Der liebe Columbus

Wer hat Amerika wirklich entdeckt?

von Peter Iden

Wer hat Amerika wirklich entdeckt? (es ist nicht Kolumbus)

photo: Wer hat Amerika wirklich entdeckt?

Columbus hat Amerika entdeckt. Oder auch nicht? Schon in der Schule lernten wir, dass es Christopher Columbus war, der (Nord-)Amerika entdeckte. Niemand hat sich darüber gewundert, warum es nicht Columbia anstatt America getauft wurde. In Kanada wurde den Schülern dasselbe beigebracht. Für sie hat das jedoch eine total andere Bedeutung, denn schließlich leben sie auf diesem „gefundenen“ Kontinent. Dass den kanadischen Schülern auch viele andere Tatsachen ihrer Geschichte kaum oder überhaupt nicht beigebracht werden, ist leider so. Aber die meisten Kanadier kennen zumindest drei Personen aus ihrer Geschichte: Jean de Brébeuf, Jaques Cartier und Jean Cabot.

Jean de Brébeuf war ein Missionar der katholischen Jesuiten. Geboren am 25. März 1593, reiste er in 1625 nach “Nouvelle France” (Neu-Frankreich) in Kanada, verbrachte dort den Rest seines Lebens bei den Huronen (den Wyandot). Er erlernte ihre Sprache, und schrieb während seines Lebens dort über seine Erlebnisse, um anderen Missionaren zu helfen.


photo: Jean de Brébeuf in Canada

In 1649 wurde er sowie drei andere Missionare während eines Überfalls der Irokesen auf sein Huronen-Dorf von diesen gefoltert und getötet. Er wurde in 1930 von Papst Pius XI heiliggesprochen, und in 1940 von Papst Pius XII zu einem Canon der kanadischen katholischen Kirche erhoben.
Jaques Cartier war ein Breton-Franzose, der die erste Landkarte des St.Lawrence Golf und dem Fluss zeichnete und diese „das Land Kanada“ nannte, nachdem er die Eingeborenen-Siedlungen Stradacona (Quebec City) und Hochelaga (Montreal-Insel) besuchte. Er starb in 1757.

