Was ist ein kanadischer Bungalow?

von Peter Iden


Zuerst einmal ist es ein fremdartiger Name, der aus der britischen Kolonialzeit stammt. Ein “Bungalo” in Indien (oder “Banglo” in anderen hinterasiatischen Ländern) ist ein kleines Haus, oder ein Wochenend-Haus mit einem Stockwerk, seltener mit einem zweiten für größere Familien. Er hat ein abfallenden Dach und eine Veranda auf der Straßen-Seite, nicht selten auch auf mehren Seiten, sowie Eingänge auf zwei oder sogar drei Seiten.

Bungalows waren den diversen Baustilen der Kolonialzeit weit voraus, indem sie das Leben ausserhalb ihrer vier Wände befürworteten.

Der Name des Hausstils stammt ab von dem der Wohnhäuser und Ferienhäuser der Bengali in Ostindien, wo diese  mit Stroh oder Holz überdachten Häuser (Bangla-Hütten) bei Mitgliedern der Kolonial-Besatzung bis zum Zweiten Weltkrieg sehr beliebt waren, und noch heute sind. Der Begriff ist heute in vielen Ländern der Welt im Gebrauch.

Nicht nur in Kanada und Deutschland, sondern weltweit ist der Bungalow daher seit den 1950er und 1960er Jahren wieder zu einer beliebten Bauform geworden (Quelle: Landhaus und Bungalow von Klara Trost, Ullstein Berlin, 1961)

Grundsätzlich gesehen ist ein Bungalow ein freistehendes Einfamilien-Wohnhaus mit einem Geschoss und einem flachem oder flach geneigtem Dach. Ein Flachdach (wie in den deutschen Bungalows) ist allerdings nicht eine ursprüngliche Dachform für Bunglows, ist jedoch wegen minderer Kosten (wie Dachstuhl-Konstruktionen) auch sehr populär.

Sollte ein Keller vorhanden sein, wird dieser nicht als Wohngeschoss mitgezählt. Ein etwas erhöhter Keller ist oft erwünscht, in dem der Keller teiweise ueber der Oberfläche liegt und daher mit kleinen  Fenstern versehen werden kann. Er dient jedoch zumeist nur dafür, die Heizung und andere notwendige Hausanschlüsse sowie Heizungen, Waschmaschinen usw. fern der Wohnräume unterzubringen. Oder auch, wie in Brampton, durch gesetzwidriges Ausbauen mit zusätzlichen Zimmern, Freizeit- oder Lager-Räumen.

Die älteren Bungalow-Häuser in Kanada wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch mit ausgiebig großen Strassenseiten-Veranden  gebaut. Das Architektur Magazin nannte diese “das definierendste Design eines Bungalows” (Quelle: “Small House Big Porch” von Steve McAuliffe, September 2016). Diese “Porches” sind praktisch zur “Nachbar-Beobachtung” nicht wegzudenken und für Kinder als Spielplätze eine Ausweitung des Inneren Lebensraums. As Treffpunkte für Besucher und Nachbarn sind sie ebenso wichtig. Nicht zuletzt sind sie auch als Beobachtungsposten für hausgebundene Senioren preislos.

Viele der “Bungalows” in den äusseren Bezirken der Innenstadt von Toronto sind eigentlich keine Bungalows, weil sie ein oberes Stockwerk haben, welches oft abfallende Decken hat. Der zweite Stock wird von den Eigentümern oft vermietet. Unsere erste Wohnung in Toronto war so ein zweiter Stock und hatte sogar ein Zimmer mit Toilette unter dem Dach, welches ebenfalls vermietet war. Luftkühlungen gab es damals noch nicht, und die heißen Sommermonate waren höllisch!

Ein Flachdach (wie in deutschen Bungalows) ist nicht eine ursprüngliche Dachform fuer Bunglows, ist jedoch wegen verminderter Kosten (wie Dachstuhl-Konstruktionen) auch sehr populär. Einige der kanadischen Bungalows sind auch mit angebauten (oder sogar untergebauten) Garagen ausgerüstet.

Bungalows sind wegen ihres niedrigen ökologischen Fußabdrucks in der Umwelt-Bilanz beliebt, denn ein normaler Bungalow benötigt selten mehr als etwa 12 Meter Straßenfront, ist leicht und billig zu heizen sowie zu durchlüften. Da der Landpreis der größte Bestandteil des Preises eines Hauses ist, können kleinere Grundstücke auch Kosten bei der Besteuerung sparen.

Durch die Konzentration des Lebensraums auf nur eine Ebene können in einem einstöckigen Bungalow ohne Keller alle alle Räume stufenlos erreicht werden. Das ist besonders für gehbehinderte und ältere Menschen sowie für Familien mit kleinen Kindern von Vorteil. Selbst die wenigen Stufen vor der Hauseingangstür sind kein größeres Hindernis. Das macht den Bungalow mit seinem offenen Raumkonzept  zur Urform des “Wohnens ohne Barrieren”.

In den USA und Kanada wurden Bungalows bereits um etwa 1900 populär und ihre Massen-Konstruktion erstreckte sich bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts. Mein Haus in Brampton wurde in 1952 haupsächlich für die Arbeitskräfte der kanadischen Flugzeug-Industrie erbaut.

Der Bungalow war praktisch ein Status-Symbol für arbeitende Familien. Wir kauften unser “Status-Symbol” 1968 für 23.000 $. In der Mitte dieses Jahres (2020), sobald die augenblickliche Covid-19 Krise es ermöglicht, werde ich es (mit einem voll ausgebauten Unterbau) für etwa  700.000 $ verkaufen können.

Bizarr daran ist, dass mein Haus, wegen der heute vorwiegend indischen Bevölkerung in Brampton, wahrscheinlich an Inder verkauft wird, die wegen ihrer größeren Familien noch immer den Bungalow-Stil bevorzugen.

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