Skurriles aus Kanada Nr. 64

von Bernadette Calonego

Ein Zaun schützt vor Grenzstreit nicht.

Text und Foto: Bernadette Calonego

 

Grenzstreit

In Kanada gibt es Land zum Verschwenden. Dachte ich früher. Kanada ist die zweitgrößte Nation der Erde. Soviel Territorium und nicht mal 38 Millionen Einwohner. Die meisten leben nicht weit von der Grenze zu den USA. Der Rest des Landes ist dünn bis überhaupt nicht besiedelt. In so einem Land streiten sich doch die Leute nicht um ein bisschen Gras, Gebüsch, Wasser oder Erde. Es hat ja überall genug für alle. Soviel Platz zum Ausweichen. Denkste.

In meinem Dorf beschuldigt gerade eine Familie die Nachbarn, ein Brett mit herausragenden Nägeln nahe der Grundstücksgrenze gelegt zu haben, damit die Nachbarskinder nicht mit ihren Motorrädern auf das fremde Territorium dringen. Nicht weit davon schaufelte ein junger Mann im Winter den Schnee mit seinem Pflug einfach auf die Wiese des Nachbarn. Einer älteren Frau wurde angedroht, ihr Gemüsegarten werde dem Erdboden gleichgemacht, weil der Nachbar die Zufahrt zu seinem Haus verlegen wollte.

An meinem früheren Wohnort erzählte man sich, dass nur deutsche Einwanderer Zäune errichteten. Das sei so unkanadisch. I wo. Meine kanadische Freundin baute einen Zaun als Gehege für ihre Hunde. Ihr Nachbar wurde so wütend, dass er fortan nicht mehr mit ihr redete. Eine andere Bekannte ließ ihr Grundstück neu vermessen. Es stellte sich heraus, dass ein Schuppen auf ihrem Gelände ganze dreißig Zentimeter in das angrenzende Grundstück ragte. Sie bot dem Nachbarn an, ihm die paar Zentimeter abzukaufen, es war ein sehr großzügiges Angebot. Er weigerte sich – aus Prinzip. Sie musste den Schuppen abreißen. Dafür hat sie einen Zaun errichtet.

Selbst bei riesigem Landbesitz sind Konflikte möglich. Da fällen Leute Bäume entlang der Grenze, die ihnen gar nicht gehören, und fahren mit ihren Quads querfeldein, ohne sich um Grenzen zu kümmern. Oder sie reißen Abschrankungen beim Haus des Nachbarn herunter, damit sie mit dem Schneemobil eine Abkürzung machen können. Das Merkwürdige ist: Wenn jemand an einem einsamen See eine kleine Hütte errichtet – mit Genehmigung der Regierung – , bekommt man oft schnell einen Nachbarn. Und vorbei ist es mit der Ruhe.

 

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