Jean Cabot. Für uns unvergesslich: wir fanden seine Statue auf dem Weg entlang der St. Anne Bay auf Cape Breton Island in Nova Scotia im Juni 2002, in einem Gedenkpark für ihn, dem nasenlosen Mann mit den vielen Namen: Giovanni Caboto (in Italien), Juan Caboto (in Spanien), Jean Cabot (in Frankreich), und als John Cabot (in Kanada), der das nordamerikanische Festland am 14. Juni 1497 entdeckte, also im gleichen Jahr, als ein anderer Italiener, Amerigo Vespucci, das nach ihm benannte Festland Amerika entdeckte. Cabot hatte keine Nase, weil ihm Vandalen diese zerbrochen hatten.
Kein Kanadier weiß allerdings, wer Robert Bartlett, Vilhjalmur Stefanson, Rudolph Martin Anderson oder sogar Patsy Klengenberg waren, oder welche Bedeutung sie in der Geschichte des Landes hatten. Noch weniger Kanadier kennen ihre historischen Landsleute mit den unaussprechlichen Namen Higilaq und Ikpukkuaq.
Robert Bartlett aus Neufundland leitete oder begleitete in 50 Jahren mindestens ein Dutzend Expeditionen in die Arktik, inklusive Robert Peary’s Treck zum Nordpol in 1909.
Vilhjalmur Stefansson aus Manitoba war ein Anthropologe. Er machte drei arktische Erforschungen mit, darunter als Gründer und Leiter der 1913-1918 Canadian Arctic Expedition. Er schrieb etwa 24 Bücher und 400 Artikel über seine arktischen Reisen.
Rudolph Martin Anderson war Mammologe und Zoologe. Er verbrachte sieben Winter und zehn Sommer nördlich des Polarkreises, unter anderem als Führer des südlichen Teils der Canadian Arctic Expedition von 1913 bis 1918. Er war Sammler von Exemplaren von Vögeln und Säugetieren, fotografierte und katalogisierte nebenbei Informationen über eine Vielzahl von Themen.
Sein Wissen über arktische Tiere spielte eine Rolle in der Formulierung der ersten Gesetze zum Schutz des nördlichen Wildlebens. Er wurde später Chef-Biologe des National Museum of Canada.
Higilaq, zusammen mit ihrem Mann Ikpukkuaq, war Mitglied der 1913-1918 Canadian Arctic Expedition und teilte viele Einzelheiten ihrer Kultur mit dem Anthropologen Jenness.
Diamond Jenness. Higilaq war eine Schamanin der Inuit, ihr Mann ein Experte in der Jagd. Mit ihrer Hilfe lernte Jenness fast alles über das tägliche Leben der Inuit.
Er wurde zu einem anerkannten Experten in den Kulturen der Innuinait (Copper Inuit) und entdeckte die alten Kulturen an den Dorset und Bering Kuesten. Er schrieb mehr als 100 Bücher über Ethnologie, Linguistik, Archäologie und Anthropologie der Inuit. Sein gesammeltes Werk ist eine vollständige Beschreibung der Inuit-Kulturen.
Patsy Klengenberg war Sohn eines dänischen Händlers und einer Inupiat-Frau. Bereits im Alter von 14 Jahren wurde er wegen seiner Kenntnis der Inuktitut-Sprache als Übersetzer und „Mann für alles“ für die 1913-1918 Canadian Arctic Expedition angeheuert. Er wurde ein erfolgreicher Trader, wie bereits sein Vater vor ihm.
Trotz unseres in Deutschland gelernten Wissens hatten wir allerdings schon durch Bücher und andere Quellen herausgefunden, dass die Columbus-Story nicht auf Wahrheit beruhte.
Durch unsere Besuche seit 1985 von etwa 20 karibischen Inseln und Ländern wurde es uns klar, wie viel Unwahrheiten wirklich durch sie verbreitet wurde.
In jedem der Länder hörten wir dieselbe Geschichte von den Fremdenführern und lasen sie in der Touristen-Literatur der Länder: „Unser Land ist das erste, welches Columbus entdeckte!“.
Man beginnt sich schon zu wundern, wenn man einige der Lokalitäten sieht, wo die historischen Momente angeblich stattgefunden haben sollen. Columbus suchte zweifellos nach stillen und tiefen Buchten, wo seine Schiffe vor Stürmen und Riffen geschützt waren. Doch auf der Insel Gouadeloupe wurde uns eine nackte, bucht-lose Sturmküste als Columbus’ Landeplatz angepriesen.
Columbus macht vier Reisen über den Atlantischen Ozean, betrat aber niemals das Festland Nordamerikas. Zwar besuchte er einige Inseln (z.B. die heutige Dominikanische Republik – 448.442 qkm, beinahe so groß wie Spanien mit 505.990 qkm). Die enorme Größe dieser Insel machte ihn glauben, dass es das Festland wäre.
Man darf nicht vergessen, dass die Reisen von Columbus vom spanischen König Ferdinand II und der Königin Isabella, den katholischen Monarchen von Aragon, Kastilien und Leon, gefördert wurden, und dass Columbus praktisch ihre Interessen in Nordamerika vertrat. Seine Nachricht über das von ihm gefundene „Festland“ ließ natürlich den Zufluss von finanzieller Unterstützung durch das spanische Königshaus weiterhin bestehen.

photo: Leif Eriksson-wissen.de

Leif Eriksson: Ein Wikinger als wahrer Entdecker Amerikas

Der erste Europäer, der tatsächlich nordamerikanisches Festland betrat, war Leif Erikson, ein nordischer Eroberer, (als Idensson-Nachkomme ziehe ich „Wikinger“ vor, denn das liegt in unserer Familiengeschichte fest). Leif Erikson entdeckte auf einer seiner Erkundungsfahrten etwa im Jahre 1,000 Neufundland, also 500 Jahre vor Christopher Columbus’ in 1492 in der Karibik herumirrte.

