Staatliche Internate für Kinder der Ureinwohner Kanadas

von Peter Iden


Kamloops Indian Residential School, April 4, 1937

Der Begriff Internat war für mich persönlich, als Student an drei offenen Institutionen, schon immer ein Wort, welches den Willen der Eltern bestätigte, dass sie nichts mit der Aufbringung und Erziehung ihrer Kinder zu tun haben wollten. Dass den Kindern dadurch die fehlende Nestwärme verloren ging, war Nebensache. Dass in diesen Instituten die Erziehung oft auf veralteten pädagogischen Konzepten, und von fremden Personen ohne familiäre Bindungen zu den Kindern stattfand, war den Eltern scheinbar ebenso unwichtig. Ein Internat ist eine (normalerweise höhere) Schule mit einem angeschlossenen Heim, in der die Schülerinnen und Schüler wohnen und verpflegt werden. Jedenfalls sind aber die Eltern meistens über die Ausmaße der Erziehung ihrer Kinder, und hoffentlich auch über deren neues Umfeld, ihre individuellen Anforderungen, sowie den stark strukturierten Tagesablauf informiert worden.

Die Ureinwohner von Kanada hatten in all diesen Hinsichten absolut keine Wahl. Ihre Kinder wurden ihnen mit Gewalt (gewöhnlich durch die RCMP) entführt und in die für diesen Zweck speziell neu erbauten Schulen, die Residential Schools transportiert. Zwischen 1863 und 1998 wurden mehr als 150.000 Kinder in 139 über ganz Kanada verbreiteten staatlichen Internate gebracht. Die Gebäude wurden weitab indianischer Reservate gebaut, um Besuche von Familienmitgliedern zu verhindern, welche ohne Erlaubnis sowieso nicht stattfinden konnten. Die Autorität dafür stammte aus einer Änderung des 1876er Indian Act in 1894, welcher diesen Internatszwang bestimmte.
Dreiviertel der christlichen Erziehung wurde katholischen Nonnen und Priestern übergeben. Was diese mit den Kindern durch seelischen, körperlichen und sexuellen Missbrauch machten, haben inzwischen Hunderte von ehemaligen Insassen der Residential Schools beschrieben. Ob diese Methoden auch in den 13, zuerst Anglikanischen Schulen in Ontario, oder in den zwei von Mennoniten geleiteten Ontario-Schulen befolgt wurden, ist nicht dokumentiert.

Die Hauptaufgabe der Schulen war die Verbannung der Indianer-Sprachen, sowie deren Gebräuche, Kultur und Kleidung für alle Kinder. Wer zuwiderhandelte, wurde geschlagen und gepeitscht und in düstere Zellen (Gefängnisse) gesteckt. Wer versuchte zu entkommen, landete ebenfalls im Gefängnis, ohne genügend Essen und Wasser. Invasion von Kakerlaken und Ratten waren in den Schulen alles andere als ungewöhnlich.

The-Conversion from a-Wild Savage to a Christian Indian

Viele der Kinder kehrten niemals in ihre Heime zurück. Unterernährung durch qualitativ und quantitativ unzulängliche Ernährung (Kostenersparnisse), sowie Krankheiten wie Tuberkulose und Influenza (besonders während der Spanischen Grippe-Epidemie von 1918 bis 1919) forderte Hunderte von Opfern. Das National Centre for Truth and Reconciliation dokumentierte 4,117 Todesfälle in den Residential Schools, aber die Anzahl könnte durch absichtliche Nicht- oder Falsch-Dokumentierung um Tausende steigen

Kanada und die Welt waren schockiert als im späten Juni 2021 ein Fund von 215 unmarkierten Gräbern gemacht wurde, bei denen es sich um einen Teil von schätzungsweise 751 Gräbern von Kindern in der Marieval Indian Residential School in Saskatchewan handelt. Nur wenige Tage später wurden bei einer ehemaligen Residential School in der Kootenay Gegend von British Columbia die unmarkierten Gräber von 182 Kindern auf dem Grundstück einer Residential School gefunden. Mehrere Grundstücke von Residential Schools, von denen die indianischen Story Keepers (die alten Geschichten-Erzähler der Stämme) ihre Legenden von Massenbegräbnissen erzählen, werden jetzt auf eventuelle weitere Funde untersucht. Die Grabsteine wurden möglicherweise -absichtlich oder nichtbei Verlegungen der Massengräber beseitigt.

