Geduldsprobe – meine Erfahrungen mit der Einbürgerung in Kanada

von Marc Lautenbacher

Detaillierter Erfahrungsbericht – obwohl schon “ein paar Tage” her – über den gesamten bürokratischen Ablauf der überraschend vielschichtigen Etappen meiner Einwanderung nach Kanada, samt meiner Erlangung der kanadischen Staatsbürgerschaft im März 2013 – alles nur mit sehr viel Geduld zu bestehen!

Im März 2005 hatte ich die Entscheidung endgültig getroffen, von München in die Hauptstadt der größten kanadischen Provinz Québec auszuwandern – Kategorie “family class”. Québec einfach deshalb, weil dies die Heimatstadt meiner kanadischen Freundin Marie ist und ich die Gegend im Verlauf von mehreren Jahren besucht und damit kennen und lieben gelernt hatte.
Den Antrag auf „Dauerhafte Aufenthaltserlaubnis“ stellte ich dann im August 2006 – mit einem sage und schreibe 34-seitigem Formular plus 18 Seiten diverser Begleitunterlagen. Die Gebühren: 975 Euro plus Übersetzungen, Porto und Kopien. Gleichzeitig stellte meine kanadische Freundin ihren “Antrag auf Bürgschaft”. All das sendeten wir nach Wien, wie wir über die Webseite der kanadischen Einwanderungsbehörde herausgefunden hatten. Pustekuchen, es war leider falsch, denn für Québec ist die kanadische Botschaft in Berlin zuständig. Also kam unser Antrag nach 6 Wochen per Post zurück zu uns nach Hause nach München mit dem Hinweis, alles nach Berlin zu senden.

Schon Ende September 2006 erhielten wir ein Schreiben aus Berlin mit der Genehmigung des “Antrages auf Bürgschaft” sowie mit der Aufforderung, meinen Gesundheitszustand untersuchen zu lassen. Man schickte uns eine Liste mit den von der kanadischen Regierung zugelassenen Amtsärzten zu. Einer davon war im gleichen Stadtviertel wie unsere damalige Wohnung ansässig und ich bekam sehr rasch einen Termin. Ergebnis: Alles in bester Ordnung! Kosten: 350 Euro.

Im Dezember 2006 kam wieder ein Brief aus Berlin mit der Anforderung einer Gesundheitsuntersuchung meiner beiden Kinder aus erster Ehe, sonst könne mein Antrag nicht weiter bearbeitet werden. Grund: Da das kanadische Gesundheitssystem steuerfinanziert und damit für alle Staatsbürger kostenlos ist, müssen sämtliche Familienmitglieder eines jeden Einwanderungswilligen untersucht werden, auch wenn sie nicht selbst immigrieren. Diese Gesundheitsuntersuchung der Kinder machten wir bei gleichen Amtsarzt, Kosten: 350 Euro – und das zwei Mal, natürlich!

Nach zwei Jahren Vorbereitung – Abflug nach Kanada

Exakt am 28. März 2007 flogen wir nach Québec. Unsere Privatgegenstände hatten wir zwei Tage zuvor von einem Transportunternehmen abholen lassen und so kampierten wir die letzte Nacht in „Good Old Germany“ im Schlafsack auf der Ikea-Bett-Couch. Die hatten wir zuvor an Freunde verkauft und sie stellten uns netterweise „ihre“ Couch bis zur Abreise zur Verfügung. In Québec angekommen bezogen wir ein voll möbliertes Apartment, das wir von Deutschland aus angemietet hatten und ruhten uns erst einmal vom Stress der vergangenen Monate aus. Eine große Etappe war ja damit geschafft.

Im Mai 2007 kam eine Hiobsbotschaft, wieder aus Berlin, nach Kanada eingetrudelt: Leider sei meine Gesundheitsuntersuchung nicht mehr gültig, da sie schon länger als 6 Monate zurückliege. Außerdem sei die falsche Gebühr bezahlt worden. Den Betrag hatten wir auf der Webseite der kanadischen Einwanderungsbehörde gefunden. Er war aber zu dem Zeitpunkt offenbar nicht mehr gültig – man hatte versäumt, den richtigen Betrag ins Internet zu stellen. Also kam eine Rücküberweisung bei uns an sowie die Neuanforderung des richtigen Betrages von nur 490 Dollar. Als kleines Bonbon waren es auf einmal weniger Gebühren, als die 975 Euro, die wir im Vorjahr beglichen hatten.