Route der Wikinger nach Kanada

Im Dezember 1892, wenige Jahre nachdem der damalige Präsident der USA, Benjamin Harrison, das Jahr als das 400ste Jahr des Fundes von Nordamerika proklamierte, erschien ein Artikel in der Zeitschrift “Owassa Times” in Michigan, der die „Entdeckung“ von Columbus als sehr unwahrscheinlich darstellte.
Ein anderer schwerwiegender Fakt kam ebenfalls an das Tageslicht: die Sklavenhaltung der Spanier. Der spanische Handel mit Plantagen- und Sex-Sklaven begann mit der Ankunft mehrerer afrikanischer Sklaven in 1526. Der Ort St. Augustine im heutigen Florida war ein Teil des Vize-Königreichs von Spanien und wurde in kurzer Zeit zum Zentrum des Sklavenhandels in Amerika.
Nach heutigen Schätzungen wurden in den Jahren des Sklavenhandels seit 1526 bis zur letzten Sklavensendung nach Kuba in 1866 etwa 12 bis 12,5 Millionen Afrikaner über den Atlantik transportiert.
In Europa umspannte Sklaverei viele Kulturen, Religionen und Nationalitäten seit 3,500 BC. Franzosen, Holländer, Briten, Spanier, Portugiesen und eine Anzahl afrikanische Länder spielten eine führende Rolle im Handel der Kolonisatoren mit Sklaven in Nordamerika.
Auch Kanada war nicht ohne Sklaven. Der Historiker Marcel Trudel (1917-2011) katalogisierte die Existenz von ungefähr 4,200 Sklaven in Kanada zwischen 1671 und 1834, das Jahr, in dem Sklaverei im Britischen Reich verboten wurde. Zwei Drittel der kanadischen Sklaven waren Indianer, ein Drittel Schwarze.

 

Die Wahl der Bilder zu diesem Beitrag obliegt einzig und allein dem Autor unter der Fair Dealing Provision der kanadischen Copyright-Gesetze.

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1 Kommentar

Marc Lautenbacher 31. Januar 2022 - 19:00

Lieber Peter,
sehr, sehr schön Dein Artikel zur Geschichte Kanadas, die ich selber über 6 Monate intensiv am COLLÈGE MÉRICI studieren durfte. Zur Ergänzung hier noch eine Arbeit über Brébeuf, die ich in dem Zusammenhang recherchiert hatte:
“Mit 24 Jahren trat Jean de Brébeuf ins Seminar der Jesuiten in Rom ein, im Februar 1622 erhielt er die Priesterweihe. Am 19. Juni 1625 erreichte Pater de Brébeuf die Siedlung Québec in Kanada. Ein Jahr spÄter brach er zum Indianerstamm der Wyandot (franz. Huronen) auf, bei denen er missionierte und mit Unterbrechungen bis an sein Lebensende blieb.
Er starb am Marterpfahl durch die Irokesen, nachdem diese bei einem Kampf mit den Wyandot die Missionsstation überfallen hatten. Am 16. März 1649 wurde Jean de Brébeuf bei einem Angriff gefangen genommen. Er zog es vor, bei seinen Anhängern zu bleiben, anstatt zu fliehen und wurde in das Huronendorf Saint-Ignace geschleppt, wo er mit einem Steinregen begrüßt, geschlagen und an einen Marterpfahl gebunden wurde. In einer Scheintaufe wurde ihm kochendes Wasser über den Kopf gegossen, ein Halsband aus weiß glühenden Tomahawks um seinen Hals gelegt – als Farce des Rosenkranzes – und ein glühendes Eisen in seinen Hals und in seinen Anus geschoben. Er wurde bei lebendigem Leib verbrannt und sein Körper mit Messern aufgeschlitzt. Nach seinem Tod wurde sein Herz herausgerissen und gegessen!
Was die Folter von Brebeuf betrifft, so hatte sein Ordensbruder Christophe Regnault, der dessen sterblichen Überreste gesehen haben muss, uns die Einzelheiten überliefert. Die „Huronia-Schriften“ erwähnen, dass es bei den Irokesen üblich war, das Opfer sofort zu töten, wenn es zu weinen oder vor Schmerz zu schreien begann. Das Ritual, das Herz zu essen, war ihre Art, sich die Kraft des Feindes anzueignen, und es würde darauf hindeuten, dass Jean de Brebeuf nicht schon davor starb.
1954 entdeckte Pater Denis Hegarty SJ, einer der Patres die das Heiligtum betreuten, bei Ausgrabungen an der Stätte von Sainte-Marie-au-pays-des-Hurons (heute Lieu historique national du Canada) eine Bleiplatte in der indianischen Kapelle. Die Inschrift lautet: Pater Jean de Brebeuf wurde am 17. März des Jahres 1649 von den Irokesen verbrannt.

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