Wie ich schon ein klein wenig kanadisch geworden bin

von Claudia Fitschen

Ich komme ursprünglich aus Norddeutschland und uns Norddeutschen wird ja nachgesagt, dass wir ziemlich kühl sind und nur das sagen, was nötig ist. Genau das bin ich. 😉 Daher war mir am Anfang die kanadische Art ziemlich fremd. Das ging schon an der Kasse im Supermarkt los, als ich gefragt wurde: „How are you?“ War das nun nur so eine Floskel, wie man sie früher am Anfang eines Briefes gesetzt hat? Aber es wird wirklich die Antwort abgewartet. Allerdings geht es hier auch jedermann gut, weil es eben normal ist, dass man nicht mit der Kassiererin über seine Probleme redet.

Wie glücklich die Menschen in Kanada wirklich sind, hängt wohl wie überall von den einzelnen Menschen ab. In der Studie von 2021 sind sie jedenfalls hinter Deutschland zurückgefallen, und zwar deutlich. Kanada lag auf Platz 15, ein Jahr zuvor waren sie noch auf Platz 9. Deutschland dagegen stieg von Rang 17 auf den siebten Platz. Das kann im Zusammenhang mit Corona stehen, da die Regeln hier teilweise strikter als in Deutschland sind. Ob das gut oder schlecht ist, soll jeder für sich selbst beurteilen.

Mein Highlight der Redefreudigkeit der Kanadier hatte ich, als wir einen Kleiderschrank bei JYSK gekauft haben. Wir holten ihn ab und der Typ bei der Möbelausgabe fing an über das Auto meines Freundes zu sprechen. Er meinte, dass es noch sehr gut in Schuss sei und dass er sich demnächst nach einem Auto umschauen würde. Wenn mein Freund also sein Auto verkaufen möchte, dann soll er an ihn denken. Ich fand so ein Gespräch sehr ungewöhnlich, denn von Deutschland war ich es gewohnt, dass das Möbelstück ausgegeben wird und man geht seiner Wege. Ich fragte meinen Freund, ob er den Typ von der Möbelausgabe kennt, aber er verneinte. In meiner Anfangszeit fand ich solch ein Verhalten sehr merkwürdig. Da mein Freund nun aber sein Auto tatsächlich in ein paar Monaten verkaufen möchte, meinte ich zu ihm, dass wir wieder zu JYSK fahren sollten, ein kleines Möbelstück kaufen und dafür das Auto für einen guten Preis verkaufen.

Mit der Zeit wurde mir die kanadische Art immer vertrauter und ich gewöhnte mich daran, dass selbst die Zahlungsweise „great“ gefunden wurde, egal wie man zahlte. Das schönste Erlebnis mit der kanadischen Art hatte ich in einem Restaurant in Coburg. Wir hatten unser Essen schon bestellt, die Getränke bereits serviert und die Gläser waren noch voll. Da kam die Kellnerin an unseren Tisch und fragte uns, ob sie sonst noch etwas tun könnte. Wir verneinten, weil wir auch keine Ahnung hatten, was sie noch für uns tun sollte. Da sagte sie: „Ihr wartet auf das Essen, was sollt ihr auch sonst tun?“ Als das Essen serviert wurde, fehlten uns die Gabeln und sie fragte wieder, ob sie uns noch etwas bringen könnte, wir erklärten, dass wir Gabeln benötigen. Die Kellnerin antwortete: „Ja, das wäre hilfreich“ und in Windeseile hatten wir unsere Gabeln. Nach dem Restaurantbesuch erklärte ich meinem Freund, dass ich Kanada mag.

