„Glück auf, Sudbury“ – eine Liebeserklärung!

von Ira Hoch

„Why Sudbury?“ Die Frage hörte ich mehrmals, untermalt von düsteren Beschreibungen, dort sei doch alles kahl und schwarz und überhaupt, wer wolle denn dorthin? Die Schilderungen passten gut zu der Tatsache, dass selbst mein Reiseführer über Kanadas Osten die flächenmäßig immerhin zweitgrößte Stadt Kanadas nicht mal erwähnte, abgesehen von der Landkarte, da fand man sie oberhalb der Georgian Bay in der Kurve zum Westen.

Dabei ist die Geschichte Sudburys faszinierend! Die Stadt liegt im Sudbury-Becken, dem zweitgrößten Einschlagskrater der Erde, verursacht durch einen rund 10 km großen Asteroiden vor etwa 1,8 Milliarden Jahren. Am Rand und Boden des ehemaligen Kraters finden sich die reichsten derzeit bekannten Nickellagerstätten. Sie entstanden während der Verschmelzungen beim Aufprall und führten ab Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Bergbauboom in der neuen Siedlung Sudbury. Der Abbau von Nickel und Kupfer dauert bis heute an und führte in der Vergangenheit zu starken Verschmutzungen. So heißt es in einem Bericht von Ökosystem Erde: „In den Nickel-Kupfer-Hüttenwerken im kanadischen Sudbury wurde das Erz unter freiem Himmel verhüttet; als 1920 der erste Schlot gebaut wurde, war die Umgebung bereits in eine schwarze Wüste verwandelt.“ Ich denke, diese Beschreibung einer Mondlandschaft lebte in den Gedanken der Leute weiter.

Wir fuhren auf dem Highway 400 über Barrie Richtung Norden. Die in weiten Teilen zu Farmland kultivierte Landschaft des Südens veränderte sich schlagartig ab Port Severn, etwas nördlich des Trent Severn Waterway, welcher Lake Huron mit einer Vielzahl von kleineren Seen und Flussläufen so verbindet, dass es möglich ist, über diese Wasserwege mit dem Boot von Lake Huron bis zu Lake Ontario zu gelangen. Die Gesteinsschichten des Canadian Shield treten hier eindrucksvoll hervor und bilden mächtige Wände entlang der Straße, die zum Teil tief in die Felsen hineingeschnitten werden musste. Zahllose kleine und größere Seen säumen den Highway, hier ist Wildnis, und mit etwas Glück kann man Elche, Deer und andere Tiere entlang der schilfbewachsenen Wasserlandschaften sehen.

Unbedingt halten sollte man am French River Trading Post, einer Raststätte, die neben Gastronomie und einmaliger Eiscreme einen Shop für kanadische Produkte beherbergt. Handgefertigte Mokassins, Kleidung und Lederwaren neben Köstlichkeiten wie Fudge und anderen Spezialitäten findet man an diesem Ort, der schon vor Jahrhunderten eine Schnittstelle des Handels der indigenen Menschen mit Trappern und Pelzhändlern war.

Sudbury selbst empfängt den Besucher zunächst mit sachlicher Miene, schlichte Mehretagengebäude, Appartementhäuser und einfache Motels säumen die Straße von Süden her. Schon von weitem konnten wir den Inco Superstack, den 381 Meter hohen Schornstein auf dem Gelände der weltweit größten Nickelhütte, der Inco´s Copper Cliff Hütte, erkennen. In Kanada wird er nur vom CN Tower in Toronto überragt. Die Stadt erstreckt sich weitläufig aufgrund des felsigen, unregelmäßigen Untergrundes, der die Bebauung erschwert. Überall zwischen den Gebäuden und Straßen erheben sich Felsbrocken, Hügel und Gesteinsanhäufungen, auf welchen junge Bäume und niedrige Sträucher wachsen, ihr frisches Grün schmeichelt den facettenreichen Vierteln. Mir fielen besonders Birken, Erlen und Pinien auf, diese Arten scheinen mit dem Untergrund besonders gut zurechtzukommen. Seit den 70-er Jahren wurde intensiv begonnen, die industriebedingte Luftverschmutzung drastisch einzuschränken und die ehemals schwarz verfärbten Felsen wuschen sich im Laufe der Zeit wieder rein.

