Auf nach Kanada – Achtes Kapitel

von Peter Iden

Das siebte Kapitel finden Sie hier

Die Geschichte einer (etwas anderen) Auswanderung

Ostermontag, 19. April 1954 – Auf See

09:00 Uhr. Soeben weckt mich das heisere Tuten des Nebelhorns. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir eine dicke undurchsichtige Bruehe. Wir befinden uns jetzt in der Region des haeufigen Nebels vor der Cabot Strait, der Meeresstrasse zwischen Neufundland und Neu-Schottland.

Nachmittags. Der Nebel hat sich verzogen, der Himmel ist jedoch immer noch bedeckt. Man merkt schon, dass wir in Landnaehe kommen. Moeven und Seeschwalben umflattern das Schiff, und viele Lummen oder Dueker tummeln sich ueber dem Wasser.

Abends. Der Nebel ist ploetzlich wieder da, dichter denn je. Er ist nicht wie ein Landnebel, sondern plitschnass und schmutzig grau. Schwer legt er sich auf das Schiff, aber er hat den Vorteil, dass er das Wasser beruhigt.

22:00 Uhr. Der Steward macht uns darauf aufmerksam, dass im Kielwasser Meeresleuchten zu sehen waere. Tatsaechlich, das Wasser flimmert und leuchtet, voll von Tausenden kleinen und grossen phosphorizierenden Meerestieren, die durch dir Schiffsschraube aufgewirbelt wurden.

Dienstag, 20. April 1954 – Cabot Strait

Morgens. Cabot Strait. Dichter Nebel, Radar, Echolot und Ausguck sind aktiviert.

Nachmittags. Auf dem Radarschirm tauchen einzelne weisse Punkte auf: Inseln. Wegen des Nebels koennen wir sie aber nicht sehen. Das Nebelhorn hat sich schon heiser geschrien.

Abends. Der Nebel hat sich langsam aufgeloest. Die See ist spiegelglatt. Wasser-Temperatur plus 7 Grad.

Mittwoch, 21. April 1954 – St. Lorenz-Golf

09:00 Uhr. Draussen ist strahlender Sonnenschein und blauer Himmel. Wer sich aber dadurch verleiten laesst, hinaus zu gehen, dem schlaegt ein ziemlich kalter Wind entgegen. Die Wasser-Temperatur ist +/- Null Grad, die Luft-Temperatur dementsprechend.

11:00 Uhr. Am Horizont tauchen im Fernglas dunkle Schatten auf: Land! Auf dem Radarschirm zeigt es sich als ein weisser Strich.

14:00 Uhr. Wir befinden uns jetzt zwischen der Insel Anticosti und dem Sueden der kanadischen Landschaft Quebec. Wir fahren dicht unter der bergigen Kueste entlang, die sandig, bewaldet und teils zerklueftet ist.

Immer noch liegt links die Kueste. Sie ist einige hundert Meter hoch und sehr steil. Vereinzelt stehen am Hang Haeuser, die man am Blinken der Sonne auf den Fensterscheiben erkennt. Man sagt uns, dass wir uns in der “Honguedo Strait” befinden, die hier mehr als 80 Kilometer breit ist.

Durch das Fernglas sieht man eine huebsche Landschaft , die Kueste ist von vielen Klueften und Taelern durchzogen. Ich kann es mir noch garnicht vorstellen, dass alle Menschen dort nur Englisch sprechen.

(Anmerkung: Wir wussten praktisch nichts ueber Kanada. Das kanadische Buero fuer die Einwanderung – in Hannover – gab nicht wie heute aus Berlin zahlreiche Informationen ueber das Land aus, und natuerlich gab es in den gedruckten Medien kaum Details ueber Kanada. Dass dort auch Franzoesisch gesprochen wurde, war uns unbekannt, wie auch die Geschichte des Landes).

17:00 Uhr. das Weisse auf den Kuestenbergen ist Schnee, wie wir gerade durch das Fernglas sehen. Am Steuerbord kann man jetzt die Konturen der Insel Anticosti sehen. Die Steilkueste an Backbord wird immer hoeher, sieht aber ziemlich oede aus.

18:00 Uhr. Anticosti ist wieder verschwunden, die Sicht zur Kueste wird wieder diesig. Die Wassertiefe hier ist 350 m, die Entfernung zur Kueste 5 bis 6 Seemeilen. Mit dem starken Fernglas von der Bruecke betrachtet, sieht man am Wasser viele kleine Ortschaften, von denen die meisten nur aus wenigen Haeusern bestehen.

Und ueberall, wo sich ein paar Haeuser zusammen gefunden haben, steht auch eine Kirche. Das laesst vermuten, dass Kanada tief religioes ist.

(Anmerkung: auch darueber, dass Quebec hauptsaechlich katholisch ist, wussten wir nichts).

Da ich in den naechsten Tagen wohl wenig Zeit dazu finden werde, will ich gleich noch etwas ueber die Seemanns-Laufbahn berichten.

Hat ein schulentlassener Junge den Entschluss gefasst, Seemann zu werden, so muss er erst einmal 12 Monate als “Moses” dienen. Dann folgen 12 Monate als Jungmann, 12 Monate als Leichtmatrose, sowie 36 Monate als Matrose.

Dann muss er erst einmal 1-1/2 Jahre die Seemannsschule besuchen. Bei einiger Begabung kann er es zum 3. Offizier bringen, aber die Laufbahn vom Moses zum Offizier ist sehr hart.

20.00 Uhr. Es ist dunkel. Vom Land herueber funkeln die Lichter der kleinen Ortschaften und die Lichterkette der Strasse, die sich am Ufer entlang zieht. Aus der Ferne leuchten die schneebedeckten, bis 2,000 Meter hohen Berge im Landesinneren herueber.

Die Blinklichter am Strand und die Leucht-Bojen weisen der “Colonia” den Weg den St. Lorenz Strom hinauf, der sich uns mit seinen gruengelben Fluten entgegen waelzt.

Heute findet ein Gesellschafts- und Tanz-Abend im Salon statt. Alle sind froehlich und guter Laune. Es wird Morgen, bevor die letzten in ihren Kojen sind.

Hier geht es zum neunten Kapitel

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1 Kommentar

Auf nach Kanada - Neuntes Kapitel - KanadaSpezialist.com 10. Februar 2017 - 15:13

[…] Das achte Kapitel finden Sie hier […]

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