Beobachtungen beim historischen Festival in Québec: „Les Fêtes de la Nouvelle-France“ im August 2022

Eine Fotoreportage von MARC LAUTENBACHER, Québec/Canada

von Marc Lautenbacher

Es wird nun schon seit 25 Jahren veranstaltet, das Festival „Les Fêtes de la Nouvelle-France“! Auf Deutsch heißt das etwa “Festlichkeiten über Neu-Frankreich”. Genau ab dem Moment an, als 1993 zwei findige Geschäftsleute ein Mittelalterfest organisierten, das die historische Altstadt von Québec animieren sollte. Etwa genauso, wie es im Partnerland Frankreich bis heute gang und gäbe ist. Die vier Tage wurden damals ein derartiger Erfolg, dass es zwei Jahre später wiederholt wurde, obwohl das Mittelalter absolut nichts mit der Geschichte Québecs zu tun hatte. Durch finanzielles Missmanagement gezwungen, musste danach das Fest jedoch erst einmal eingestellt werden. Bis eine eigene Organisation unter Federführung der Stadtverwaltung Québecs den Event 1997 erneut aufleben ließen. Dieses Mal jedoch sollte mehr die Epoche von Neu-Frankreich ab dem Jahr 1608, also ab der Gründung der Stadt Québec, das zentrale Thema werden und man beschloss, das Fest umzubenennen. „Les Fêtes de la Nouvelle-France“ waren geboren, die seither jedes Jahr stattfinden!

Da ich seit 2007 bereits in der Stadt Québec wohne, ist mir in den vergangenen Jahren das Festival im Sommer jedes Jahr aufgefallen, das jeweils am ersten Augustwochenende in der historischen Altstadt von Québec stattfindet. Nur wegen der Ferienzeit konnte ich nicht immer dabei sein. Es fand damals noch in der Unterstadt von Québec statt, in der Nähe des Place Royale. Dem historisch verbrieften Ort also, wo die Stadt ab 1608 ihre Anfänge nahm und damit die Kolonie in Neu-Frankreich ebenso. Das große „Defilée“, also ein Umzug mit allerlei kostümierten Statisten, war schon damals ein spektakuläres Ereignis, das die ganze Stadt auf die Beine brachte.

Dieses Jahr wurde der Ort des Festivalgeländes aber in die Oberstadt verlegt, zum zweiten Male bereits, wie ich höre. Es erschließt sich für mich nicht, warum! Denn der Ort hat einfach nicht denselben Charme wie die Wege mit Kopfsteinpflaster und die Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert in der Unterstadt um den Place Royale. Nicht nur ich, sondern auch Freunde und Bekannte sind der Meinung, das Festival wieder dort zu veranstalten – dort, wo ja alles angefangen hatte! Na ja, mal sehen.

Am ersten Abend des Festes, am 4. Augusts also treffe ich mich mit Freunden vor dem Haupteingang des Festivalgeländes. Und wir sind einstimmig der Meinung, dass man so ganz ohne Weiteres das Gelände betreten kann. Groß jedoch ist die Ernüchterung, als wir ein Kassenhäuschen entdecken, das uns sage und schreibe 15 Dollar abnehmen will – pro Person versteht sich. Da ich aus Deutschland freien Zugang zu allerlei Historik-, Wein-, oder auch Volksfesten kenne, verstehe ich nicht ganz die Idee der Veranstalter. Mit dieser Strategie wird man sicherlich einen Großteil von Festival-Interessierten von einem Besuch abschrecken, bedenkt man, dass man sich vor Ort etwas zu essen und zu trinken kaufen möchte oder gar ein Souvenir erstehen will.

Das Gelände ist zudem nicht besonders weitläufig und es besteht aus diversen Holzhütten, die zur Abendzeit bereits geschlossen sind. Nur einige „Fressbuden“ bieten nach eigenen Worten Gerichte nach historischem Vorbild an: „Barbecue wie in alten Zeiten!“ Wir probieren drei verschiedene Angebote, die sich leider, leider als teures Fastfood entpuppen und absolut keinen historischen Rezepten folgen. Warum, frage ich mich abermals? Nur die Bratwurst ist richtig gut. 

