Cattlework and Horsemanship – Ranchriding nach Westernart in Ontario

von Ira Hoch
Ranchriding nach Westernart in Ontario

Fährt man am Spätnachmittag von Toronto aus knapp zwei Stunden südlich Richtung Dufferin County auf der Suche nach der Rawhide Adventure Ranch in Mulmur, so kann es leicht passieren, dass man sich in der Wildnis verliert und, umgeben von wilden Turkeys, Deer oder Porcupines, mit verwirrtem GPS irgendwo im Nirgendwo am Straßenrand strandet. Wie schon die Homepage mahnt:

DO NOT use your GPS to find us! It will take you through some CRAZY backroads where you don’t want to be!

Richtig! Das wusste ich jetzt auch! Als ich dann aber endlich Peace Valley erreichte und in die Auffahrt der Ranch einbog war klar, dieser Ort war es wert gefunden zu werden! Die Gebäude lagen mit dem Rücken zum Waldrand, von hier aus eröffneten sich in der typischen Landschaft aus weich anmutenden, rollenden Hügeln schier unendliche Flächen aus Grasland. Über 300 Rinder und etwa 40 Pferde lebten hier so frei wie irgend möglich. Für die kommenden Wochen würde das also mein Zuhause sein. Ich stieg aus und schaute mich erst einmal um, schon hörte ich eine Stimme rufen: Hey Ira, nice to see you, don´t worry, the dogs are friendly. Tatsächlich hatten mich Roady und Rusty, zwei fröhliche, mittelgroße Hundemädchen, längst entdeckt und beflissen verbellt.

Ich durfte das B&B beziehen und war begeistert, als wir auf dem Weg zum Zimmer den Gemeinschaftsraum durchquerten. Er glich einem Saloon und der lange Tisch, das Piano, die vielen liebevoll zusammengetragenen Unikate und die Fachbücher in den Regalen zeugten von einer Menge stimmungsvoller Abende unter Gleichgesinnten, die die Leidenschaft für Pferden und das Interesse für die Reitweise und Geschichte des Westens teilten.

Meet some of the finest horses east of Calgary, versprach die Homepage und es stimmte schon, während das Herz Albertas western schlug, war hier in Ontario ja eigentlich Rennpferdeland und die Westernreitweise gar nicht so häufig zu finden.

Trab- und Galopprennen waren lange Zeit liebgewonnener Zeitvertreib vieler Leute hier und wer konnte, zog sich ein paar Renner direkt hinterm Haus oder investierte gleich so richtig in die Zucht, Legenden wie Northern Dancer oder Nijinsky II waren hier geboren. Die vielen Rennbahnen auf und ab in der Provinz zeugten noch von diesem Volkssport, der Pferdebegeisterung mit dem Nervenkitzel verband, womöglich ein paar Dollar beim Wetten zu gewinnen.

Fast jedes größere Städtchen leistete sich eine und besonders Trabrennbahnen waren häufig, da diese Pferde robuster waren und dabei gut mit den kleineren Bahnen zurechtkamen. Zwar war der Glanz der alten Tage verblasst, als Rennbahnbesuche ein sonntägliches Familienevent waren und jedes Kind die Stars der Racetracks kannte, stattdessen hatten Spielautomaten und Casinos in den Hallen der Rennveranstalter Einzug gehalten, wo sie die Spiellust ebenso schnell wie armselig bedienten, doch die Leidenschaft für Vollblüter war immer noch vorhanden.

 

Bei der Fahrt übers Land erstreckten sich großzügige Koppeln mit den eleganten weißen Zäunen links und rechts der Straßen und erzählten von noblen Thoroughbredgestüten, auch wenn sich dahinter nun immer mehr Sportpferde oder Ponys fanden.

