kunstwerke sein. Der erste Stein, den ich fand, sagte einfach “No Fear” (keine Furcht). Für mich als Finder bedeutet diese Aufschrift, dass ich die Zukunft nicht fürchten muss. Die Motive, die in den Facebook-Gruppen gezeigt werden, sind unterschiedlich. Während manche Steine nur mit bunten Farbtupfern verziert sind, sind andere tatsächlich filigrane Kunstwerke. Das Facebook-Zeichen fb auf und die Internet-Adresse auf der Unterseite zeigt, dass ein Steinmaler zu einer Gruppe gehört. Kommerziell werden natürlich bemalte Steine schon sehr lange im Internet angeboten. Preise von CAD 20 bis mehr als CAD 100 pro Stein werden dort verlangt, aber persönliche Geschichten und Erlebnisse wie bei gefundenen Steinen wurden nicht mitgeliefert. Für jemanden wie mich, für den selbst jedes gekaufte Kunstwerk eine Story hat, ist das unverständlich!

Kreation meiner Tochter Connie, mit kleinen Kieselsteinen

Ein kleiner Wink allerdings: bitte nur ungiftige, umweltfreundliche Farben benutzen. Milchfarbe ist auf Kasein basiert. Schon die Shaker-Sekte in Nordamerika benutzte Milchfarben zum Bemalen ihrer attraktiven Möbel. Kreidefarbe hat Kreide als Grundlage. Einige kommerzielle Hersteller haben eine gute Auswahl an diesen Farben. Man muss nur fragen oder suchen.

Dass die Steinbemalung zuerst in den USA in etwa 2015 begann, ist kaum zu bezweifeln, denn die meisten Trends der heutigen Welt nahmen dort ihren Anfang. Wie immer, nehmen auch hier einige Menschen den Kredit dafür in Anspruch, um ihr “Ich” zu befriedigen.

In Kanada kann man Piktogramme und Petroglyphe an etwa 3,000 Orten von Küste zu Küste finden. Mehr als 800 davon werden auf die Ojibwa zurückgeführt, welche das Canadian Shield vom Norden Saskatchewans bis zum Ottawa River bewohnten. An der Nordwestküste und im Inland fand man etwa 1,300 Petroglyphe und Piktogramme. In Quebec wurden Felsbilder an etwa 20 Stellen gefunden. In den Atlantischen Provinzen nur 14 in Nova Scotia und New Brunswick.

Ein Piktogramm ist Steinmalerei mit natürlichen Farbpigmenten. Sie wurden hauptsächlich in Höhlen oder wettergeschützten und sonnen geschützten Stellen gefunden.

Eine Petroglyphe ist ein in Stein geschnitztes, graviertes oder gekratztes Bild, welches viele Jahre überdauert. Petroglyphe wurden oft noch von ihren Schöpfern farbig übermalt, waren danach also Kombinationen der zwei Kunstformen, nicht unbedingt von denselben Künstlern kreiert.

Es ist natürlich auch möglich, dass sich das nordamerikanische “Rock Painting” auf eine seit Tausenden von Jahren bestehende Kunst der Hindus und Buddhisten anlehnt, das Malen einer “Mandala” auf flachen Flussteinen mit komplizierten Mustern von farbigen Punkten. In Tibet sind es Malereien mit gefärbtem Sand auf einer trockenen Oberfläche, die mehrere Tage in Anspruch nehmen. In Betracht der im Westen populären asiatischen Auffassung spiritueller Meditation ist es nicht unwahrscheinlich.

Die Mandala ist ein imaginärer Palast welchen man durch ihre Kreation erreicht. Dort hat jedes Objekt seine Bedeutung als ein Aspekt der Weisheit, welche den gewöhnlichen Verstand erleuchtet und mit seiner Heilung hilft. Es ist ein kosmischer Wandel vom Leiden zur Freude und zum Glück.

Im “dunklen Norden” Deutschlands ist der Trend zum Bemalen von Steinen besonders verbreitet. Die Grundidee ist es, anderen Menschen Freude zu machen. Ein Mitglied der Gruppe “Allersteine” hat nach ihren Informationen bereits mehr als 200 Steine ausgelegt (oder, wie sie es nennen, “ausgewildert”). Einige Mitglieder von Stein-Gruppen nehmen ihre Kreationen mit in den Urlaub und hinterlassen ihre Steine in Ländern und auf Inseln wie Bora-Bora und Hawaii.

Die Gruppen wachsen täglich. Die Gruppe “Küstensteine” hat inzwischen 38,200 Mitglieder, bei den “ElbStones” sind es etwa 34,800, laut ihrer Facebook-Seiten.

 

Abgesehen von dem scheinbaren Massenappell der Hamburger Steingruppen ist die Idee hinter den Gruppen immer noch die Gleiche: Menschen eine Freude machen. Hobbys mit derartig positiven Impulsen sind im Kommen, eine bessere Gestaltung der Freizeit ist ein leitender Grund für diese Entwicklung. Das Suchen nach den kleinen Freuden des Lebens. Hobbys wie Gartenbau und Steine sammeln und bemalen passen bestens in diese Kategorie.

Nicht vergessen sollte man auch, dass wir alle etwas Dauerhaftes in dieser Welt hinterlassen wollen (die Familie ist dauerhaft und daher eingeschlossen in diesen Wunsch). Steine sind dafür jedoch bestens geeignet. Man findet sie überall und sie sind witterungsfest. Die indianischen Steinmalereien auf kanadischen Felswänden sind ein Beweis dafür.

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1 Kommentar

Tim 20. November 2021 - 15:06

Hallo Peter wie immer ein sehr schöner Beitrag, viele Grüße Tim

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