Sofort machte ich mich auf, die neue Gesundheitsuntersuchung in Québec vornehmen zu lassen, sie heißt hier “Examen medical pour l’immigration au Canada”. Freundlicher Weise hatte man uns eine Liste der hiesigen Amtsärzte mitgeschickt. In Montréal gab es 29 Arztpraxen, in Québec nur 2! Eine war von unserem Interimswohnsitz sogar zu Fuß erreichbar und ich konnte noch in derselben Woche einen Termin bekommen. Der Arzt, Dr. Guillermo Delmonte, ein Argentinier, war lange nicht so streng wie in Deutschland. Auch kostete seine Untersuchung ein Taschengeld von nur 120 Dollar. Er schickte mich zur Blut- und Urinanalyse in ein anderes Labor in Québec (Kosten 67 Dollar) sowie zur Röntgenaufnahme (Kosten 45 Dollar), also alles in allem 232 kanadische Dollar – knapp die Hälfte als in Deutschland.

Einen Monat später kam ein Brief der kanadischen Einwanderungsbehörde in Mississauga über den Erhalt der Zahlung und Weiterleitung an die Behörde für die “Dauerhafte Aufenthaltserlaubnis” oder wie es hier heißt, “Residence permanente”. Kein Wort über den Erhalt der Gesundheitsuntersuchung, komisch! Ich fragte sicherheitshalber nochmals bei Dr. Guillermo Delmonte nach. Er hatte erst vor wenigen Tagen die ganzen Unterlagen per Post weitergeschickt, also nicht unmittelbar im Mai kurz nach der Untersuchung, wie ich vermutet hatte. Man entwickelt ja beinahe einen siebten Sinn, um Unwägbarkeiten zu erspüren!

“Bienvenue au Canada!”

Wieder einen Monat später, im Juli, kam das lang ersehnte Schreiben der kanadischen Botschaft Berlin – endlich ein Lichtblick. Es war die Anforderung meines deutschen Reisepasses inklusive mehrseitigem Formular mit der Bitte, die Hin- und Rücksendung per internationalem Kurierdienst im Voraus zu begleichen. Gesagt, getan. Und schon am 2. August 2007 erhielt ich aus Berlin meinen deutschen Reisepass inklusive Visum zurück, gültig bis 11. Januar 2008. Ein für mich ungewöhnlicher Absatz in diesem Brief, der wie alle Anderen auf Englisch verfasst wurde, war die Aufforderung, sich zur offiziellen Einreise nach Kanada doch bitte an einen “Port of Entry” zu begeben. Mit anderen Worten, ich sollte mich persönlich an irgend eine kanadische Staatsgrenze begeben, um wieder ins Land einzureisen. Weiß der Himmel, was man damit bezwecken wollte? Nur, man hat ja absolut keine Wahl.

Doch zum Glück liegt Québec-Stadt bloß 165 Kilometer von der Grenze zu den Vereinigten Staaten entfernt. Ganz nach meinem Lebensmotto: “Kein Nachteil ohne Vorteil!” fuhren wir die rund zweieinhalb Stunden nach Armstrong, dem nächst liegenden Grenzposten. Dort angekommen drehten wir nach dem Grenzübertritt in die USA mit dem Auto einfach wieder um und reisten so wieder nach Kanada ein. Dort erhielt ich von der ausgesprochen hübschen, jungen Grenzbeamtin Claudette Allain endlich meine “Dauerhafte Aufenthaltserlaubnis” oder auf Französisch “Residence Permanent” – noch provisorisch als Durchschlag eines teilweise handgeschriebenen Formulares. “Bienvenue au Canada!” sagte Claudette mit einem zauberhaften Lächeln und ich fühlte mich fantastisch gut an diesem wunderbaren Tag mit strahlend blauem Himmel. Ich weiß es noch wie heute.

