Nostalgie: als der Milchmann noch die Milch brachte.

von Peter Iden

Hamburg, etwa 1944: Ich war der “Milchholer” fuer meine Grossmutter. Sie drueckte mir die Henkelkanne in die Hand, ein paar Mark, und los gings zum Milchladen. Die Kanne wurde ganz voll gefuellt, dann ging’s zurueck nach Hause.
Oder auch nicht. Da war ja das Wandsbecker Gehoelz mit seiner magischen Anziehungskraft fuer mich; Baeume, Buesche, Pflanzen, Voegel und andere Tiere. Mein Nachhauseweg wurde verzoegert, oft eine Stunde oder laenger. Die Milchkanne wurde immer wieder kurz irgendwo hingestellt, waehrend ich erforschte und beobachtete.
Komisch, aber die Kanne war immer halb leer wenn ich wieder zuhause ankam. Die andere Haelfte war irgendwie nicht mehr drin!
Toronto, 1954: Der Milchmann kam frueh morgens und stellte die ein oder zwei bestellten Flaschen jeden Tag in die “milkbox”. Jedes Haus hatte so eine Box, sie hatte eine Tuer draussen, aber meistens keine drinnen.

Auch der Brotmann benutzte sie fuer seine taeglichen Anlieferungen, und oft landeten in ihr auch Pakete, welche zu gross fuer den Postkasten waren. Der Milchmann und der Brotmann kamen mit ihren Pferdewagen vor die Tuer, aber einige hatten sogar schon Autos, auch wenn diese den Molkereien gehoerten. Es gab viele Dutzend Privat-Molkereien in Toronto in den 1950’er Jahren.
Auch der Eismann brachte seine Eisbloecke fuer die “Ice Boxes” in jedem Haus. Diese bestanden aus einer Box mit drei Abteilungen: Eisblock oben, Esswaren in der Mitte und Schmelzwasser ganz unten. Vergass man einmal, das Wasser taeglich auszuleeren, gab es eine Ueberflutung in der Kueche! Die Eisbloecke stammten aus den Grossen Seen, wo sie mit Spezialmaschinen aus der Eisdecke geschnitten und dann in den Eishaeusern der Stadt eingelagert wurden.
Aber die ewigen “Protester” waren bereits am Werk: das Klinkern der Milchflaschen stoere ihren Schlaf. Andere wiederum stoerten die “Pferdekoetel”, welche die von den Pferden gezogenen Lieferwagen natuerlicherweise auf den Strassen hinterliessen. Die Gesetzmacher wurden geschaeftig: der Dung der Pferde muss von ihren Eigentuemern aufgehoben werden; Lieferungen vor 7 Uhr morgens wurden Mitte der 1950’er Jahre verboten.
Die Bezahlung der Liefermaenner war einfach und sorgenfrei: Das Geld wurde in die Milkboxes gelegt. Kriminalitaet kam erst spaeter auf diesem Gebiet, und zwar ganz anders als erwartet. Die Boxes waren gross genug, um einem Kleinkind Zugang zum Haus zu verschaffen. Voraus gesetzt natuerlich, dass die Vordertuer abgeschlossen war, und das war in den 1950’er Jahren absolut nicht ueblich.
Aber auch die kriminellen Elemente der Gesellschaft wussten das. Sie trainierten ihre kleinen Kinder wie man durch die Milkboxes in ein Haus kommt und dann geschlossene Eigangstueren von innen oeffnet. Endresultat: Ausraeumung aller Wertsachen im Haus!
Die Zeiten der Milch-, Brot- und Eis-Lieferungen endeten in der Mitte der 1960’er Jahre. Supermarkets gab es noch nicht, aber die “Becker’s Milk Stores” und aehnliche “Corner Stores” waren der Ausschlag dafuer. Aber die “Milk Boxes” sind noch heute in vielen aelteren Haeusern zu finden, wenn auch von innen vermauert. Unsere ist seit mehr al 50 Jahren ein Teil unserer Aussenwand geworden.
21.Juni 2018: Wally, unser Nachbar, arbeitet an seiner immer noch bestehenden Milk Box. Ich frage ihn: “What’s up, Wally, did you not get your milk delivered this morning?” “Hell, no” antwortet er: “my wife told me to finally get rid of it!”.

 

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