Unbekanntes Kanada – Toronto’s Scarborough Bluffs

von Peter Iden

Wilde Schoenheit und broeckelnder Sand.

Toronto ist eine Stadt der Gegensaetze. Auf der einen Seite arbeitet hier der menschliche Einfluss auf unsere Kueste, der z.B. fuer solche erfolgreichen Kreationen wie dem „Tommy Thompson Park“ auf der ehemaligen „Leslie Spit“ verantwortlich ist, ebenso wie die Unterhaltungs-Insel „Ontario Place, geschaffen durch Jahrzehnte lange Baumuell-Ablagerung im Ontario-See. Dort waechst die Kuestenlinie des Ontario-Sees durch dauernde, geplante Aufschuettungen der Abfaelle alter Gebaeude – hauptsaechlich durch Steine und Zement-Brocken (Anmerkung: Ontario Place wurde am 1.Februar 2012 als Unterhaltungs-Zentrum geschlossen und ist bis 2017 mit Ausnahme der Marina, des Labatt’s Theater und des Atlantis Entertainment Centers in der Entwicklung unter einem neuen Konzept).

Auf der anderen Seite jedoch verschwindet jedes Jahr ein Teil von Toronto im Ontario-See.

Innerhalb der Stadt sind die 117 Meter hohen „Scarborough Bluffs“ zumindest fuer die nicht im Osten der Stadt lebenden Torontonier kein bekanntes Ausflugsziel. Die Klippen erstrecken sich 14 Kilometer weit entlang des Ontario-Sees, von den oestlichen Straenden der Stadt bis in den Vorort West Hill. Sie sind ein Nachbleibsel der Alluvial-Ablagerungen, die nach der letzten Eiszeit vor etwa 12,000 Jahren bei dem Rueckzug der Kilometer-dicken Eisschicht hier hinterblieben. Gleichzeitig sind sie ein Hinweis darauf, dass grosse Teile des heutigen Nordamerika mit Ozean-grossen Seen aus dem Wasser der Gletscher bedeckt war.

Wie viele der kanadischen Ortschaften und Gegenden wurden die „Bluffs“ von den britischen Einwanderern nach ihnen bekannten Landschaftsformen benannt. In diesem Fall aehnelten sie den Klippen bei Scarborough in Yorkshire, England so sehr, dass die dort geborene und aufgewachsene Frau des damaligen General-Gouverneurs John Graves Simcoe ihren Mann dazu brachte, sie umzubenennen. Natuerlich auf „Scarborough Bluffs“. Und weil die Gegend, in der diese sich damals befanden, nach der schottischen Stadt Glasgow benannt war (undenkbar fuer eine Englaenderin), wurde auch ihr Name auf das englische „Scarborough“ umgetauft.

Im Gegensatz zu den aus hartem Kalk-Sandstein bestehenden Klippen von Scarborough in England und Ruegen in der Ostsee sind die Torontoer „Scarborough-Klippen“ eine Ansammlung von Gletschersand, Loess, sowie Lehm und Geroell. Als solches stehen sie in erster Linie durch Abtragung (Erosion) in dauerner Umformung durch Wind, Wasser und andere aeusserliche Einfluesse.

Kalksandstein wird zwar auch (hauptsechlich durch Unterhoehlung) abgetragen, aber das vollzieht sich weit langsamer als bei dem unstabilen Gemisch aus Sand und Geroell, aus dem die Scarborough Bluffs bestehen.

Die „Bluffs“ verlieren durchschnittlich pro Jahr  immer noch etwa einen halben Meter durch Abtragung, haben sich also in den letzten 100 Jahren um etwa 40 Meter zurueck gezogen, zum Leidwesen einiger Familien, die ihre Haeuser und Cottages auf den Klippen zu dicht am Abgrund gebaut hatten. Als Vergleich haben sich der durch Kalksandstein fliessende obere Niagara River (und damit die Niagara-Falle) in 12,000 Jahren nur 12 km zurueckgezogen, also etwa 0,001 km pro Jahr.

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/en/wiki/Scarborough_Bluffs

http://www.destination360.com/north-america/canada/toronto/scarborough-bluffs

Unsere aelteste Tochter wohnte einige Zeit direkt an den Scarborough Bluffs, und zwar auf der Nordseite der Strasse. Die Grundstuecke auf der Suedseite hatten bereits die Haelfte ihrer urspruenglichen Flaeche verloren und waren als „unsicher“ vom Haeuserbau ausgeschlossen. Dort konnte man den Verfall der Oberflaeche sowie die abgefallenen
Brocken und Sandmassen klar sehen und durch einen steilen Abstieg den See erreichen.

Der abgetragene Sand – zusammen mit dem durch die mehreren Fluesse der Gegend ausgeschwemmten Sand – ist fuer die Bildung neuer Landformen verantwortlich. So bestehen die  Toronto Islands zum groessten Teil aus Schwemmsand von den Scarborough Bluffs sowie aus den Don und Humber Rivers.

