Tierwelt Kanada – Die Bisons

von Peter Iden

Das franzoesische Wort fuer Fleisch ist “boef”, und so wurden diese Tiere auch von den franzoesischen Voyageurs in Kanada genannt, als sie das erste Mal mit den gewaltigen Fleischbergen westlich der Grossen Seen in Beruehrung kamen. Die Englisch sprechenden Siedler machten daraus “Buffalo”. Noch heute wird dieser Name in Kanada weitaus mehr benutzt als der korrekte wissenschaftliche Name “Bison”. “Buffalo” oder “Bueffel” ist insofern nicht korrekt, weil es nur zwei wirkliche Bueffel-Arten gibt, den Asiatischen Wasser-Bueffel und den Afrikanischen Bueffel.

Auch in Europa gab und gibt es noch heute eine Bison-Art, das Wisent (Bison bonasus). Nicht so zahlreich wie in Nord-Amerika, aber sie waren trotzdem weit ueber Nordost-Europa verbreitet. Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg trugen erheblich dazu bei, den Bestand an Wisent zu vermindern Sie toeteten saemtliche der noch etwa 600 Tiere in Polen fuer ihr Fleisch, ihre Felle und ihre Hoerner.

In 1927 wurde das letzte freilebende wilde Wisent im Kaukasus getoetet. Die 50 noch lebenden Wisent waren saemtlich in Zoos. Um ein totales Aussterben zu verhindern, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die letzten 12 Tiere zusammen gebracht. In 1951 wurden die ersten Wisent aus dieser kleinen Herde in zwei russischen Wald-Reservaten freigesetzt. Saemtliche der heute etwa 3,000 Wisent sind Nachkommen dieser winzigen Gruppe, hauptsaechlich in den nordoestlichen Laendern Europas.

Die Romantik des amerikanischen Bison durchsetzt die Geschichte Nordamerika’s schon lange vor dem Kommen der Europaer. Die Indianer der westlichen Prairie-Gebiete lebten von und mit den Bisons. Sie waren Nomaden, weil die Bisons nomadisch waren. Die “Tipis”, ihre Wohnzelte, entstanden aus der Notwendigkeit, sie schnell abbauen und schnell wieder aufbauen zu koennen, waehrend sie den Bison-Herden folgten.

(Rechts oben: Bison-Gemaelde mit freundlicher Genehmigung von Susann Welk, James River Bridge, Alberta).

Bisons gehoeren zu der Vorgeschichte Kanada’s, wie auch der von Europa. Im Juni 2008 wurde in den North West Territories, bei Tsiigehtchic, 230 km suedlich von Tuktoyaktuk, ein 12,000 Jahre alter vorhistorischer Bison im Permafrost gefunden, komplett mit Skelett, Kopf, gewaltigen Hoernern und Fell.

Schaetzungen der Anzahl der Bisons in Nord-Amerika vor dem Kommen des “Weissen Mannes” variieren zwischen 20 und 30 Millionen, die in gewaltigen Herden mit Tausenden von Tieren ueber das Grasland zogen.

Die Indianer und auch die Siedler toeteten nur einzelne Bisons, um genuegend Fleisch zum Leben vorraetig zu haben, besonders in den langen Winter-Monaten. Das Fleisch wurde getrocknet, damit es sich laenger hielt.

Es waren die sogenannten “Sport-Jaeger” aus dem Osten des Kontinents, welche nach dem Bau der Transcontinental Railway in 1869 massenhaft in den Westen fuhren, und an einigen Tagen Hunderte, manchmal in Gruppen Tausende von Bisons abschossen, viele sogar direkt aus dem Zug. Die Tiere wurden liegen gelassen, wo immer sie fielen. Oft wurden die Felle abgezogen und in den Osten verschifft. Das Fleisch jedoch verrottete auf der Prairie.

