Der Bärenmann von Emo, Ontario.

von Peter Iden

Wir werden immer wieder gewarnt über die gefährlichen Bären in Kanada. Diese Warnung ist nicht grundlos, gilt aber nicht immer. Fast alle Bären haben – aus guten Gründen – Angst vor Menschen. Aber ich habe mehrmals Begegnungen mit Bären auf engen Waldpfaden gehabt, wo der Bär genauso schnell in einer entgegengesetzten Richtung fortrannte, wie ich. Bären, wie alle anderen Wildtiere, werden erst gefährlich, wenn sie sich – und besonders ihre Jungen –  aber auch ihre Futterstelle – bedroht fühlen. Touristen verwechseln oft das Aussehen von Bären mit ihren Erinnerungen an ihre Bären-Puppen aus ihrer Kindheit.

Knuddelige Bärenpuppen waren schon immer die Favoriten der Kinder. Wie können die großen Bären entlang der kanadischen Straßen (besonders im Westen) daher anders als freundlich sein?

Video: The Bear Man of Emo, Ontario (Animal Documentary) | ca. 3 min.

Michael Schreibler ist 58 Jahre alt, der Sohn deutscher Einwanderer, die in den 1950’er Jahren nach dem 2. Weltkrieg (wie auch wir) nach Kanada kamen. Er wurde in Winnipeg geboren. Sein Familienleben war nicht gerade glücklich, denn seine Eltern waren sehr religiös und peinigten ihre Kinder mit äußerst strikten Regeln und Strafen für deren Nichtbefolgung. Die Kinder hassten ihren Vater. Als Michael 7 Jahre alt war, tötete sein Vater seinen geliebten Hund als Strafe für irgend eine belanglose Sache. Michael sagte sich als junger Mann los aus dieser Situation, heiratete Betty und zog mit ihr in 2103 in den bush nahe dem kleinen Ort Emo, ein Dorf am Rainy River etwa 380km westlich von Thunder Bay. Bevölkerung 1,333 Seelen (2016 Canada Zensus), mit einem Grocery Store, einem Traktoren-Händler, einem Motel, einem Restaurant und einem Alkoholladen.

Ursprünglich wollte Michael, ein Landschaftsgärtner, dort auf seinen 1,300 Hektar Land einen Golfplatz und Sportgelände eröffnen, aber die Bestimmung teilte ihnen andere Karten zu. An einem Morgen kurz nach ihrem Einzug in ihr Haus wurden sie von einem erwachsenen Schwarzbären besucht, der in ihre Fenster blickte. Nicht nur dieser Bär, sondern mehrere andere kamen in den folgenden Tagen, um die Scheibler’s zu besuchen. Michael hatte keine Ahnung, was Bären fressen, aber er fütterte sie trotzdem.

Etwas später in 2003 wurde ihm ein junger verwundeter weiblicher Waschbär gebracht. Michaels Interesse an wilden Tieren war bereits bekannt, und er sollte den Raccoon (Waschbär) versorgen und heilen. Er nannte sie “Destiny” (Bestimmung) und sie gab dem Ehepaar die Idee zur Eröffnung eines Tier-Reservats mit dem biblischen Namen “Isaiah 11 Wildlife Rescue and Wildlife Sanctuary”, nach einer Prophezeiung (“Wolf und Lamm sollen weiden zugleich”) aus dem Alten Testament. Trotz der Unbeugsamkeit seiner Eltern hatte Michael an ihrem Glauben festgehalten.

Das Reservat wuchs in kurzer Zeit enorm und wird besonders im Winter täglich von bis zu 150 Rehen,  60 erwachsenen Bären und 18 ihrer Jungbären besucht. Michael fährt seit vielen Jahren mehrmals wöchentlich in das Dorf, um dort alle Wegwerf-Esswaren von den Händlern und Bewohnern zu sammeln. Fleischreste, alte Donuts, Brot und anderes. Die wilden Tiere kommen gut miteinander aus und fressen sämtlich aus Michaels Händen, inklusive “Blondie”, ein 270kg schwerer Schwarzbär, der ihm Bagel und Donuts aus dem Mund nimmt.

Die Geschichte von Michael Schreibler ist einzigartig. Zwar sind Storys von freundlich gesinnten Bären in Kanada nicht selten, aber diese steht einsam an der Spitze der Erlebnisse mit wilden Tieren. Aber sie ist kein Anzeichen für die Friedlichkeit der Bären in freier Wildnis, mit denen persönlicher Kontakt auf jeden Fall vermieden werden sollte!

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1 Kommentar

Ira Hoch 4. Januar 2022 - 09:54

Was für eine schöne und ermutigende Geschichte! Liest man das und erahnt den Brückenschlag, der hier zwischen Menschen und Tieren gelang so fragt man sich, wie manche Leute Spaß am Jagen haben können.

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