Caribou (Karibu) – die Hirsche des Nordens in Kanada

von Peter Iden

Photo by Hinterland Who’s Who

Eine Dokumentation über die Wanderungen Tausender Pronghorn Antilopen in Wyoming gab mir den Impuls für diesen Beitrag, Kanadas Hirschwanderungen der Caribous in den Northwest Territories und Nunavut.

“Woodland Caribou” ist der offizielle nordamerikanische Name für eine Unterart der Rentiere, die zur Familie der Hirsche zählt und in Kanada weit verbreitet ist. Sie sind zirkumpolar verbreitet, heimisch in der Arktis, Subarktis, Tundra sowie in borealen und gebirgigen Regionen von Europa, Sibirien, Grönland und Nordamerika.

In Kanada schätzt man aus Luftbeobachtungen einen Bestand von etwa 85,000 Tieren; in den nördlichen Wäldern 35,000, sowie etwa 200 Tiere in der Atlantic-Gaspésie Region. In den maritimen Provinzen Nova Scotia und Prince Edward Island wurde die Art während der 1920’er Jahre ausgerottet (Quelle: “Nature Canada”).

Photo by Jamie Nicholls

Anmerkung: Die Schätzungen verschiedener Quellen stimmen nicht immer miteinander überein, aber wir müssen uns mit maßgeblichen Quellen wie die der Canadian Wildlife Federation (“Hinterland Who’s Who”) und “Nature Canada” zufriedengeben.

Neufundland als Insel in der Canadian Federation blieb von der Ausrottung verschont. Heute leben mehr als 32,000 Woodland Caribous auf der Insel. In Labrador, auf dem Festland, wurde ihr Bestand im Jahr 2020 auf 8,100 geschätzt. Neufundland ist die einzige Provinz in Kanada, in der das Jagen der Caribous von nicht eingeborenen Bewohnern und Besuchern mit Jagdscheinen erlaubt ist.

“Hinterland Who’s Who” schätzt die Anzahl der Caribous in Kanada auf mehr als 2,4 Millionen, von denen einige in den spärlichen Wäldern sowie in der Tundra des weiten Nordens leben, andere wiederum ständig in der Tundra bleiben.

Photo by Wikimedia

Das Rotwild oder der Rothirsch (Cervus elaphus) gehört innerhalb der zoologischen Familie der Hirschartigen zu den echten Hirschen (Cervinae), zu denen auch Damhirsch, Reh und Elch zählen. Sie alle sind “Paarhufer”, was ihnen besondere ökologische Vorteile verleiht.

Photo by Medienwerkstatt

Während Rotwild erst vor rund zehn Millionen Jahren entstand, tauchte das Reh bereits vor etwa 25 Millionen Jahren auf. Das Reh ist also das “Vorläufermodell” oder der “Prototyp” für die  Hirsche. Zwar sind Rehe, wie auch Rot- und Damwild, Teil der Hirschfamilie, unterscheiden sich aber in ökologischer Hinsicht sehr stark von diesen.

Das Hauptmerkmal der Hirsche (lat.: Cervidae) ist ihr Geweih in verschiedenen Formen und Größen, welches in der Regel nur von den Männchen getragen wird. Da die Weibchen bei Rehen und Rothirschen (mit Ausnahmen) keine Geweihe tragen, sind sie auf den ersten Blick nur an der Größe zu unterscheiden. Hirsche sind deutlich größer und erheblich schwerer als Rehe. Auch ihre Geweihe sind deutlich mächtiger. Eine der Ausnahmen (laut “Nature Canada”) ist, dass das Caribou das einzige Mitglied der Rehfamilie ist, bei dem beide Geschlechter Geweihe haben.

In Nordamerika wird der Begriff “Stag” für männliche Rehe und Hirsche verwendet, wobei mit “Stag“ zugleich auch das Geweih des Hirsches bzw. Rehbocks bezeichnet wird.

Interessant ist eine andere Anwendung des Begriffs “Stag”. Die Tradition einer “Stag Party” oder “Bachelor Party” wurde zuerst in der Geschichte von Sparta erwähnt. Die Spartaner zelebrierten die letzte Nacht eines Bräutigams als alleinstehender Mann mit einer Mahlzeit, Trinksprüchen und Gratulationen. Heute werden “Stag Partys” von den Freunden des Bräutigams arrangiert und das Programm beinhaltet nicht selten knapp bekleidete Serviererinnen und Stripperinnen.