Im Oktober kam dann mit der Post mein offizieller Ausweis “Residence Permanent”, gültig für 5 Jahre. Nur wenig später kam ebenfalls mit der Post meine kanadische Sozialversicherungs-Nummer in Form einer Plastik-Karte. Damit war ich sozialversichert – ein gutes Gefühl.

Französischkurs mit 16 Mitschülern aus 13 Nationen

Schulausflug mit meinen Mitschülern aus 13 Nationen.

Schulausflug mit meinen Mitschülern aus 13 Nationen.

Den darauffolgenden Winter wollte ich nutzen, um mein Schulfranzösisch zu verbessern und ich absolvierte ab Januar 2008 einen Sprachkursus an der renommierten Universität Laval in Québec-Stadt. Die so genannte „Francisation“ dauert 14 Wochen und von montags bis freitags jeweils von 8.30 bis 15.00 Uhr. In meiner Klasse gibt es 16 Mitschüler aus 13 Nationen: Algerien, Brasilien, Rumänien, Russland, Japan, China, Bulgarien, Deutschland, Kolumbien, Peru, Iran, Venezuela und der Ukraine. Dies hatte den Vorteil, dass wir uns alle untereinander ausschliesslich auf Französisch unterhalten konnten. Hat man danach das geforderte Niveau – so, wie ich – erreicht, so darf man zusätzlich noch einen Kursus für geschriebenes Französisch belegen, den ich ab Dezember 2009 absolviere. Denn Französisch schreiben ist ein Himmelweiter unterschied zu Französisch sprechen! Dieser Kurs dauerte insgesamt 7 Wochen, werktags von 8.30 bis 12.30 Uhr, ebenfalls bezahlt von den Einwanderungsbehörden. Ich nehme das Angebot dankbar an und buche es als Rückzahlung der beträchtlichen Einwanderungsgebühren ab.

Nun war ich fit für die Staatsbürgerschaft und hatte die Wartezeit von 1095 Tagen dauerhaftem Aufenthalt auf kanadischem Staatsgebiet erreicht. Mein Antrag war somit zulässig, den ich mit einem 8-seitigen Formular und Gebühren von moderaten 200 Dollar stellte. Das Ganze sandte ich am 24. März 2011 per Einschreiben/Rückschein an die Behörde zum “Case Processing Centre” nach Sydney in Nova Scotia. Was gut gemacht ist: Man kann die Bearbeitungsdauer auf der Internetseite der Einwanderungsbehörde jederzeit überprüfen und so schaute ich nach Erhalt eines Empfangsschreibens sofort nach. Die Auskunft: Bearbeitungsdauer 19 Monate. Ich konnte also Ende 2012 mit meiner Staatsbürgerschaft rechnen.

Da jedoch im Oktober 2012 meine “Résidence permanent” abgelaufen wäre, verlängerte ich sie vorsichtshalber im Juli, sonst hätte ich keinerlei Status gehabt. Aber wie schön: schon vier Monate später erhielt ich ein Schreiben der Behörde, die mich nach Montréal einlud, um mir persönlich den neuen Ausweis meiner “Dauerhaften Aufenthaltserlaubnis” zu überreichen. Ich fuhr von Québec mit dem Bus um 6.00 Uhr in aller Herrgottsfrühe los, damit ich den Termin um 10.00 Uhr pünktlich einhalten konnte. Das Ganze dauerte dann bloß 30 Minuten. Wie ich später erfuhr, hatte die kanadische Regierung alle Außenstellen der Einwanderungsbehörde auf Grund von Einsparungen schließen lassen und sie nach Montréal zentralisiert. Somit muss sich ausnahmslos jeder Antragsteller persönlich nach Montréal begeben – egal, wo sich in der riesigen Provinz Québec sein Wohnsitz befindet. Ich traf eine Belgierin bei der Rauchpause vor dem Gebäude, die von “Havre-Saint-Pierre” anreisen musste. Das sind exakt 1120 Kilometer Landstrasse – einfache Wegstrecke!

