Wie ich mich in Kanada eingelebt habe

von Claudia Fitschen

Als ich im März dieses Jahres nach Kanada gekommen bin, gab es für mich neben der Herausforderung 6.000 km entfernt von meiner Familie zu sein, drei weitere Herausforderungen:

  1. Der zehnwöchige Lockdown
  2. Die Umstellung von Fernbeziehung zu Nahbeziehung zu meinem Freund
  3. Die Sprachbarriere Französisch

Corona hat dazu geführt, dass mein Freund und ich ein Jahr eine Fernbeziehung geführt haben und er mich nur zwei Mal drei Wochen lang in Deutschland besuchen konnte. Corona hat dann allerdings noch weitere Hürden gebracht, nachdem ich endlich einreisen konnte. Bei der Einreise wollte der Grenzbeamte erst einmal meine Papiere, dass ich ein erweitertes Familienmitglied bin, nicht anerkennen. Als er einsah, dass diese alle in Ordnung waren, hat er dreimal nachgefragt, ob ich denn nicht noch etwas anderes dabei hätte als ein deutsches Brot und Süßigkeiten. Die Hunde würden das erschnüffeln und es eine Strafe von 1.000 CAD nach sich ziehen. Das machte mich ein wenig nervös, obwohl ich wusste, dass ich nichts Verbotenes dabei hatte. Als er mich endlich gehen ließ, musste ich noch ins Immigration-Center, wo mir dann noch einmal etliche Fragen zu meinem Freund gestellt wurden. Dieser Beamte war aber locker drauf, sodass die Nervosität verging. Als Nächstes ging es zum obligatorischen Coronatest und danach wurde ich zum Taxi geführt, das mich dann zum zuvor gebuchten Quarantäne Hotel brachte. Diese Regel machte überhaupt keinen Sinn, denn nicht nur, dass ich hier mit mehr Personen Kontakt hatte als ich es gehabt hätte, wenn mein Freund mich direkt abgeholt hätte, das negative Coronatestergebnis am nächsten Tag hat auch keiner kontrolliert. Ich hätte das Hotel jederzeit verlassen können, musste dafür aber für eine Nacht fast 1.000 kanadische Dollar bezahlen. Bei meinem Freund ging es dann die restlichen 13 Tage in Quarantäne, wo ich nach zehn Tagen noch einen Corona-Test machen musste.

Ich war sehr froh, als ich dann endlich meine neue Heimat ein wenig erkunden konnte. Der erste Einkauf, den Sonnenuntergang betrachten. Leider hielt dieses schöne Gefühl nur zwei Wochen an, dann wurde ein Lockdown verhängt. Erst vier Wochen, dann weitere zwei, weitere zwei und noch einmal, am Ende waren es 10 Wochen. Und es regnete. In dieser Zeit habe ich meine Familie und meine Freunde sehr vermisst, da es auch nicht möglich war, neue Kontakte zu knüpfen. Es gab viel zu viel Zeit nachzudenken. Es hat mir geholfen, mit meinem Freund zu sprechen, niederzuschreiben was ich will und diese Ziele Schritt für Schritt anzugehen, sowie als die Sonne wieder schien. Dann haben wir unser Projekt Garten gestartet und nachdem der Lockdown vorüber war, konnten wir auch das Haus gemeinsam gestalten, sodass es für mich und uns wohnlicher wurde.

Die zweite Herausforderung war, dass mein Freund und ich zuvor nur zwei Mal drei Wochen in Deutschland zusammen waren und daher noch gar nicht all unsere Macken kannten. Zudem verhält man sich oft im Urlaub anders als im Alltag. Ich bin jemand, der seine Macken offen zeigt, mein Freund dagegen ist es gut gelungen, seine Macken zu verstecken. Als wir dann allerdings jeden Tag Zuhause zusammen waren, gelang dies nicht mehr. Einige der Verhaltensweisen haben mir nicht besonders gut gefallen. Natürlich gibt es diese Herausforderung immer, wenn zwei Personen sich kennenlernen, aber normalerweise geschieht dies nicht ad hoc und man hat zwischendurch Zeit Luft zu holen. 😉 Aber auch hier hat es mir geholfen zu kommunizieren. Wir versuchen an uns zu arbeiten, mal klappt es, mal weniger. Wichtig ist nicht aufzugeben und zu sehen, dass es halt auch in Kanada oder überall auf der Welt den Alltag gibt.