Wollte man aber Westernpferde, Rodeos und Cowboys erleben, dann war man im Westen besser aufgehoben. Was die ländliche Trabrennbahn für Ontario war, bediente dort das regionale Rodeo der kleineren Städte in der Provinz. Der spektakuläre Woodbine Racetrack in Toronto, eine der einflussreichsten Pferderennbahnen der Welt, fand sein Western-Pendant in der Calgary-Stampede, dem weltweit größten Rodeo, in Alberta im Westen Kanadas.

Damit war die Rawhide Adventure Ranch hier in Ontario beides: die große Ausnahme und aufregend anders zugleich!

Noch am selben Abend lernte ich die Familie kennen, die Ranch stand auf zwei Standbeinen, dem Reitbetrieb und der Zucht von Black Angus Rindern, da ging die Arbeit nie aus. Für einen jungen Gast aus Frankreich, der für eine Saison in allem unterstützte, was rund um die Ranch, die Pferde, die Trailrides und das Cattlework zu tun war, wurde sie zur Familie auf Zeit. Er begleitete das Team bei den Forest Rides und den Cattle Clinics, bei welchen Reitgäste direkt in die Rinderarbeit einbezogen wurden, die Herde auf neue Weideflächen trieben oder eine Auswahl von Rindern abzusondern lernten. Auf den weitläufigen Forest Rides konnten Gäste ihre Reitkenntnisse erweitern, die Rittführung orientierte sich dabei am gegenwärtigen Stand und den individuellen Zielen der Reiter. Ebenso erlebte er das Training der Pferde und die Methoden dazu hautnah auf den Reitplätzenoder in der Reithalle der Ranch und wurde für einige Monate part oft the whole thing, eine exzellente Chance, Reisen mit etwas Abenteuerlust zu verbinden und dabei einen Blick über den Tellerrand in andere Arbeitsweisen zu werfen.

Eine Win-win-Situation für beide Seiten, und Bewerber sind auf der Ranch jederzeit gerne gesehen.

So fand ich mich gleich am nächsten Morgen im Sattel der Paintstute Dolly wieder, um zum ersten Mal in meinem Leben einen Rindercheck vom Sattel aus zu begleiten, was bedeutete, die Weiden wurden ab geritten und die Herden besucht. Dabei sahen wir nach den Kälbern, kontrollierten die Gesundheit der Rinder und den Zustand der Zäune. Diese bestanden aus wettergegerbtem, unverwüstlichem Lärchenholz, das pittoresk aussah, besonders wenn sich Wildblumen daran rankten.

Die Geburten fanden auf den Weiden statt und die Kälber blieben bei den Müttern. Die Haltung dieser Rancher zum Land ist von Wertschätzung geprägt, so findet ein achtsames Weidemanagement statt, das erlaubt, auf Dünger zu verzichten und den natürlichen Rhythmen der Vegetation Raum zu bieten, auch die Tiere leben gemäß ihrer natürlichen Bedürfnisse, was den Einsatz von Medikamenten auf den Notfall reduziert und die Fruchtbarkeit erhöht. Dieselbe Einstellung teilten die Betreiber einer Farm in der Nachbarschaft, die Gemüse und Mais anbauten und Führungen für interessierte Kunden anboten, ein wundervolles Dinner aus heimischen Produkten in außergewöhnlichem Ambiente inbegriffen.

 

ECO Agriculture bedeutet die Vermeidung von chemischen Düngemitteln und Pestiziden, unter Anwendung von umweltfreundlichen Produktionsmethoden, die die Produktivität der Böden und Pflanzen schützen. Im Klartext bedeutet das enorm viel Handarbeit und Menpower, um vom Sämling bis zur Ernte die Pflanzen und Böden mittels Wechselwirtschaft mit allem zu versorgen, was nötig war, um nachhaltig die naturgegebenen Ressourcen zu erhalten. Ich erlebte Menschen, die für ihre Arbeit und deren Philosophie loderten und dafür einen beeindruckenden Einsatz zeigten, marktwirtschaftlichen Widerständen zum Trotz. This was native american country, we are committed to this legacy, was für ein starkes Leitbild!