Auch die Blackfoot-Indianer benutzten eine Methode des Jagens, die wir heutzutage als unmenschlich betiteln wuerden. Sie trieben kleine Gruppen von Bisons ueber eine elf Meter hohe Klippe 18 km nordwestlich von Fort Macleod in Alberta. Die Klippe mit dem eigenartigen Namen „Head-Smashed-in-Buffalo-Jump“ ist heute ein Pilgerort fuer Touristen mit einem Museum der Blackfoot-Geschichte und Kultur. Die Bisons starben nicht, sondern brachen sich die Beine, was ihre Toetung durch die Indianer erheblich erleichterte. Dabei musss man erinnern, dass sie bis zum Kommen der Europaer keine Pferde hatten. Sie mussten die Bisons zu Fuss jagen und treiben.

Head-Smashed-in-Buffalo-Jump ist einer von zahlreichen Bison-Klippen in Wyoming, Montana und anderen westlichen Staaten. Diese Klippen wurden von den Indiianern bereits seit etwa 6,000 Jahren fuer diesen Zweck benutzt. Nach Schaetzungen der 12 Meter tiefen Ansammlung von Knochen und Schaedeln wurden allein beim „Buffalo Jump“ in Alberta
etwa 123,000 Bison ueber die Klippen getrieben. Das sind etwa 20 Bisons im Jahr, ein Beweis dafuer, dass die Indianer nur soviele Tiere toeteten, wie sie zum Leben brauchten.

Die sinnlose Dezimierung der Millionen von Bisons durch die weissen „Jaeger“ brachte sie in kaum 30 Jahren an den Rand des Aussterbens. Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es vielleicht noch etwa 1,000 Bisons im gesamten Nord-Amerika.

http://whc.unesco.org/en/list/158
http://www.head-smashed-in.com/

Es gibt zwei Unterarten des Bison: die kleineren “Plains Bison” der Prairie (Bison bison bison), und die groesseren “Woodland Bison” der Waelder (Bison bison athabascae), welche einst grosse Gebiete von Nord-Amerika bedeckten. Bisons konnte man praktisch vom Grossen Baeren-See im Norden Kanada’s bis nach Mexiko im Sueden, von den Rocky Mountains im Westen bis zu den Appalachian Mountains im Osten finden.

Nachdem die Bisons am Anfang des 20. Jahrhunderts unter Naturschutz gestellt wurden, vermehrten sich die verbliebenen Tiere langsam. In 1960 wurde die Anzahl der Bisons allein in den USA vom National Geographic Magazine auf etwa 20,000 geschaetzt, fast saemtlich in oeffentlichen Parks. Die Eroeffnung von Privat-Ranches fuer die Zucht von Bisons, deren Fleisch sehr langsam an Beliebtheit zunahm, hat einen enormen Einfluss auf die Anzahl der Bisons in den USA. Ein Zensus in 2007 fand heraus, dass etwa 200,000 der Tiere auf Privat-Farmen leben.

Trotzdem ist der Prozentsatz der Bisons, die fuer ihr Fleisch geschlachtet werden minimal im Vergleich zu den geschlachteten Rindern. In 2009 wurden insgesamt 54,000 Rinder von der USDA (United States Department of Agriculture) nach dem Schlachten inspiziert. Zusaetzlich wurden 20,000 Bisons unter Aufsicht diverser US-Staaten geschlachtet. Man vergleiche dazu die Anzahl von 45,625,000 Rindern, die im selben Jahr in den USA unter die Schlachter-Messer kamen.

Obwohl wir keine Freunde von Bison-Fleisch sind, hat dieses jedoch gegenueber Rindfleisch gewisse Vorteile, besonders fuer die Leute, die sich Sorgen ueber die chemikalische Fuetterung in der heutigen Fleisch-Industrie machen. Bisons sind Natur-Tiere, selbst auf dem Farmland. Sie fressen fast alle Gras- und Heu-Arten, leben selbst im Winter auf den Weiden in fast allen Landschaften Nord-Amerika’s. Die Bisonfleisch-Industrie benutzt keine Chemikalien, keine genetisch manipulierte Futtermittel, keine Abfall-Produkte in der Fuetterung ihrer Herden.

Der beste Platz in Kanada, um Bisons zu sehen, ist zweifellos der Elk Island National Park nahe Edmonton in Alberta. Zwar werden sie durch gitter um den ganzen Park dort gehalten, um nicht die Felder der benachbarten Farmen zu zerstoeren, aber diese Gitter koennen die meisten Besucher kaum sehen.