Die Sprache ist für mich immer noch eine Herausforderung. Ich hatte Französisch nicht in der Schule und lerne per App und französischem Fernsehen. Die Familie meines Freundes ist französischsprachig und so auch die meisten Nachbarn. Sie können zwar auch alle Englisch, aber es ist normal, dass grundsätzlich Französisch gesprochen wird, außer wenn sie mit mir sprechen. Am Anfang fand ich das sehr schlimm, dass ich nichts verstehe und mich mit niemandem unterhalten konnte. Aber wie ich mich an alles gewöhnen musste, so mussten alle anderen sich auch an mich gewöhnen. Inzwischen klappt die Kommunikation gut, auch wenn ich immer noch nicht sehr viel Französisch kann. 😉 Ich übe weiterhin fleißig und bin hoffentlich bald in der Lage mich in der Sprache zu unterhalten.

Warum ich diesen Beitrag schreibe? Ich möchte Mut machen, dass es möglich ist, dass sich Träume erfüllen. Es ist nicht immer einfach, egal ob man zu jemandem auswandert, es allein versucht oder mit einem Partner. Aber es lohnt sich, seine Träume anzugehen, Ängste zu überwinden und Hindernisse beiseite zu räumen. Der Weg geht immer weiter und irgendwann, manchmal unbemerkt, bis du angekommen. Ich bin nun meine zweiten sechs Monate hier, bevor ich die PR beantragen kann, und sagte letztens zu meinem Freund sagte: Ich liebe Kanada.

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Welche Ängste dich bei der Auswanderung plagen und versuchen, dich von deinem Vorhaben abzuhalten
Wie ich mir Mut angeeignet habe, um die Entscheidung zu treffen, auszuwandern

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6 Kommentare

Tom 5. November 2021 - 10:44

Hallo Claudia,
natürlich sind alle Anfänge schwierig, aber mit Geduld wirst Du das schaffen und in nem Jahr oder so wirst Du dich wundern, wie gut deine Sprachkenntnisse sich entwickelt haben.
Bin seit 1999 hier in Ontario und bereue keinen Tag.

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Claudia 5. November 2021 - 16:15

Ich hoffe sehr, dass das mit den Sprachkenntnissen so eintritt. Ich bin nicht so ein geduldiger Mensch 😉

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Bernadette Calonego 18. Oktober 2021 - 14:16

Liebe Claudia, es ist sehr interessant, deinen Bericht zu lesen. Ich bin auch vor zwanzig Jahren wegen eines Kanadiers nach British Columbia ausgewandert. Zuerst herrschte Euphorie, dann kam der Alltag. Aber insgesamt war es die richtige Entscheidung für mich. Eines habe ich mit der Zeit kapiert: Man denkt, die Kanadier seien ähnlich wie wir Schweizer, Deutsche, Österreicher, aber es gibt viele Unterschiede in Kultur, Mentalität, Gewohnheiten. An manches gewöhnt man sich, anderes toleriert man einfach. Es ist sicher ein großes Abenteuer! Dafür wünsche ich dir alles Gute.

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Claudia 19. Oktober 2021 - 19:58

Das mit der Kultur habe ich auch schon erlebt und sehe es genauso. Danke für deine guten Wünsche. Du schreibst die Kanada Krimis, das finde ich so cool. Mein Traum ist es, über Kanada zu schreiben und damit Menschen zu berühren und natürlich auch Geld zu verdienen. 😉

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Klaus 17. Oktober 2021 - 15:05

Alles Gute in deiner neuen Heimat. Wir sind vor vielen Jahren ausgewandert,es war damals nicht immer leicht hier,aber bereut haben wir es nicht.
Ich bin Fotograf und war Filmtechniker.

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Claudia 19. Oktober 2021 - 19:59

Vielen Dank für deine guten Wünsche. Ein spannender Beruf, den du hast. Ich liebe es auch zu fotografieren.

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