Ein ausgewachsener Rothirschbock hat ein bis zu 100 cm langes Geweih mit zahlreichen Verzweigungen; das Gehörn eines Rehbocks misst dagegen nur bis zu 25 cm und ist damit kaum länger als ihr Haupt. Es weist nur wenige Verzweigungen auf. Hirsche und Rehe werfen ihre Geweihe jährlich ab, Rehe schon anfangs Winter, Rothirsche erst ab Februar bis April. Die Nachbildung beginnt schon kurz danach.

Photo by Medienwerkstatt

Wer sich bei der Identifizierung des Tieres immer noch nicht sicher ist, kann nach der Wahrscheinlichkeit gehen: Beim Waldspaziergang ein Reh zu sehen, ist in Kanada sowie auch in Deutschland viel wahrscheinlicher, als einen Hirsch zu beobachten. Von hinten betrachtet, findet man aber ein sicheres Unterscheidungsmerkmal: Rehe haben keinen Schwanz. Rotwild hat einen kurzen, braunen Schwanz. Ein Tier mit einem großen weißen Fleck um den Schwanz ist ein Hirsch, mit einem nur sehr kleinen weißen Fleck am Hinterteil ist es ein Rehweibchen oder “Ricke”.

Bereits im Februar machen sich die “Stangensucher” auf den Weg in die Wildruhezonen und suchen nach den abgeworfenen Geweihen, die als innere und äußere Hausdekorationen sehr gefragt sind. Leider benutzen sie dafür oft motorisierte Fahrzeuge wie Snowmobiles, die einen erheblichen Störungsfaktor für die Tiere darstellen.

In der Kultur und Ökologie Kanadas, wo sie einst zu Hundertausenden existierten und die häufigste und einzige Art der Gattung Rangifer waren, spielte das Caribou  eine zentrale Rolle. Neben den wassergebundenen Walen, Seehunden und Fischen waren sie eine der Hauptquellen für die eingeborenen Inuit und Indianer der arktischen Küste für Fleisch und andere verwendbare Körperteile.

“Rangifer tarandus”, das Caribou, ist die einzige Spezies der Gattung “Rangifer”. In Europa heißen sie “Rentiere”. In Kanada werden “zahme”, teilweise domestizierte Caribous als “Reindeer” bezeichnet.

Caribou fighting – by AWA Vision

Caribous sind die einzige Tierart, welche im Winter boden- und baumwachsende Flechten als Nahrung verwerten kann. Während der Schneeschmelze suchen sie nach Riedgras, neuen Blättern und Blumen, welche Stickstoff enthalten. Diesen benötigen die trächtigen Kühe, um Milch zu produzieren.

Die Caribous haben konkave Hufe mit scharfen Rändern, welche ihnen das Graben im Schnee auf der Suche nach Flechten erleichtern.

In Kanada leben drei Caribou-Typen: Woodland, Barren-Ground und Peary. Sie sind unterteilt nach Eco-Typen, basierend auf Lebensraum und Verhalten. Die Woodland und Barren Grounds Caribous habe ich bereits in diesem Beitrag beschrieben. Das Peary Caribou (Rangifer tarandus pearyi), benannt nach dem arktischen Forscher Robert Peary, der sie zuerst auf den abgelegenen und verstreuten arktischen Inseln verzeichnete, welche im Winter durch Eis verbunden sind. Die Population der Peary Caribous ist schwer zu verifizieren, wird aber auf etwa 13,200 Tiere geschätzt.

Die Größe der Caribou-Herden variiert heute erheblich. In den südlichen Regionen von Kanada hat sich ihre Verbreitung stark zurückentwickelt, hauptsächlich infolge von Umweltveränderungen wie Klimawechsel und industriellen Aktivitäten, jedoch auch durch Raubtiere und Überbejagung. Motorisierte Wintersportarten wie z.B. Snowmobiling tragen ebenso ihren Teil dazu bei.

