Wasaga Beach – Hochburg der deutschen Immigranten

von Peter Iden

photo by Toronto Star

Es war einmal – so beginnen all Märchen. Aber Wasaga Beach war kein Märchen, sondern eine Zuflucht für Deutsche Einwanderer, wo sie noch ein wenig ihres Deutschtums weiter leben konnten. Unsere ersten Erkundungsfahrten in Ontario, auf Zuraten neuer Freunde in Toronto, waren nach Wasaga Beach und an die herrlichen Strände dort.

Die ersten Besucher, schon einige Jahre vor der “deutschen Welle”, waren die Soldaten aus Camp Borden nahe Barrie. Viele von ihnen hatten in der Besatzungsmacht in Deutschland gedient, und sehnten sich nach ein wenig „German Feeling“, das sie in Wasaga Beach in den frühen 1950’er Jahren fanden. Als sie dann nach etwa 25 Jahren in Kanada in die Rentnerjahre kamen, kauften viele aus den Städten, Häuser in Wasaga Beach, was die Ortschaft zu einer Art deutscher (und deutschfreundlicher) “Enklave” machte.  Im Zentrum des kleinen Ortes lag ein großes deutsches Restaurant, im bayrischen Stil etwa in 1950 erbaut.

Photo by Peter Iden

Die erste deutsche Welle kam in den frühen 1950’er Jahren nach Wasaga Beach. Es waren die Besucher aus den Städten, hauptsächlich Deutsche, aber auch andere Nationalitäten. Es war kurze Fahrt von etwa einer Stunde aus Toronto in ein Super-Strandgebiet ohne abgezäunte Privatstrände. Das ist noch heute so, denn die Abzäunung von Stränden in Kanada ist gesetzlich untersagt. Die Strände gehören allen Kanadiern.

In 1959 wurde fast die gesamte Strecke von Stränden in den Wasaga Beach Provincial Park eingereiht. Allerdings muss man für seine Benutzung einen Pass für etwa CAD 15,00 pro Auto kaufen  (variiert je nach Insassen, aber gilt für alle Parks am selben Tag). Ein Jahrespass kostet CAD 175,00, ein Sommerpass CAD 125,00.

Photo by blogTO

Wasaga Beach war eigentlich nie eine “Stadt”, selbst nicht im kanadischen Begriff, sondern ist schon seit vielen Jahren eine “Town”. Die meisten Towns in Kanada haben zumindest eine kurze Hauptstraße als Zentrum, wie z.B. im nächstgelegenen Stayner. Nicht so in Wasaga Beach. Die Dienstgebäude (Stadthalle, OPP Polizei, Leihbücherei usw.) liegen zerstreut irgendwo in den Straßen zwischen Privathäusern, zum Teil weit außerhalb der Strandgegend. Zwei Zentralstraßen, die Mosley Street und die West- und Ost- River Street, verbinden die Ortschaft 8km lang von Stadtgrenze zu Stadtgrenze. Es gibt viele Ortschaften in Kanada, die dieses “Ortsbild” haben, welche sich nicht an ein Zentrum mit z.B. einem Rathaus bindet. Darin unterscheidet sich ein kanadischer “Kleinort” radikal von dem einer deutschen Kleinstadt.

Photo by TripAdvisor

Heute ist Wasaga Beach eine reine “Retirement Community”, wo sich viele Rentner nach ihren Arbeitsjahren ansiedeln. Auch ich lebe in einer kleinen, abgeteilten Gemeinschaft, wo das Durchschnittsalter der Bewohner zwischen 75 und 95 ist. Das Management schaufelt Schnee, mäht den Rasen, putzt die Fenster, und wir brauchen keine Außenarbeiten machen. Tennisplatz und Swimming Pool sowie Hallen für Treffen, Hockey und Curling sind ebenfalls für ein kleines jährliches Beigeld zu benutzen. Es gibt mehrere Dutzend solcher Retirement Communities in den Außenbezirken des Ortes.

Deutsche gibt es kaum noch in Wasaga Beach. Die meisten sind gestorben oder zu ihren Kindern irgendwo in Kanada gezogen. Es gibt einen “Deutschen Klub”, aber ich konnte nur zwei Mitglieder und keine Treffen oder Aktivitäten finden. Einer der Mitglieder ist Bayer und war ehemals Präsident des Deutschen Klubs “Harmonie” in Brampton. Die wenigen deutschen Namen im Telefon-Buch gehören wahrscheinlich zu Nachfahren der mehreren Einwandererwellen der Vergangenheit.

Die neueste “Einwandererwelle” besteht aus Indern, die zuerst den Strand von Wasaga Beach entdeckten, aber heute Geschäfte hier eröffnen, hauptsächlich, indem sie die Lizenzen der großen Franchise-Restaurants (wie Tim Hortons, Burger King, Macdonald’s usw.) aufkaufen.

Das bayrische Restaurant wurde etwa in 1950 in zwei Phasen gebaut, mit mehreren Cottages im gleichen Stil. Trotz seines Verkehrslärms an der Hauptstraße, wurde es von 2003 bis 2006 in ein deutsches “Altersheim” (Retirement Home) umgewandelt, mit den vorherigen Motel-Zimmern als Unterkünfte für Senioren, jedoch ohne ärztliche oder Krankenschwester-Betreuung.  Der heutige Manager vom “Metaorphosis” (Details später) hat mir zwei große Foto-Alben von der Altersheim-Periode zur Durchsicht gegeben, obwohl ich wirklich jetzt noch nicht weiß, was ich damit anfangen werde!

Außer den Covid-Einschränkungen erscheint es mir, als ob die damals verfügbaren deutschsprachigen Hilfskräfte nicht bereit waren dort zu dienen, weil die alten Insassen zu viel an allem auszusetzen hatten (Beispiel: “der Schnee kommt bis an die Türen; das darf doch nicht erlaubt sein!”) Ich habe dieselben Eindrücke von negativer Nörgelei in den deutschen Altersheimen meiner Mutter und meiner Schwiegermutter in Hamburg in Erinnerung.

Covid-19 war Anfang vom Ende für das Altersheim in Wasaga Beach. Dir Regeln für den Kampf gegen die Pandemie waren zu viel für das Management. Heute werden die Einzelräume ab und zu vermietet, einige sogar lebenslang. Das Restaurant selbst und die Räume darüber sind heutzutage ein Teil eines “Drug and Alcohol Rehab Programme” (“Metamorphosis”). Die freiwilligen Teilnehmer bekommen eine umfassend medizinische Beurteilung und werden in ein dem Alcoholics Anonymous-aehnliches Programm eingeführt, mit mehrmals täglichen Treffen aller Teilnehmer. Nach Vollendung des Programms folgt eine zweijährige Überwachung mit 24/7 Telefonkontakt.

Photo by Wikipedia

Eine große Shopping Plaza mit einem Walmart-Laden, sowie mehrere kleine “Shopping Strip Malls” sind wenige Minuten entfernt von meinem Haus, und haben Büros mit Ärzten, Zahnärzten, Fußpfleger und anderen persönlichen Betreuern anwesend. Auto-Reparaturen und Tankstellen sind ebenfalls “um die Ecke”. Eine große Hockey-Arena sowie ein Harvey’s Hamburger-Laden werden augenblicklich am Eingang unserer Siedlung gebaut. Lediglich die Wartung unserer eigenen Häuser wird von uns bestritten.

photo by maptrove.ca

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