Skurriles aus Kanada Nr. 73

von Bernadette Calonego

Text und Bild Bernadette Calonego

Keine zackigen Zusagen

Dass ein direktes Nein von vielen Kanadiern als unhöflich angesehen und deshalb vermieden wird, weiß ich schon länger. Jetzt habe ich lernen müssen, dass ein direktes Ja offenbar ebenfalls schwer zu äußern ist. Nehmen wir zum Beispiel das wöchentliche Kartenspiel, das ich in meinem kleinen Dorf in Neufundland organisiere. Ich erhalte selten klare Zusagen, obwohl ich weiß, dass die Leute sehr gern mitmachen. Auf die Frage: „Hast du am Freitag Zeit für Karten?“, erhalte ich Antworten wie „Ist mir egal“ oder „Wir werden sehen.“

“Warum können die Leute nicht einfach Ja sagen, wenn sie doch eindeutig interessiert sind?”, fragte ich einen Bekannten. Die Antwort: Weil etwas dazwischenkommen könnte und dann müssten die Leute absagen, was sehr peinlich für sie wäre.

Diese Haltung treffe ich nicht nur in Neufundland an, sondern auch in British Columbia. Die Devise lautet: Sich ja nicht verpflichten, sondern im letzten Moment entscheiden. Aber wie soll ich dann als Organisatorin planen können?

Kürzlich fragt mich einer der Kartenspieler: „Gibt es keine Kartenspiele mehr bei dir? Hab schon ewig nichts mehr gehört. Werde ich nicht mehr eingeladen?“

„Doch“, sage ich, „geht es dir morgen?“

„Vielleicht“, erwidert er.

P.S. Macht ihr die Erfahrung auch, dass ein direktes Ja vermieden wird?

 

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2 Kommentare

Silke 26. November 2021 - 01:27

Hallo Bernadette , ich kann alles unterschreiben , was Du geschrieben hast ( ich sage mal Du , das “Sie” kommt mir mittlerweile komisch vor 🙂 ) Ich finde es oft schwierig, von Menschen hier klare Aussagen zu bekommen, egal ob von einem Handwerker oder Business Partner. Das “beating around the bush” ist hier und in den USA das Mittel der Wahl, was uns Deutsche in den Wahnsinn treiben kann und anders herum die Kanadier sich auf den Schlips getreten fühlen , wir mit der Deutschen Direktheit die Wahrheit sagen. Neulich fragte mich ein Handwerker, ob ich mit seinem Job zufrieden wäre. Meine Antwort: “Nein , das Loch ist immer noch da und es hat sich nichts verbessert”. Daraufhin ist er beleidigt abgezogen , der Job ist zu stressig 🙂

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Bernadette Calonego 26. November 2021 - 14:34

Hallo Silke
Ich finde deine Erfahrung interessant. Auch nach mehr als zwanzig Jahren in Kanada muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass es kulturelle Unterschiede gibt, die erkannt werden müssen. Ich habe mich weitgehend angepasst. Was ich nicht ändern kann, ist der Gedanke, dass “direkt” soviel einfacher und zeitsparender wäre, weil dann jede(r) weiß, woran man ist. Aber das ist meine Schweizer Mentalität, die halt immer wieder durchbricht. Es gibt indes Situationen, in denen ich freundlich auf einem klaren Ja oder Nein bestehe, weil sonst einfach nichts geht. Man muss sich ja nicht total verleugnen. Liebe Grüße aus Neufundland, Bernadette.

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