Geschichte für Besucher in Kanada – Ostküste

von Peter Iden

Es ist mir von Anfang an bewusst, dass Besucher Kanadas kaum an der Geschichte des Landes interessiert sind, außer wenn es um Indianer und den „Wilden Westen“ oder die landschaftlichen Reize geht.
Wer nur die Landschaft und die Natur des Landes genießen will, kann es natürlich machen, aber ein Einblick in die Geschichte kann jedenfalls nicht schaden.
Meine eigenen Recherchen auf diesem Gebiet umfassen eine große Anzahl von Quellen und beruhen auf einem lebenslangen Interesse an geschichtlichen Ereignissen.


Die gesamte Geschichte der Küstenerforschungen von Kanada hier zu schreiben übertrifft den Sinn und den Platz in dieser Liste. Lassen wir es also dabei, dass die Wikinger als erste die Ostkueste besiedelten, und dass die Spanier vor etwa 250 Jahren als erste die Westküste von Mexiko nordwärts erkundigt und als „Spanisches Territorium“ proklamiert hatten.
Das Auffinden von Nordamerika durch die Wikinger vor etwas mehr als 1.000 Jahren und ihre (wie auch immer kurzfristige) Besiedelung wurde durch die Funde bei L’Anse aux Meadows in Neufundland von den norwegischen Archäologen Helge und Anne Ingstad in den 1950’er und 1960’er Jahren bewiesen.
Die ursprüngliche Besiedelung Kanada’s von Asien über die einst trockene Beringsee ist ebenfalls sehr gut geschichtlich und auch wissenschaftlich belegt und bewiesen worden. Genau so ist die Ausbreitung der sibirischen „Einwanderer“ entlang der Westküste bis nach Südamerika sowie die Entstehung der Maya-, Inca- und Azteken-Zivilisationen ziemlich genau erforscht worden, auch wenn ihr Verschwinden immer noch allerhand Rätsel verbirgt.
Was die Erforschung und Besiedelung Kanadas durch die Europäer während des letzten halben Jahrtausends anbetrifft, gibt es da aber einige sehr schwache Punkte, nicht so sehr in den Daten als in den Routen und Plätzen, wo die Landungen der Forscher stattgefunden haben sollen.
Bei unbewiesenen Kommentaren wie „dieses ist der Geburtsort von so-und-so“ erwacht sofort mein Misstrauen in die lokalen Quellen solcher Behauptungen. In der Karibik z.B. habe ich fast auf jeder Insel den Kommentar gehört: „dieses ist der erste Platz, an dem Christopher Columbus landete“. Der Mann und seine drei Schiffe muessen unwahrscheinlich viel hin und her gesegelt sein, um so viele Inseln zu besuchen!
Als begeisterter Anhaenger geschichtlicher Fakten ist mir natuerlich bewusst, dass die Führer von allen Arten von Touristen-Gruppen in aller Welt generell ihre eigenen „Geschichtchen“ in ihre Kommentare einweben, wohl um die banalen Tatsachen etwas interessanter für ihre nicht ubedingt interessierten Zuhörer einzukleiden.
Als geschichtliche Ereignisse sind die vier Erkundungsreisen von Americus (Amerigo) Vespucci zwischen 1497 und 1504 ebenso nicht durch verlässliche Routen oder Landeplätze belegt, obwohl er begeisterter Kartogpaph war.
Aber auf jeden Fall fand er die Karibik und Südamerika und bewies, dass Columbus fehlerhaft glaubte, dass er Indien und Asien erreicht hatte. Ihm dürfen wir verdanken dass wir heute in „Amerika“ leben.
Nebenbei bemerkt: die weibliche Form seines lateinischen Namens ist „America“.
In Kanada ist es mit verlässlichen schriftlichen Belegen nicht sehr viel anders. Die Tagebücher der Kapitäne und ihrer Navigatoren sind zum größten Teil nicht auffindbar, obwohl sie von späteren Schriften anderer Autoren oft fälschlich wiedergegeben wurden.
Es blieb also den späteren Autoren ueberlassen, Angaben z.B. ueber die genauen Landeplätze der Forscher zu „fabrizieren“.
An der Ostküste nehmen daher verschiedene Ortschaften die erste Landung von John Cabot in 1497 als ihren touristischen Höhepunkt in Anspruch. Auf der Cape Breton Halbinsel, an einem herrlichen aber sonst nicht weiter bemerkenswerten Sandstrand steht eine Büste von John Cabot an dem Platz wo er am 24. Juni 1497 angeblich gelandet sein soll.