Gute Vorzeichen zum feierlichen Schwur

Nach turbulenten Weihnachtsfeiertagen und dem noch aufregenderen Jahreswechsel kam dann im Januar 2013 wieder ein Brief trotz falscher Hausnummer – jedoch dank unserer aufmerksamen Briefträgerin – zum Glück richtig bei uns an. Es war die Einladung zur Überprüfung sämtlicher Kopien der Immigrations-Unterlagen, die ich bereits vor zwei Jahren abgeschickt hatte. Man wollte offenbar auf Nummer sicher gehen und ich sollte alle Originaldokumente persönlich mitbringen. Dazu musste ich wieder von Québec die 350 Kilometer nach Montréal reisen – ich kannte ja nun den Weg.

Mein Termin war um 13.35 Uhr. Ich durfte in einem großen Wartesaal Platz nehmen, wurde nach kurzer Zeit namentlich aufgerufen und in einen mit dunklem Holz vertäfelten Saal geführt, wo ich mit rund 20 anderen Leidensgenossen warten sollte. Vor mir kam eine Dame mit hörbar spanischem Akzent dran. Der Beamte hatte große Schwierigkeiten, ihr die notwendigen Informationen zu entlocken, da sie ihn offensichtlich nicht gut verstand – weder auf Französisch noch auf Englisch. Er hatte eine bewundernswerte Geduld und ich konnte das Schauspiel gut beobachten, bis mich „meine“ Sachbearbeiterin aufrief. Sie schaute jeden einzelnen Stempel in meinem Reisepass genauestens an, überprüfte sämtliche Eintragungen auf dem Antragsformular akribisch, um mir danach einige Fragen auf Französisch zu stellen. Dies sicherlich, um mein Sprachniveau ein wenig zu testen. Ganz nebenbei erfuhr ich, dass ab einem Alter von 55 Jahren kein Examen mehr zur Prüfung der Sprachkenntnisse erforderlich ist. Aber alle Angaben waren korrekt und die Sachbearbeiterin sagte mir, ich bekäme so in ein bis drei Monaten eine Einladung für die Zeremonie – natürlich wieder in Montréal.

Zum guten Schluss ging dann alles recht schnell: Früher als gedacht, bereits am 25. Februar 2013, kam die Einladung zur feierlichen Zeremonie. Sie sollte schon zwei Wochen später als das Briefdatum stattfinden. Beim mehrfachen Studium jeder Zeile dieses Briefes fiel mir ein kleiner Hinweis besonders auf: „Bei Nichterscheinen zum angegebenen Termin muss ein vollständig neuer Antrag gestellt werden!“ Selbstredend, dass wir, meine Freundin und ich schon einen Tag früher nach Montréal reisten, dort übernachteten um anderntags pünktlich wie die Uhr zu erscheinen.

Der Saal der griechischen Gemeinde von Montréal, wo ich am 13. 3. 2013 meinen zweiten Geburtstag feiern durfte: welch' schönes Datum!

Der Saal der griechischen Gemeinde von Montréal, wo ich am 13. 3. 2013 meinen zweiten Geburtstag feiern durfte: welch’ schönes Datum!

Am 13. März 2013, 9.00 Uhr, findet die feierliche Zeremonie zur Staatsbürgerschaft, das Ablegen des Eides sowie den Erhalt meiner Staatsbürger-Urkunde in Montréal statt. Es sind 410 Kandidaten aus 72 verschiedenen Nationen anwesend und es ist furchtbar aufregend für mich – das Herz klopft mir bis zum Hals – offensichtlich für einige Andere auch! Die Immigrationsbehörde musste auf den wesentlich größeren Saal der griechischen Gemeinde von Montréal ausweichen, um alle Einwanderer samt ihren teilweise zahlreichen Familienangehörigen aufzunehmen. Ich erfahre am Rande, dass es eine „Session“ am Vormittag und eine weitere am Nachmittag des gleichen Tages geben soll. Am darauf folgenden Montag beantrage ich schon den kanadischen Reisepass bei der hiesigen Passbehörde in meiner neuen Heimatstadt Québec. Wartezeit: 40 Minuten, Gebühren: schlappe 20 Dollar.

23. März 2013: Heute, ganz in der Frühe, habe ich meinen kanadischen Reisepass bekommen, per Postbote – einfach so. Geschafft!

Text und Fotos: Marc Lautenbacher / Québec-Canada

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