Seit 1979 gibt es ein städtisches Pflanzprogramm, das über 9,5 Millionen
Jungpflanzen ausbrachte und es gab Aktionen für Schulklassen,
die über Jahre hinweg auf all den sich langsam erholenden Flächen Baumsamen
und Pflänzlinge pflanzten. Das Ergebnis war bewegend, Einwohner erzählten mir
zu unserer Jugend gab es hier nichts als nackten Fels“, und auch ich fühlte den Rückenwind, den diese Veränderungen mit sich brachten.
Ausgewaschene Mulden wurden sorgsam mit Erde befüllt, die Jungpflanzen durchwurzelten sie und hielten sie am Ort, nun standen hier junge Wälder.

Während meines Aufenthaltes sollten mich die Menschen und ihre Stadt noch oft beeindrucken. Kleine, sehr kreative Straßenfestivals, Pubs und Restaurants fanden sich Downtown, die Künstlerszene verwandelte triste Hausfassaden zu Botschaftern des Stadtgeistes, hübsche Patios hatten entlang der Straßen Platz genommen und man konnte von einem gastlichen Spot gleich zum nächsten pendeln. Auffällig viele Geschäfte und Restaurants zeigten sich entschieden biologisch, vegetarisch oder vegan ausgerichtet, sei es in den Bereichen Ernährung, Kleidung oder Kosmetik. Besonders junge Menschen gingen das Wagnis ein, durch Unternehmensgründungen diese moderne Orientierung zu verkörpern und damit das Stadtwesen zu bereichern.

Nach ihrer Stadt befragt antwortete Megan vom Ontario Peaches Smoothiestand mit einem Lachen: „Well, we are pretty outdoory!“

Und das bringt es auf den Punkt! Umsäumt von Seen, ist das Wasser stets in der Nähe. An einem warmen Tag lädt Bell Park am Ramsey Lake mit seiner langen Promenade entlang mehrerer Strände die Bevölkerung zum Badespaß ein, der im Wasserwelten-Spielepark Splash N Go Adventure Park für Kids sein Highlight findet. Keine kostenpflichtigen Badezonen, sondern öffentliche Umkleiden mit Duschen und Toiletten, Rastbänke mit Tischen für Picknicks, Liegewiesen und eine gepflegte Parklandschaft machen Bell Park zu einer Oase nahe dem Stadtzentrum, direkt am Seeufer, während die Sommerkonzerte im Amphitheater für Atmosphäre sorgen.

Richtig begeistert hatte mich ein Besuch der Interaktiv-Museen Science North am Ramsey Lake und Dynamic Earth gleich neben dem Big Nickel, die sowohl regionale Naturschutz – und Forschungsprojekte als auch den Bergbau auf fortschrittlichste Weise digital wie analog erlebbar machen.

Der Campus der Laurentian University liegt direkt vor dem Einstieg in die zahlreichen Trails des Lake Laurentian Conservation Areas und überblickt Ramsey Lake. Was für ein Ort, um zu studieren! Noch am Campus fanden wir Hinweistafeln für Bärensichtungen. Bären im Bereich des Stadtbezirks, das war schon was! Wir wanderten den Beaver Trail, entlang des Beaver Pond, vorbei an riesigen Biberbauten und Dämmen, hier konnten wir die kleinen Landschaftsarchitekten auf frischer Tat ertappen.

Ein Anstieg führte uns zu einem Aussichtspunkt, unter welchem sich der See ausbreitete, mit Sicht auf die kleinen Inseln und die Universität weit im Hintergrund. Als wir still unsere Blicke schweifen ließen, hörten wir den heulenden Ruf eines Loons, des Nationalvogels Kanadas. Er genießt einen ganz besonderen Status und ist auf die 1-Dollar-Münze graviert, die daher liebevoll Loonie genannt wird. Und während ich gerade noch damit befasst war, all die Eindrücke irgendwie zu ordnen, sah ich einen Weißkopfseeadler hinaus übers Wasser fliegen, was mir vollends die Sprache verschlug.