Der musikalische Top-Act des Abends, wegen des wir gekommen sind, ist der landesweit bekannte Sänger und Schauspieler Samian vom Stamme der Anishinabe-Indianer. Aber Indianer ist heute nicht mehr politisch korrekt, man nennt sie in Kanada die Ersten Nationen, also “First Nations”! Samian wird uns als virtuoser Rapper im vollbesetzten Hauptzelt mit aktueller Hip-Hop-Musik und mit Texten in der Sprache der Algonkins aufs Beste unterhalten. Seine mitreißende Show ist wirklich sehenswert und wir bleiben volle zwei Stunden bis zum Ende der Vorstellung, die wir als eine äußerst gelungene Verbindung aus Québecer Historie, indianischer Identität und Kultur mit den modernen, heutigen Zeiten einordnen.

Am Sonntag will ich dem Gelände nochmals am Tage einen weiteren Besuch abstatten und so komme ich mittags pünktlich um 12 Uhr an: Es soll „Le brunch de Sa Majesté“ stattfinden und ich bin gespannt, was das sein wird. Erwartungsgemäß ist das mit einem Holzzaun eingerahmte Gelände bei strahlendem Sonnenschein aufs allerbeste belebt. Offenbar schreckt das Eintrittsgeld, wofür man ein aufwändig hergestelltes Medaillon aus Gusseisen bekommt, die Besucher nicht sonderlich ab. Ich erfahre auch, dass der eingangs erwähnte Eintritt für alle vier Festival-Tage gilt, was die 15 Dollar dann auf vernünftige 3,75 Dollar pro Tag reduziert. Prima!

Jedenfalls erfahre ich an diesem Tag ausgesprochen Interessantes! Eine Frau im wallenden Gewand zeigt mir genau, wie man Spitzen klöppelt. Ein kostümierter Schauspieler verkörpert einen Architekten aus der Zeit Neu-Frankreichs des 17. Jahrhunderts, dessen Name in den Geschichtsbüchern leider verschwunden ist. Grund: all seine Bauwerke existieren heute nicht mehr, obwohl er zu Beginn der Kolonialisierung der wichtigste Baumeister der kleinen Stadt Québec gewesen sein soll.

Des Weiteren erfährt man bis ins kleinste Detail, wie damals eine Zahnbehandlung vonstattenging. Denn von der Zahnhygiene aus heutigen Tagen war man noch weit entfernt und ein kostümierter Schauspieler zeigt uns allerlei Werkzeuge, die damals verwendet wurden: Alles ohne jegliche Narkose versteht sich!

Von weitem höre ich das monotone Trommeln samt Indianergesang. Ganz am Ende des Geländes geben drei Frauen vom Stamm der Huronen eine Tanzvorstellung zum besten (siehe Titelfoto). Endlich einmal authentische Musik der First Nations, die man wie gesagt hier in Kanada politisch korrekt die Indianer nennt, die ich bislang vermisst hatte. Weiter daneben ist eine Ausstellung zu sehen, die die Beziehungen zwischen den Kolonisten mit den Indianern sehr genau beschreibt und mit allerlei Objekten aus dieser Zeit sehr anschaulich macht.

Ein weiterer Stand beherbergt die Gesellschaft der Königstöchter, wo sich einige kostümierte Frauen als historisch belegte Nachkommen präsentieren, “La société des filles du Roi“, und ich erfahre aus einer äußerst spannenden Episode Neu-Frankreichs. Etwa um 1660 stellte man fest, dass auf eine Frau etwa 10 bis 14 Männer kamen und die Kolonie deswegen nur langsam wuchs. Somit wurden im Auftrag des damaligen Königs Ludwig XIV., dem berühmten Sonnenkönig, ernsthafte Anstrengungen zur Bevölkerungsentwicklung unternommen. Innerhalb von 10 Jahren wurden auf Kosten des Königs rund 800 ledige, junge Frauen nach Québec entsendet, die sich vor Ort verheiraten sollten. Wie nicht anders zu erwarten verdoppelte sich fast die Bevölkerung der noch jungen Kolonie. Genauer gesagt, ab dem Jahr 1666 von rund 3.700 Einwohnern auf rund 6.100 Einwohner bis zum Jahr 1672. Danach musste man die Reise über den Atlantik wieder selbst finanzieren, wenn man ins damalige Kanada auswandern wollte. Also genauso wie heute!!! (siehe auch Beitrag “Die Töchter des Königs“)

Text und Fotos: MARC LAUTENBACHER (Québec/Canada) –  zertifizierter und autorisierter Stadtführer des Fremdenverkehrsamtes der Stadt Québec, die seit Dezember 1985 UNESCO-Weltkulturerbe ist.

 

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