Das “Barren Ground Caribou” (Rangifer tarandus groenlandicus) verbreitet sich jahrein in den borealen Wäldern Kanadas, und man findet sie in den meisten Provinzen außer Nunavut, New Brunswick, Nova Scotia und Prince Edward Island. In den Northwest Territories sind sie eine von 5 verschiedenen Arten und dort auch am weitesten verbreitet.

Photo by Elaine Taylor

Sie sind durch ihre langen, saisonabhängigen Wanderungen zwischen ihren Winter- und Sommerweidegebieten bekannt. Bis zu 35,000 Barren Ground Caribous wandern im Frühling und Herbst mit ihren Herden zu und von ihren Kalbungsgründen in den Northwest Territories und Nunavut.

Die in Kanada zahlreich anzutreffenden Elche (Moose) sind, gleich anderen Elchen der Welt, die einzigen Hirsche, die auch unter Wasser äsen können. Moose sind zwar keine Herdentiere, aber von der Grenze Alaskas bis zur östlichen Spitze von Newfoundland und Labrador verbreitet. Man nimmt an, dass Kanada zwischen 500,000 und 1 Million Moose beherbergt (Quelle: Canadian Wildlife Federation).

Die Pronghorn Antilope (Antilocapra ameriicana) ist die einzige endemische Art Nordamerikas ihrer Gattung und wird augenblicklich noch nicht als umweltgefährdend angesehen.

Quelle: Wikipedia

Auch sie gehen zweimal im Jahr auf lange Trecks. In Wyoming ziehen sie im Frühling, entlang der Westflanke der Wind River Range Berge, in die 3,400 Meter hohen Berge eben südlich des Yellowstone National Park.

In Kanada leben etwa 1,2 Millionen Barren Ground Caribous in acht großen Herden, welche saisongebunden zweimal jährlich von der Tundra in die Taiga wandern (Quelle: Hinterland Who’s Who).

Luftüberwachungen verzeichnen jedoch einen Rückgang der Anzahl der Barren Ground Caribous. Es gibt zahlreiche Gründe dafür und auf die meisten davon haben wir wenig Einfluss. Wetter, Nahrungsverfügbarkeit und Ausbreitung von Krankheiten, Klimaveränderung sowie menschlicher Druck durch Farmen und industrielle Entwicklung sind nur einige davon.

Die Spezies Woodland Caribou (Rangifer tarandus caribou) wurde im Jahr 2002 von dem kanadischen COSEWIC Tierstatus-Kommittee als “gefährdet” klassifiziert. Woodland Caribous, im Gegensatz zum Barren Ground Caribou, finden sich nicht zu riesigen Herdenansammlungen zusammen und sind mehr verteilt in ihren Weidegründen. Ihre Saisonwanderungen sind nicht sehr weit ausgedehnt.

In Alberta gibt es nur Woodland Caribous (Rangifer tarandus caribou), allerdings in 17 Spezies, von denen 15 in kleineren Herden auf provinziellem Land und 2 in den Nationalparks Jasper und Banff leben. Es existieren jedoch zwei “Ecotypen”, das Boreal Woodland Caribou und das Mountain Woodland Caribou, welche, obwohl sie derselben Art angehören, einige den Landschaften genau angepasste Verhaltensmuster entwickelt haben.

Eine weitere “wandernde” Tierart in Kanada sind die Lemminge, welche zwar keine Trecks im Sinne der Antilopen und Caribous unternehmen, jedoch infolge periodischer Überbevölkerung, in welcher sich die Population durch  Produktion zahlreicher Nachkommen (wie auch bei Mäusen und Ratten) innerhalb einer Saison mitunter verzehnfacht, aus Nahrungsmangel zu Wanderungen in den Barrens der Hudson Bay Region veranlasst werden.

Lemminge sind eine Quelle für zahlreiche Legenden, wie beispielsweise ihr Streben zum Selbstmord, dem auch Walt Disney in seinem Film aus dem Jahr 1958 ,“White Wildernis,” zum Opfer fiel. Seine Darstellung des “Selbstmords” von Lemmingen wurde inzwischen als durch Kameratricks gefälscht entlarvt. Der für seinen Film verliehene Preis wurde jedoch nie widerrufen.

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