Auch Newfoundland und Labrador beanspruchen das Recht einer Cabot-Landung in 1497.
In 1997 entschieden die Regierungen von Canada und Grossbritannien, zweifellos aus irgendwelchen politischen Gründen, den Landeplatz von John Cabot zu seinem 500. Jahrestag auf Cape Bonavista in Neufundland festzulegen.
Der Hauptgrund warum es keine genauen Beweise fuer diese Landungen gibt ist jedoch, dass zwar die Längengrade den Navigatoren der Schiffe bekannt waren, aber nicht die Breitengrade, obwohl einige der Navigatoren sie bereits in Grundrissen zu verstehen schienen.
Weder Cabot noch Cook konnten aber in ihren Tagebüchern angeben, genau wie weit sie nördlich oder südlich gelandet waren. Cabot’s Tagebuch von 1497 verschwand nach seiner Rückkehr nach England.
Jaques Cartier, ein Bretone, ist hauptsächlich bekannt für seine Erkundungen des St.Lorenz Stroms. Soweit bekannt, erkundete er vor seinen drei „Kanada-Reisen“ Brasilien.
Es erscheint nicht nur mir, dass viele der Erforscher ihre Geschichten aus der „Neuen Welt“ sehr stark aufbauschten, um ihren Förderern nicht nur zu imponieren, sondern auch um sie als zukünftige Geldgeber zu behalten!
Eines der „Reichtümer“ welches einige von ihnen massenhaft nach Europa zurück brachten, waren Minerale die aussahen, als ob sie viel Gold enthielten. Fast alle wurden als Pyrit entlarvt. Cartier und der arktische Erforscher Frobischer und andere fielen auf das „Fools Gold“ herein.
Wie alle der europäischen Forscher war das Ziel von Cartier’s ersten königlichen Förderern und Geldgebern, in diesem Fall König Francis von Frankreich, Gold, Gewürze und andere Schätze für die Staatskasse des Landes (und natürlich ihre eigenen Geldtaschen) zu finden und zurück zu bringen. Und natürlich eine Passage nach Asien mit seinen erträumten Schätzen zu finden. In allen war Cartier erfolglos, aber seine 3 Reisen von 1534 bis 1541 erlaubten zumindest Frankreich, Kanada als französisches Territorium zu erklären.
Auf seiner ersten Reise in 1534 erkundete er den Golf von St.Lorenz, die Küste von Neufundland und Anticosti Island, segelte jedoch an Prince Edward Island und den Magdalen Islands vorbei ohne zu landen.
Auf der zweiten Reise in 1535-36 segelte er bis Quebec und etablierte dort eine Basis für weitere Erkundungen.
Im September drang er bis zum heutigen Montreal vor, wurde aber durch das Gefrieren des St. Lorenz am Weitersegeln verhindert. Seinem „Sponsor“, dem französischen König Francois berichtete er, dass er von einem Fluss gehört hatte, der viele Tausend Kilometer weit bis nach Asien und zu ungeahnten Reichtümern führte.
König Francois war „nicht amüsiert“ darüber, dass er kein Gold, keine Edelsteine, keine Gewürze und andere Schätze zurück brachte und entzog Cartier alle weiteren finanziellen Unterstützungen.
Cartier musste sich also für seine dritte Kanada-Reise einen neuen Geldgeber suchen, den er in dem reichen „Nobelmann“ Jean-Francois de la Roque de Roberval fand.
Auf seiner dritten Reise in 1541-42 wollte Cartier eine Siedlung beim heutigen Quebec City bauen. Die ersten Siedler waren angeblich bereits unterwegs. Aber das war utopisch zu dieser Zeit.
Auch er brachte dieses Mal mehrere Tonnen „Gold“ nach Frankreich zurück, wo es von Geologen und Chemikern der damaligen Zeit als praktisch wertloses „Fools Gold“ (Eisenkies oder Pyrit) entlarvt wurde.
Roberval war sicherlich auch nicht amüsiert darüber. Cartier konnte keine weiteren Geldgeber finden und starb im Alter von 65 Jahren, ohne weitere Kanada-Reisen zu machen, in Saint-Malo während einer Typhus-Epidemie.
Quebec wurde erst in 1608 von Samuel de Champlain gegründet, nachdem er in 1605 bereits Port Royal nahe dem heutigen Annapolis gründete.

 

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