In 1944 prägte der polnische Jurist Raphäel Lemkin den Begriff Genozid (Völkermord). In 1948 nach der UN Genocide Convention in Brüssel weigerte sich jedoch das Canadian House of Commons, den Begriff auf die Residential Schools anzuwenden. Er ginge zu weit und impliziere systematischen Mord im Stil des Holocaust. Nach ihrer Meinung wäre der Begriff passender als Integration (assimilation) ausgedrückt. Die entscheidende Stimme gegen genocide war der Conservative MP John Barlow. In der Abwesenheit von Einstimmigkeit wird seitdem der Begriff Racial Genocide im Zusammenhang mit den kanadischen Residential Schools nicht mehr von der UN benutzt. Die First Nations jedoch bestehen darauf, dass die Residential Schools Rassenmord waren.

In 2008 wurde die Truth and Reconciliation Commission of Canada (TRC) als ein Teil des Indian Residential Schools Settlement Agreement (IRSSA) gegründet. In 2015 veröffentlichte die Commission ihren Bericht über das tragische Schicksal der 150,000 Residential School Studenten in Kanada. Es ist klar als ein Fall von Kulturellem Rassenmord identifiziert. Es wäre eine Zerstörung der Strukturen und Ausübungen welche einer Gruppe erlauben, als solche weiterzuleben sowie ein Teil einer zusammenhängenden Politik, diese gegen ihren Willen in den kanadischen Mainstream einzugliedern

In 2008 entschuldigte sich die kanadische Regierung offiziell dafür. Von der katholischen Kirche wurde noch nichts gehört. Allerdings wird erhofft, dass sich Papst Francis aus Anlass seines Kanada-Besuchs im Dezember 2021 offiziell bei den First Nations und den noch überlebenden Insassen entschuldigen wird. Das Oberhaupt der katholischen Kirche in Kanada, Erzbischof Richard Gagnon, weigert sich den Papst nach einer Entschuldigung zu fragen: er hat seinen eigenen Prozess. Ein Kanada-Besuch steht nicht in seinen Plänen. Eine Delegation der First Nations, Metis und Inuit werden sich mit dem Papst im Dezember 2021 individuell treffen. Ob sich daraus eine Entschuldigung der katholischen Kirche entwickelt, ist zweifelhaft.

Queen-Victoria-Statue in Winnipeg umgeworfen

Inzwischen sind bei Demonstrationen in verschiedenen Provinzen die Statuen von Premier John A MacDonald, Königin Victoria und Königin Elizabeth in Winnipeg, Manitoba, von ihren Sockeln gestürzt und zerstört worden, als Protest gegen den während ihrer Regierungszeit passierten Residential School Gräuel, sowie andere ungelöste Vergehen gegen First Nations Mitglieder, wie in British Columbia mit 160 Fällen von jungen verschwundenen First Nations Frauen, gefolgt von Alberta mit 93 Fällen, zusammen beinahe die Hälfte der von der Native Women’s Association of Canada (NWCA) dokumentierten Fälle.

Eine der friedlichen Protest-Organisationen ist die Non-Profit Orange Shirt Society. Das orange Hemd wurde zu ihrem Symbol durch die Erzählung einer vorherigen damals 6-jährigen Insassin einer Residential School geboren , Phyllis Webstad, deren ihr von ihrer Großmutter geschenktes orangenes Hemd weg genommen wurde. Orange Shirt Day wird von den Mitgliedern seit 2013 jährlich am 30. September gefeiert, aber die Hemden werden heute überall mit dem Motto Every Child Counts von unabhängigen Händlern verkauft und wurden von vielen Statue-umstürze-Protestlern getragen, die keine Mitglieder der Organisation sind.

Queen Victorias Kopf der Statue wurde im Saskatchewan River gefunden

 

(Anmerkung: die Auswahl der Bilder in diesem Beitrag liegt einzig und allein in meiner Verantwortung unter der Fair Dealing Provision der kanadischen Copyright-Gesetze).

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