Vor einem Gatter am Ausgang der Weide hatte sich eine Gruppe Rinder niedergelegt und einer der mächtigen Bullen, die hier mit ihrer Herde lebten, lag quasi direkt in unserem Weg. Immer oben bleiben, erinnerte ich mich an die Anweisungen, die Bullen respektierten die Pferde, aber für Fußgänger könnte es brenzlig werden. Das konnte ich mir gut vorstellen, während mich Dolly souverän an ihm vorüber trug.

 

Die Ranch lag nahe des Bruce Trail, einem der längsten Wanderwege Kanadas. Er verläuft von Niagara-on-the-Lake bis zum knapp neunhundert Kilometer entfernten, nördlich gelegenen Tobermory an der Nordspitze der Bruce Peninsula am Lake Huron, immer entlang der Niagara Schichtstufe. Diese Gesteinsstufe, die sich wie eine erhabene und weithin sichtbar Klippe über das Land zieht, wurde im kanadischen Teil seitens der UNESCO zum Biosphären Reservat erklärt. Das östliche Ende dieser Gesteinsformation liegt bei Rochester, New York.

Von dort zieht sie sich in westlicher Richtung weiter Richtung Niagara River, der sich über die Klippen des Escarpments in den Lake Ontario ergießt, ein Spektakel, das als die Niagarafälle weltweite Berühmtheit erlangte.

Dass wir bei unseren Ritten immer wieder die hohen Ebenen der Gesteinsstufe überquerten, deren Vegetation dem Herbst schon einen kleinen Schritt näher war als unten im Tal, um von der höchsten Plattform des Escarpments aus eine unglaubliche Weitsicht über das Land zu genießen, war ein weiteres Highlight dieser Reise.

Sages fliegender Galopp über die Rolling Hills zauberte Tränen in die Augen und ließ mir die kräftige Fuchsfarbe ihrer Mähne mit den ersten Herbsttönen der Rot-Ahornbäume verschmelzen, dem typischen Farbspektakel der Wälder im Osten. Die feine Araberstute schenkte mir damit eine märchenhafte, fast unwirkliche Erinnerung, so als flögen wir durch den Garten Monets.

Die wesentlichen Eindrücke einer Reise liegen in den Momenten, die die Seele berühren. Davon gab es viele, dank meiner Gastgeber und Freunde, die mir erlaubten in ihre Lebenswelten einzutauchen und die nie müde wurden, mir die Geschichte des Landes nahezubringen und damit die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen. Ich hatte magische Begegnungen mit Eulen, Schmetterlingen, Bären und anderen Wegweisern, und irgendwie war darin so oft der Nachhall der Völker, die vor uns hier waren und dieses Land belebt hatten mit ihren Klängen und Mythen.

Gerade als ich an sie dachte und dabei über die Weite des Graslandes blickte, erschien auf der weichen Linie der Hügelkuppe der Umriss eines Reiters auf einem getupften Pferd. Beim Näherkommen erkannte ich einen Appaloosa, das Pferd der Nez Percé Indianer.

Ich war wie vom Donner gerührt von dieser scheinbar zufälligen Schnittstelle meiner Gedanken mit der Erscheinung am Horizont. Wie ein Blick in den Rückspiegel: Der Nachhall der Geschichte findet sich überall auf diesem Land!

 

Siehe auch:

Horses and more … in Kanada!

 

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3 Kommentare

Ira Hoch 5. Dezember 2022 - 20:23

Vielen Dank und ja das stimmt, Pferde sind wirklich wie ein Geschenk des Himmels, einfach nur um Freude zu schenken und Schönheit zu verkörpern.

Antworten
tim joeckel 5. Dezember 2022 - 12:13

Ein sehr schöner Bericht, Pferde sind so wunderbare Tiere

Antworten
Bernie 5. Dezember 2022 - 13:21

Spannend und interessant geschrieben – das macht Lust auf die nächste Reise.

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