Kurze Zeit später machte ich Heimaturlaub in Deutschland, da ich, bis ich meine PR beantragen kann und sie dann schließlich auch erhalte, alle sechs Monate das Land verlassen muss. Als wir am Bahnhof auf das Taxi warteten, sprach mich ein mir unbekannter Typ an, er schien dazu ein wenig angetrunken zu sein. Früher hätte ich versucht, einen großen Bogen um ihn zu machen. Jetzt redete ich mit ihm bis das Taxi eintraf. Der fragende Blick meines Freundes beinhaltete die Frage: „Kennst du den Typen?“ Dem Taxifahrer erzählte ich dann während der Fahrt meine komplette Geschichte, wie ich meinen Freund kennengelernt habe, unsere Beziehung auf 6.000 km Entfernung und meine Auswanderung nach Kanada. Er kommentierte: „Wenn ich das jemandem erzähle, das glaubt mir keiner.“

Negativ aufgefallen ist mir der Restaurantbesuch mit meiner Familie. Beim Vorlegen unserer kanadischen Impfnachweise fragte der Kellner erst einmal, wer das denn lesen können soll. Englisch ist die Weltsprache und Name, Geburtsdatum und verabreichter Impfstoff nun wirklich nicht schwer zu verstehen. Schließlich kannte er sie aber an. Als wir am Tisch waren, wurde sich zwischendurch nicht danach erkundigt, ob wir noch etwas möchten und vorher natürlich auch nicht, wie es uns geht. 😉 Schließlich sagte ich zu meiner Mutter, dass die Kellner hier aber ziemlich unfreundlich wären. Sie fragte nur: „Wieso?“ Ich war inzwischen so an die kanadische Art gewöhnt, dass ich die deutsche Sachlichkeit schon als unfreundlich empfand. Zurück in Kanada begegnete mir aber dann wieder die liebgewonnene kanadische Art.

Bei der Frage, warum Menschen nicht auswandern, obwohl sie sich das wünschen, lese ich oft, dass sie Angst haben, die finanziellen oder andere Standards nicht halten zu können. Die Frage ist aber mehr, ob man sich traut aus seiner Komfortzone zu kommen und auch einmal ein, zwei schwierige Jahre zu akzeptieren. Selbst dann hat man immer noch ein besseres Leben als viele andere Menschen auf der Welt. Und wenn man Angst hat, seine Standards nicht halten zu können, ist die Frage, ob die Auswanderung dann wirklich das Richtige für einen ist. Wenn man offen für die neuen Möglichkeiten ist, dann will man gar nicht mehr seine vorher so liebgewonnenen Standards. Ich habe auch noch viel Deutsches in mir und das möchte mir auch erhalten, schließlich bin ich Deutsche. Aber oft weiß ich, dass mir die kanadische Gelassenheit besser tun würde.

Wenn ihr mehr über mich und mein Leben in Kanada erfahren möchtet oder wissen wollt, wie ihr eure Ängste vor der Auswanderung überwinden könnt, folgt mir auf meinem Instagram Account. Hier der Link www.instagram.com/claudia.in.kanada

 

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2 Kommentare

PETER+IDEN 21. November 2021 - 18:33

Hallo, Claudia a.k.a. Bernadette
Ich lese deine kleinen Doentjes immer gerne, denn nach 77 Jahren in Kanada habe ich oft dieselben Erfahrungen gemacht. Ich bin in 1954 als 17-jaehriger Teenager hier mit meinen Eltern angekommen und habe mich innerhalb kuerzester Zeit integriert. Kein Problem wenn man jung ist! Da stellt man sich auch nicht die Frage warum die Kanadier so sind wie sie sind, sondern passt sich an. Aber niemals vollstaendig. Ich liebe es nicht, zu warten, aber dass muss man hier ja fast immer, und auf alle moeglichen Sachen. Ein Nachbleibsel der Nachkriegsjahre in Deutschland in der “Schlangenzeit”, wo man selbst auf seine taegliche Nahrungs-Ausgabe warten musste!
Noch eine Frage ueber dein Pseudonym. Was ist der Ursprung des franzoesisch/italienischen Namens “Bernadette Calinogo?”
Mit besten Gruessen von der “Bay”,
Peter Iden.

Antworten
Claudia 21. November 2021 - 20:21

Hallo Peter,
du verwechselst mich. Bernadette schreibt die Kanada Krimis. Ich schreibe zwar auch Bücher, aber bis jetzt noch nicht über Kanada, habe es aber vor.

LG und danke für deinen Erfahrungsbericht
Claudia

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