Dazu kommt noch, dass die „Oak Ridge Moraine“, eine 160 km lange erhoehte Landform noerdlich des Lake Ontario aus alluvialen Ablagerungen besteht, die von der letzten Eiszeit vor etwa 12,000 Jahren dort hinterlassen wurden. Saemtliche Fluesse, die vom Norden in den Ontario-See fliessen, haben ihren Ursprung in dieser „Moraine“ und tragen ihren Teil dazu bei, grosse Mengen an Gletschersand in den Grossen See zu schwemmen. Nach groesseren Regenfaellen kann man das Abschwemmen klar beobachten: das Wasser der Fluesse ist gelbgrau, mit Schwemmsand durchsetzt.

Bluffers Park – Picnic und Segeln vor den Klippen.

Die beste Aussicht auf die Scarborough Bluffs hat man vom „Bluffers Park“, gelegen am Fusse der Brimley Road in dem Vorort Scarborough. Hier draengen sich die Motor- und Segel-Yachten von vier Yacht Clubs, aber man kann auch durch die Parklandschaft wandern. Wie der „Tommy Thompson Park“ auf dem ehemaligen „Leslie Spit“, so wurde auch dieser Park aus Bau-Abfaellen aufgeschuettet.

Eine Besonderheit fuer Toronto sind die „Floating Homes“ an der Bluffers Park Marina. Zwar sind es nur einige wenige, auf Pontons gebaute Huetten und Haeuser, aber sie sind sehr originell. Aehnliche „Floating Homes“ gibt es in vielen nordamerikanischen Staedten, darunter die erstaunliche „Floating City“ von Seattle, die ihre eigenen Wasserstrassen hat. Sausalito in Kalifornien, Victoria in British Columbia, Port Clinton am Erie-See in Ohio, Portland in Oregon besitzen ebenfalls „Floating Home Communities“.

Ein herrlich breiter und weisser Strand erstreckt oestlich des Bluffers Park, zweifellos der schoenste Strand in Toronto. Die Ostkueste der Stadt bietet einige andere Straende oestlich der Ashbridge’s Bay, entlang des sogenannten „Beaches“ Stadtteils. Hier kann man an heissen Sommertagen auf dem hoelzernen „Boardwalk“ wandern und hat das Gefuehl, irgendwo in Florida oder California zu sein, mit Beachball, Windsurfern und zahlreichen Sonnenanbetern. Danach kann man sich bei einem kuehlen Bier oder einer kleinen Mahlzeit auf der nahen Queen Street in einem der zahlreichen kleinen ethnischen Restaurants von der Untaetigkeit am Strand oder von seinem Boardwalk-Spaziergang erholen.

http://brnwlsn.tripod.com/houseboats/

http://www.cnbc.com/id/43660434?slide=1

Entlang der gesamten Kueste der Scarborough Bluffs erstrecken sich zahlreiche Parks, saemtlich auf Nebenstrassen vom Kingston Road und dem Guildwood Parkway zu erreichen. Ein Wanderweg entlang der Klippen fuehrt von der Bellamy Road entlang des Bellamy Ravine Creek zum See und dann auf den Klippen mehrere Kilometer lang bis zum Ende des Guildwood Parkway. Die „Trails“ sind ein Teil der Toronto Waterfront, die wiederum ein Teil der 270 km langen Wanderwege entlang der Nordseite des Lake Ontario und des St. Lawrence River bis zur Grenze von Quebec sind.

http://waterfronttrail.org/

Viele der schoensten Landstrecken und Straende erstrecken sich entlang dieses Wanderweg-Systems. Sie machen diese Strecke zu den attraktivsten Teilen von Sued-Ontario. Aber sie sind in Gefahr durch die immer zahlreicher werdenden Versuche der Windpower-Firmen, ihre Projekte gerade an den schoensten Teilen der Kueste zu bauen. Etwa ein Dutzend Windpower-Projekte sind bereits an den Kuesten der Grossen Seen in Ontario im Betrieb, mit mehr als einem weiteren Dutzend in Planung.

Im Ontario-See gibt es bisher nur eine „Windpower Farm“, bei Wolfe Island nahe Kingston. Die Windpower-Konzerne haben seit einiger Zeit auch den Ontario-See vor dem Bluffers Park im Auge fuer ihre Wind-Turbinen. Aber die Regierung von Ontario hat im Februar 2011 ein Moratorium ausgerufen, welches das einzige bisher genehmigte Windpower-Projekt (das zweite in der Kingston Gegend) vorerst suspendiert, sowie etwa sechs weitere Antraege ablehnte.

Keine weiteren Antraege fuer Windpower-Farmen werden angenommen, bevor nicht zahlreiche Fragen, u.a. ihre Auswirkungen auf die Umwelt, die menschliche Gesundheit, die Vogel-Bevoelkerung, die Unzuverlaessigkeit des Windes und, vor allem, den Tourismus geklaert sind, sowie die angebliche Erschaffung von 2,000 bis 5,000 Arbeitsstellen pro Projekt belegt werden kann. Basiert auf den Problemen vieler europaeischer Windpower-Projekte erscheint diese „Atempause“ berechtigt.

Individuelle Farmer in Ontario werden jedoch von den Windpower-Firmen mit lukrativen Angeboten umworben, und vielerorts entlang der Kuesten (besonders der Westkueste der Bruce-Halbinsel) sind heute mit zahlreichen Wind-Turbinen gespickt.

http://www.aweo.org/windbackup.html

Peter Iden.

Brampton, Ontario, Canada.

Ähnliche Artikel & Themen

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie diesem zu. Datenschutzbestimmungen