Die Tölpel von Bonaventure Island in Quebec, Kanada

von Peter Iden

Ich schreibe oft über meine “Abenteuer” in Kanada. Aber was bedeutet Abenteuer eigentlich? Es ist ein ungewöhnliches, spannendes, prickelndes, seltsames, auch ein romantisches Erlebnis. Das Wort, nach den Linguisten zu urteilen, stammt vom Lateinischen “adventum” (in Französich “aventure”, in Altdeutsch “abentuere”, in Englisch “adventure”).

Sinnverwandt damit sind Begebenheiten, Erlebnisse und Wagnisse. Fast alles, was wir erleben und was uns passiert ist eine Anreihung von Abenteuern, welche wir danach im Gehirn nach abstufender Wichtigkeit bewerten und aufbewahren.

Eines unserer ersten Familien-Abenteuer, und das erste Mal in den Maritimes im Juni 1965 schloss einen Besuch von Perce auf der Gaspe Peninsula in Quebec ein. Ich schrieb gerade ein Buch über Vogelbeobachtunggsplätze in Kanada und wir besuchten einige “Birders” in mehreren Ortschaften. Ich hatte von der großen Bonaventure Island Northern Gannet Colony gehört, wo Tausende dieser Vögel auf den 300 Fuß (90 Meter) hohen Klippen nesten.

photo by Peter Iden

Kanada ist die Heimat von 6 Gannet-Kolonien, 3 davon in Neufundland (Funk Island, Baccalieu Island und Cape St. Mary’s). Die drei anderen liegen in Quebec (Anticosti Island, Magdalen Islands und Bonaventure Island). Bonaventure mit 60.000 Vögeln ist die zweitgrößte der Welt, nach der Firth of Forth Kolonie in Schottland mit 150.000 Vögeln.

photo by Peter Iden

Europa hat 8 Tölpel-Kolonien in Grossbritannien, eine in Frankreich, eine in Deutschland (Helgoland), eine in den Faröer Inseln, eine große und mehrere kleine in Island, ähnlich in Norwegen und Russland.

Die europäischen Tölpel wandern im Herbst zur afrikanischen Küste, während die nord-amerikanische Bevölkerung zum Golf von Mexiko wandert, teilweise sogar (wie ihre europäischen Verwandten) nach Afrika.

Der deutsche Name für Gannet ist “Tölpel”, weil sie ausgezeichnete Flieger und Taucher sind, auf dem Land jedoch (wie die Loons) nur mühsam und ungeschickt watscheln können Die Franzosen nennen sie “Fou de Bassan”, weil ihre blauen Augen und schwarzen Augenschlitze sie an die maskierten Narren an den Fürsten- und Königshöfen des Mittelalters erinnern. Ungewöhnlich ist, dass Gannets gerade nach vorne sehen, während fast alle anderen Vögel peripherale Sicht haben. Gannets sind sauber aussehende und friedvolle Vögel, aber während der Nestwahl und Brutzeit werden sie äußerst laut, streitsüchtig und kampffreudig.

Ein Fischerboot setzte uns an einem kleinen Dock ab, und wir pilgerten eine halbe Stunde lang durch eine große Wiese, dann durch einen kleinen Wald, bis wir plötzlich am Rande der Tölpel-Kolonie standen. Die Tausende Vögel waren ziemlich ruhig, denn es war ihre Brutzeit. Viele saßen schon auf ihren Eiern oder sogar ihren Babies, während die Männer auf dem Ozean nach Fischen jagten. Tölpel paaren sich für’s Leben. Beringung beweist dass sie jedes Jahr zum selben Nistplatz zurückkehren.

Wir verließen die Beobachtungs-Plattform und, weil wir fast die einzigen Besucher waren, liefen wir ohne Proteste zwischen den Vögeln herum (Greenpeace und andere Protester kamen erst nach 1971). Die Gannets wahrten ihre Sozialdistanz zueinander und warnten uns mit kurzen Schnabelstichen, auch unsere Distanz zu halten. Unsere festen Hosen und Stiefel waren Schutz gegen ihre scharfen Schnäbel (Anmerkung: heutzutage stehen die Vögel unter Naturschutz und ihre Nistplätze sind durch Zäune abgeteilt. Ausser Weisskopf-Adlern und Menschen haben sie jedoch keine Feinde).

Das richtige Abenteuer für uns begann, als wir einen erwachsenen Vogel in einer etwa einen Meter tiefen Felsenspalte entdeckten. Er war dort hinein gefallen und konnte sich nicht selbst befreien. Ob es ein männlicher oder weiblicher Vogel war, war nicht die Frage, denn die beiden Geschlechter gleichen sich.

Die Frage war: was sollten wir tun um ihn zu retten? Mir kam eine Blitzidee. Ich entfernte sofort den langen Schnürsenkel aus einem meiner Schuhe, formte ein Lasso daraus und zog den Vogel an seinem Hals aus der Felspalte. Nicht leicht, denn erwachsene Gannets wiegen 3 Kilogramm.

Peter Iden als Retter!

Dankbarkeit war nicht seine Sache. Ich musste ihm den Schnabel zuhalten um nicht gestochen zu werden! Ich brachte den Vogel zur Ecke der 90 Meter hohen Felswand und warf ihn in die Luft, nachdem ich seine Flügel nach Verwundungen oder Brüchen untersucht hatte. Nicht ungewohnt für mich als Vogelberinger. Er fiel wie ein Stein etwa 60 Meter abwärts. Kein Grund zur Aufregung, denn die Gannets tauchen oft aus dieser Höhe mit angelegten Flügeln in den Ozean. Etwa 10 bis 15 Meter über dem Wasser entfaltete er seine Flügel auf die ganze Spanne von 2 Metern und verlor sich für uns zwischen den Hunderten ueber dem Wasser fast ohne Flügelschlag gleitenden Gannets.

Das folgende Video gibt eine gute Übersicht über die auf den Klippen nistenden Tölpel, auf Bonaventure jedoch lebt ein Großteil ihrer Bevölkerung auf dem Flachland über den Klippen.
https://www.youtube.com/watch?v=UxrNL3zSNFY

Meine Quellen sind zahlreich, zu viele um sie hier aufzuführen.

Alle Bilder außer den mit Namen kreditierten stammen von mir. (Anmerkung: die Auswahl der anderen Bilder in diesem Beitrag liegt einzig und allein in meiner Verantwortung unter der Fair Dealing Provision der kanadischen Copyright-Gesetze).

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