Tierwelt Kanada – Die Kolibris

von Peter Iden am 28. Juni 2010

Kanada - Kolibri

Der Sueden Kanada’s bietet allerhand Ueberraschungen in der Natur, und besonders in der Tierwelt, welche man von einem nordischen Land kaum erwartet: Orchideen, Klapperschlangen, insektenfressende Pflanzen, Wuesten, gewaltige Sandduenen, Kakteen, Sassafras, Opossums und, nicht zuletzt, die Kolibris.

Es sollte allerdings niemand ueberraschen, der sich eine Weltkarte genauer ansieht. Die suedlichste Festland-Spitze von Kanada ist Point Pelee in Sued-Ontario. Pelee Island liegt sogar noch weiter suedlich im Lake Erie, auf dem 41. Breitengrad. Das ist suedlicher als Oporto in Spanien, suedlicher als Rom in Italien, suedlicher als Istanbul in der Tuerkei.

Vor vielen Jahren photographierte ich am Genfer See in der Schweiz ein kleines Wesen, welches ich zuerst fuer einen Kolibri hielt. Es schwebte genau wie diese vor den zahlreichen Blueten und saugte deren Nektar mit einem langen “Ruessel” auf. Es war eine Kolibri-Habicht-Motte (Macroglossum stellarum, volkstuemlich als “Taubenschwaenzchen” bekannt), die von vielen – wie auch von mir – zuerst oft als Kolibri angesehen wird. Aber es gibt keine Kolibris in Europa.

Kolibris sind eine rein amerikanisches Vogel-Familie, mit 320 Spezies in 112 Gattungen, von denen 24 in Nord-Amerika, Zentral-Amerika und der Karibik, und 88 in Sued-Amerika vorkommen. Kolibris sind die kleinsten Voegel der Welt. Der kleine “Bienen-Kolibri” wiegt nur 2 Gramm, der groesste, der “Gigantische Kolibri” wiegt 20 Gramm. Generell jedoch wiegen sie zwischen 8 und 10 Gramm. Zum Vergleich: ein Rotkehlchen wiegt 16 bis 18 Gramm, eine Singdrossel 70 bis 90 Gramm.

Das erstaunlichste an den Kolibris sind ihre relativ kleinen Fluegel. Manche Wissenschaftler meinten urspruenglich, dass ein Kolibri eigentlich gar nicht fliegen duerfte. Aber das hatte man ja auch bereits von den Hummeln gesagt. Um Kolibris mit Geschwindigkeiten bis zu 45 kmh durch die Luft zu tragen, benoetigen sie bis zu 80 Fluegelschlaege pro Sekunde. Zu schnell, um vom menschlichen Auge wahrgenommen zu werden.

Das erfordert einen sehr hohen Metabolismus und die Einnahme von Energie-reicher Nahrung, die hauptsaechlich aus dem Nektar der von ihnen besuchten Blumen stammt. Aber auch Insekten sind sie absolut nicht abgeneigt, und die neuesten Studien mit hoch- gradigen Spezial-Kameras haben erstaunliche Erkenntnisse ueber diesen Aspekt des Kolibri-Lebens gebracht. Wie viele andere Voegel, sowie auch Fledermaeuse, haben auch die Kolibris gelernt, fliegende Insekten zu fangen.

Um ihre Energie in kuehlen Naechten zu praeservieren, verfallen die Kolibris naechtlich in einen traegen Schlaf, waehrend dem sich ihr Koerper der Umwelt-Temperatur anpasst.

Das Public Broadcasting System (PBS) in den USA brachte in diesem Jahr das Video einer Flug-Studie der Kolibris heraus, die einen total neuen Einblick in das Wesen und die Flugkuenste der Kolibris vermittelt (“Hummingbirds: Magic in the Air”, ein Teil der “Nature Series”).

Kolibris bauen kleine, Tassen-foermige Nester, die entweder auf Zweigen “kleben”, oder von diesen herab haengen. Sie zu finden, ist nicht sehr leicht. Ich habe es nur sehr selten fertig gebracht, ein Kolibri-Nest aufzuspueren.

Kolibi-Maennchen sind polygamisch, d.h. sie haben mehr als ein Weibchen und nehmen nicht an der Erziehung ihrer “Kinder” teil. Die Weibchen bauen das Nest, legen die Eier, und das Aufziehen bleibt ihnen ebenso ueberlassen. Also beinahe wie bei uns Menschen.

Erstaunlicherweise kommen Kolibris nicht nur im waermeren Flachland vor, sondern auch in gebirgigen Gegenden bis zu 4000 Meter ueber dem Meeresspiegel. Ebenso erstaunlich sind die Entfernungen, welche die Kolibris auf ihren zweimal jaehrlichen Wanderungen ueberbruecken. Der Ruby-throated Hummingbird fliegt von Zentral-Kanada mehr als 1,000 km nach Mexiko. Der Rufous Hummingbird schafft 3,500 km von Alaska nach Sued-Mexiko.

Vor mehr als 50 Jahren, als mein Interesse an der Vogelwelt begann, war kaum etwas ueber die Kolibris bekannt. Roger Tory Peterson erwaehnte nur zwei Kolibri-Arten in seinem ersten Vogelfuehrer fuer Nord-Amerika (1947). 14 Jahre spaeter, in 1961, erwaehnte er 18 Spezies. In 1966 wurde zum ersten Mal erwaehnt (in den “Golden Guides: Birds of North America”), dass es auch in Kanada 4 Arten von Kolibris gibt.

Die “Globale Erwaermung” (nicht die Version von Al Gore, sondern die wissenschaftlich belegte normale Erd-Erwaermung) hat zu einer geografischen Expansion der Lebensgebiete verschiedener Arten von Tieren gefuehrt, darunter auch denen der Voegel. In den 1950’er Jahren gab es in Kanada kaum Kormorane, Cardinals und andere suedliche (karolinische) Vogelarten. Dazu gehoeren auch in vielen Teilen von Kanada die Kolibris.

Der “Ruby-throated Hummingbird” (Archilochus colubris) z.B., urspruenglich nur im Osten der USA und einigen wenigen oestlichen kanadischen Provinzen zu finden, hat sich seitdem fast ueber das gesamte Sued-Kanada bis beinahe British Columbia ausgebreitet. Das Projekt “Operation RubyThroat” verfolgt diese Ausbreitung durch Beobachtungen lokaler Vogelfreunde in ganz Kanada.

http://rubythroat.org/FormCanadaRTHUMain.html

http://www.rubythroat.org/default2.html

Die weiteren 3 Spezies von Kolibris in Kanada findet man nur im Westen. Es sind der “Rufous” (Selasphorus rufus), der “Calliope” (Stellula calliope), und der “Black-chinned” (Archilochus alexandri, sehr selten im Sueden British Columbias).

Kolibris gehoeren zu den faszinierendsten Tieren in der Vogelwelt, die weltweit die Darwin-Theorie der Evolution beweisen, eine Theorie, die heutzutage immer wieder in den Vordergrund nicht nur der Entwicklung der Tierwelt unserer Erde tritt, sondern auch die Hauptrolle in unserer menschlichen Geschichte spielt.

Peter Iden Brampton, Ontario, Kanada

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