Auf nach Kanada – Zehntes und letztes Kapitel

von Peter Iden

Die Geschichte einer (etwas anderen) Auswanderung

Sonnabend, 24. April 1954 – Fahrt in eine unbekannte Zukunft

Der Pullman-Zug fuhr vorbei an schoenen Landschaften, Farmen, Weiden, Waeldern, kleinen Ortschaften und oft am Lake Ontario entlang, und brachte uns in etwa 5 Stunden nach Toronto.

08:00 Uhr. Da sassen wir nun, einsam und allein, auf einer Bank in der Toronto Union Station und wussten nicht wohin. Kanadisches Geld haten wir auch nicht, nur US Dollars, und die wollte auch hier niemand annehmen. Es war Sonnabend, und die Banken – wie auch alle anderen Betriebe und Laeden – hatten in Kanada am Sonnabend geschlossen.

Meine Eltern machten sich auf den Weg zur Einwanderer-Mission, die einzige Moeglichkeit, etwas kanadisches Geld zu bekommen, waehrend ich auf unsere gesamte Habe aufpasste – eine Kiste und zwei Koffer.

Ein Zufall liess mich im Gewimmel des Bahnhofs Herrn Garzlaff erkennen, einer unserer Passagiere, mit seinem deutsch-kanadischen Bekannten.

Als meine Eltern zurueck kamen, sagte Herr Garzlaff’s Bekannter, ein Herr Rosenbrock: “Kommt mit mir, ich werde euch helfen”, lud uns und unser Gepaeck in sein Auto und brachte uns zu seiner Wohnung direkt am Ontario-See. Dort mussten wir erst einmal anstaendig deutsch essen.

Spaeter fuhr er mit uns los und besorgte uns eine Wohnung dicht am Ontario-See und am High Park, eine Art Naturschutzpark der Stadt, in der Indian Road 103.

Wir waren in unserem neuen “Zuhause” angekommen

Abends zeigt Herr Rosenbrock uns und Herrn Garzlaff die ganze Stadt.

(Bild oben links: Toronto Skyline 1954)
(Bild oben rechts: Toronto Skyline 2004)

Die “Nachgeschichte”

Toronto in 1954 war eine schlaefrige Provinz-Stadt mit nur 8 Gebaeuden, die mehr als 20 Stockwerke hatten, darunter das hoechste im gesamten British Commonwealth, die Canadian Bank of Commerce (160 Meter hoch, 34 Stockwerke, erbaut in 1931), sowie das gigantische, pyramidenfoermige, ehemals hoechste Gebaeude im Commonwealth, das Royal York Hotel (28 Stockwerke mit 1,048 Zimmern, in 1929 gebaut).

Die deutsche Nachkriegs-Einwanderung war erst um 1950 frei gegeben worden. Es bestanden drei kleine deutsche Kirchen-Gemeinden (zwei evangelisch, eine katholisch), die versuchten, ihre „Herde von Schaeflein“ durch eingewanderte Deutsche zu vergroessern – was auch anfangs einigen Erfolg hatte. Inzwischen sind sie jedoch durch das Aussterben der „Ersten Generation“ erheblich geschrumpft.

Es gab nur wenige deutsche Geschaefte. Brot und andere Lebensmittel kauften wir bei den Ukrainern und Polen, die schon laenger im Land waren, oder bei den Italienern und Portugiesen, bis Brandt und Piller’s in 1957/58 ihre Laeden und Schlachtereien eroeffneten.

Dass unsere erste Wohnung an der „Indian Road“ (Indianer-Strasse) war, erhoehte nur meine imaginaere Verbundenheit mit den Ureinwohnern Kanada’s, der ich spaeter oefter meine Zeit widmete.

Ich fand nach wenigen Tagen einen Job in einer Buerstenfabrik, wo ich den ganzen Tag Maschinen-gefertigte Buersten ueber eine Schneidemaschine schob. Es war sogenannte “piecework” Arbeit, man wurde danach bezahlt, wieviele Buersten man pro Stunde oder am Tag “produzierte”.

Der “Foreman” war derjenige, der die Zaehlungen in die Liste eintrug. Was mir nach kurzer Zeit auffiel war, dass meine “production” weit niedriger war als meine eigene Zaehlung . Der “Foreman” hatte die Anzahl meiner Buersten verringert und einen Teil auf sein eigenes “Production Sheet” eingetragen.

Meine Arbeit mit Buersten dauerte nur wenige Wochen. Eines Tages schubste derselbe Foreman eine aeltere Frau zwischen zwei grosse Maschinen, gluecklicherweise ohne dass sie verwundet wurde. Ein anderer Deutscher und ich nahmen den Foremann in eine stille Ecke der Fabrik und, waehrend ich den Mann hielt, verabreichte mein Kollege ihm eine gute Tracht Pruegel. Wir wurden noch am selben Tag “gefeuert”.

Meine Mutter bekam durch ihre guten Englisch-Kenntnisse einen Job In der Ontario-Regierung (Department of Transport), den sie bis 1979 ausuebte.

Ich selbst fand eine Stelle als “Mailboy” in den Connaught Medical Research Laboratories der Universitaet Toronto und arbeite mich in drei Jahren auf eine gute Position in der Firma hoch (Accounts Receivable Manager),

Mein Vater war beinahe 12 Monate arbeitslos. Die ihm versprochenen Arbeitsstellen fuer Flugzeug-Ingenieure (bei Avro, einer britschen Firma) wurden nur an britische Staatsbuerger vergeben. Ich konnte ihm spaeter eine Stelle als „Cleaner“ (Gebaeude-Pfleger) bei Connaught Laboratories besorgen, wo er sich in die „Maintenance“ hocharbeitete und die Wartung der komplexen medizinischen Produktions-Maschinen uebernahm. Er blieb dort bis zu seiner Pensionierung in 1977.

In 1957 kehrte ich ein Jahr lang nach Deutschland zurueck und fand dort bei der Lufthansa / Hamburg (dank meiner Englisch-Kenntnisse) sofort einen hochinteressanten Job in der “Flight Control”. Aber Kanada war mir schon in das Blut geflossen, und so kehrte ich Anfang 1958 nach Toronto zurueck.

In Hamburg lernte ich meine Frau kennen, die mir in 1958 nach Kanada folgte. 20 Jahre spaeter gruendeten wir unser eigenes Geschaeft als Zoll-Spezialisten (Customs Brokers), welches wir noch heute aufrecht erhalten.

Die Zeit nach 1958 in Kanada ist eine andere lange und glueckliche Geschichte. Unsere Familie hier besteht inzwischen aus 12 Mitgliedern, mit 4 Enkelkindern zwischen 7 und 19 Jahren alt.

Im Januar 2010 feiern wir unser 50. Hochzeits-Jubilaeum.

Wir reisen viel, haben schon zusammen viel von der Welt gesehen und haben es nie bereut, nach Kanada ausgewandert zu sein.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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