Die Geschichte der Bisons in Kanada ist eng mit diesem Park verbunden. Bereits in 1907 kaufte die kanadische Regierung die letzte genetisch einwandfreie Plains Bison-Herde aus Montana und brachte etwa 400 der Tiere in den Elk Island Park. Es sollte eine “Zwischen-Station” fuer diese Herde sein, bevor sie in den Buffalo National Park bei Wainwright, Alberta umgesiedelt wurden. In 1909 wurden 325 Plains Bisons dorthin verfrachtet, aber etwa 75 konnten nicht gefangen werden und blieben zurueck. Sie sind die Vorfahren der heutigen Elk Island Herde von etwa 400 Plains Bisons.

Buffalo National Park, speziell fuer die Bisons kreiert, war kein Erfolg. Zwar vermehrten sich die Bisons dort auf etwa 40,000, aber dieser “Erfolg” war auch gleichzeitig eine Katastrophe, denn der Park mit nur 518 qkm war zu klein fuer so viele Bisons. Viele starben an Krankheiten, andere wurden getoetet (“culled”), viele andere wurden an diverse Parks verkauft, oder zurueck in den Elk Island Park gebracht. Buffalo National Park wurde geschlossen und in 1947 an die kanadische Armee abgegeben. Heute ist es die CFB Wainwright (Canadian Forces Base).

Der Wood Buffalo National Park, Kanada’s groesster National-Park mit 44,807 qkm in der Nord-Ost Ecke von Alberta wurde in 1922 kreiert, um die groesste Herde von Wood Bison zu schuetzen. Zu der Zeit gab es nur etwa 300 Wood Bison, fast alle in diesem Park. Heute sind es mehr als 5,000.

Waehrend der 1920’er Jahre wurden auch etwa 6,000 bis 7,000 Plains Bisons im Wood Buffalo National Park angesiedelt. Es war ein Fehler, aber das wurde erst spaeter bekannt. Die Plains Bisons waren mit Bucellose und Tuberkulose infiziert, vermischten und paarten sich mit den Wood Bisons. In den 1940’er Jahren wurde allgemein angenommen, dass es keine genetisch reine Wood Bisons mehr gab.

Aber in 1957 wurde eine genetisch einwandfreie Herde von etwa 200 Tieren in einer abgelegenen Gegend des Wood Buffalo Parks gefunden, und 23 dieser Bisons wurden in eingezaeunte Gehege suedlich des Elk Island Parks gebracht. Sie sind noch heute dort und haben sich auf etwa 400 Tiere vermehrt. Bisons koennen sich innerhalb der beiden
Unter-Spezies paaren, wie auch mit anderen Verwandten in der „Bovine“-Familie. Das fuehrt letzten Endes zu „genetisch unreinen“ Tieren, was eigentlich nur Wissenschaftler fuer wichtig halten.

Noch ein letztes Wort ueber Bisons. Nicht die Baeren, Woelfe, Cougars oder andere Fleischfresser sind die gefaehrlichsten Tiere in Kanada und den USA. Nein, es sind die Bisons. Zwischen 1978 und 1992 z.B. wurden fuenfmal soviele Menschen im Yellowstone National Park von Bisons getoetet als von Baeren (12 von Baeren, 56 von Bisons). Bisons koennen bis zu 56 kmh Geschwindigkeit erreichen und greifen oft an, besonders wenn sie ihre Kaelber bedroht fuehlen.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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2 Kommentare

Entdeckungen in den Northwest Territories - KanadaSpezialist.com 18. November 2019 - 10:57

[…] denkt, die Bisons seien mit dem Wilden Westen ausgestorben, hat weit gefehlt! Denn große Herden der riesigen Tiere […]

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Peter Iden 12. September 2010 - 21:13

Eine kleine Korrektion zu diesem Artikel: „Viande“ ist das franzoesische Wort fuer Fleisch. „Boef“ bezieht sich mehr spezifisch auf Rindfleisch. P.I.

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