Ein perfekter Augenblick!

Wir sind zweimal nach Sudbury zurückgekehrt. Die Nähe zu Killarney Provincial Park und Algonquin Provincial Park macht einen großartigen Standort aus. Sudbury selbst verkörpert die Seele des Bergbaus. Ausdauernd, echt und unbeugbar klopfte es sich den Staub aus der Schürze, wusch das Gesicht, hob es ins Licht und packte die Zukunft an. Bunt, entschlossen und lebhaft repräsentiert es nun die Vielfalt seiner multinationalen Einwohner und beschenkt diese großherzig mittels seiner naturgegebenen Vorzüge. Es lebt mit und unter den Gegebenheiten der Landschaft, mehr weit als hoch, und verschmilzt schon kurz hinter seinen Linien wieder mit der Natur.

Ich bin leidenschaftlich verliebt in diese Stadt und wer ernsthaft fragt „Why Sudbury?“, der war schon lange nicht mehr hier!

 

Siehe auch:  Am Straßenrand in Kanada – The Big Nickel, Sudbury, Ontario

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4 Kommentare

Ira Hoch 27. Oktober 2022 - 15:32

Thank you for the comments, Sudbury’s history is certainly very remarkable. Just a few days ago, the German television station ARD showed a documentary that, starting at minute 36.14, addressed the astonishing successes of intelligent renaturation and modern developments in industrial mining for the environment in Sudbury. The restoration process is now considered exemplary, particularly given the encouraging soil and water analyzes regularly reviewed by Professor Peter Beckett’s team at the Laurentian University of Sudbury.

https://www.ardmediathek.de/video/dokus-im-ersten/schmutziges-kupfer-die-dunkle-seite-der-energiewende/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzcwOGYwYjQ1LTE0NDQtNDE4MC1hNzczLTJkMjFkMWIyY2NlOA?fbclid=IwAR2RHCz_dZSXdJSJ3WnOU8rEq-p3nejnce-SzyR7_7qzzEvRk49HJ2palDg

Antworten
Peter Iden 24. Oktober 2022 - 19:39

Hallo, Ira: Wir haben die “schmutzige Zeit” von Sudbury in den 50’er und 60’er Jahren gesehen und miterlebt. Die Felsen waren selbst weiter suedlich noch schwarz; eine Mondlandschaft, welche die Astronauten als Training fuer ihren ersten Besuch auf dem Mond benutzten. Schwimmen und Kanufahren waren ein Schaer-Erlebnis mit gewaltigen gruenen Algenfeldern im Wasser. Unser weisser Hund Bongo rannte zwischen den Felsen als “Mond-Kreatur” herum!
Was die Stadt dann fertig brachte ist einen gewaltigen Schornstein aufzurichten, der ihren Schmutz, den Rauch und ihre Giftgase mit dem Wind ueber das gesamte Ontario zu verbreiten.
Damit fand jedoch die Geschichte von der Sudbury noch kein Ende, aber ist zu lang, um sie hier weiter zu beschreiben.
Herzliche Gruesse, Peter.

Antworten
Chris Evans 26. Oktober 2022 - 20:18

Dear Peter: I have also been to Sudbury , born there in 1953, however i left in 1974 for employment in a field of interest – in Toronto. Where you may not swim in Lake Ontario due to filth overflow from the big city. We did swim in Ramsey lake in the centre of Sudbury – not too many cities i know of can you go to a fresh water lake to swim all summer. It also provided us with drinking water, spring fed. As for the Astronauts , they came to Sudbury to be trained for meteorite evidence – scattercones in the rock from that early meteor that made Sudbury famous for mineral availability. yes there was pollution – which caused an area of exposed black pre Cambrian rock – yet drive 20 km and you are in forested wilderness. That wilderness now extends right into the city as for decades of tree planting by students, and better pollution control. I believe there are even some areas of Germany that have improved since 1950s…..As for Sudbury , the schoolmates i know that left along with me – all are grateful for our years until 18 or 20 , to be raised in Sudbury – which offered so much we now miss, but return to.

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