Québec – vom allerersten Touristen bis zum deutschen Stadtführer!

Die Geschichte des Tourismus in Ostkanada ab Gründung Neu-Frankreichs bis in unsere Tage.

von Marc Lautenbacher

Stadtführer Marc Lautenbacher in der historischen Altstadt Québecs. (Foto: Silvia Mercier, Québec)

Vergnügungsreisen gibt es bereits seit der Antike, aber der echte Tourismus taucht erst ab dem 18. Jahrhundert in England mit der Entwicklung der “Grand Tour” auf. Dies war eine lange Reise durch Europa, die nur junge Aristokraten des europäischen Adels unternahmen. Diese Reisen dauerten in der Regel bis zu fünf oder sechs Jahre und wurden meist von einem Mentor begleitet, wurden zu einer völlig normalen Praxis, ja sogar zu einem notwendigen Bestandteil einer guten Ausbildung für junge Männer, die für eine gehobene Karriere bestimmt waren. Die wichtigsten Reiseziele waren vor allem Italien, aber auch Frankreich, die Niederlande, Deutschland und die Schweiz, später auch Griechenland und der persische Raum.
Der allererste Tourist in Québec war ein gewisser Monsieur Asseline de Ronval, geboren in der französischen Stadt Dieppe. Der abenteuerlustige, junge Mann kam 1662 mit seinen nur 20 Jahren in Begleitung seines Freundes Duchesne d’Iberville nach Neufrankreich. Aber nicht etwa, um sich dort niederzulassen, eine Mission zu erfüllen oder gar Handel zu treiben, sondern als ganz einfacher Tourist. Einziges Ziel war es, das Gebiet der französischen Kolonie zu bereisen. Der junge Tourist ging am 22. Mai 1662 nach einer einmonatigen Schiffsüberfahrt in Neufrankreich von Bord. Zuerst kam er in der Siedlung Tadoussac an, wo er “eine Kapelle, einige Häuser und zwei Wassermühlen erblickte, das Ganze ziemlich in Unordnung wegen der fortwährenden Angriffe der Irokesen, die allerdings weit von dort entfernt waren“. In dieser Zeit dauerte eine Reise über eine Strecke von 100 Kilometern drei bis fünf Tage – vorausgesetzt, die Wege waren gut ausgebaut. Allerdings war die beste Art der Fortbewegung in Neufrankreich damals auf dem Sankt-Lorenz-Strom oder auf einem der vielen Flussläufe.

Nach seinem ersten Zwischenstopp landete Asseline de Ronval in der Stadt Québec – damals Kebec geschrieben – und ließ sich bei dem Gastwirt Jean Gloria nieder, der wie er aus dem französischen Dieppe stammte. Er beschreibt die Unterstadt, „die mir weniger wohlhabend als die Oberstadt erscheint, die aber besser erbaut ist“. Er beobachtete das Leben der Ureinwohner Amerikas und beschrieb es ausführlich. Interessanterweise bemerkte dieser erste Tourist, dass das Rauschen der Montmorency-Wasserfälle bis in die junge Hauptstadt zu hören war. Nach Québec begab er sich nach Trois-Rivières, das nach seinen Worten “das schönste und beste Land, das man sich wünschen kann“ darstellte, und „wenn es gut bewirtschaftet und mehr bewohnt wäre, würde man daraus ein wahres irdisches Paradies machen können“. Flussaufwärts gelangte er nach Ville-Marie, dem heutigen Montréal. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich ließ Asseline de Ronval 1664 sein Buch mit dem Titel “Journal en abrégé des Voyages de Monsieur Asseline de Ronval tant par terre que par mer, avec plusieurs remarques, circonstances et aventures très curieuses” veröffentlichen. Zu Deutsch: „Kurztagebuch der Reisen von Herrn Asseline de Ronval, sowohl auf dem Lande als auch auf dem Seewege, mit mehreren Bemerkungen, sehr seltsamen Umständen und Abenteuern“. Sein 440-seitiger Reisebericht wurde zu dem, was man heute einen echten “Bestseller” nennen würde.

Original-Manuskript des Reiseberichts von Asseline de Ronval aus dem Jahr 1664. (Foto: Bibliothèque et Archives nationales du Québec)

 

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts dann stieg der Tourismus nach Québec sprunghaft an, da man den Atlantik mit großen Dampfschiffen wie der berühmten Titanic oder der Empress of Ireland überqueren konnte. Hauptsächlich Menschen aus der Oberschicht, die durch die industrielle Revolution sehr wohlhabend geworden waren, konnten sich eine solch teure Reise leisten. Jedoch hatten die Normalbürger damals in der Provinz Québec nur einen freien Tag, den Sonntag. Somit boten findige Unternehmer schon bald Tagesausflüge mit kleinen Dampfschiffen auf dem Sankt-Lorenz-Strom an. Die ersten Reiseziele von Montréal aus waren die Städtchen L’Assomption, Verchères und Varennes. Später, ab den 1930er Jahren etwa, wurden die Orte Kamouraska, La Malaie und Cacouna zu wichtigen Erholungsorten dieser Zeit. 

Schon in der Zeit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts wurde bei Stadtbewohnern der Ruf nach der Natur Québecs immer lauter und sie wollten den urbanen Zentren mit ihrer zunehmenden Industrie-Verschmutzung entkommen. So dauerte es nicht lange, bis sich mehrere Badeorte am Sankt-Lorenz-Strom etablierten, um die Fahrgäste der Schiffe aufzunehmen und sie zu beherbergen. Die wichtigsten waren in Point-au-pic, nahe des Manoir Richelieu sowie das Dorf Le Bic mit seinen umgebenden Wattflächen und unberührten Wäldern, die heute zu einem der Nationalparks von Québec geworden sind.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Québec mit seiner besonderen frankophonen Kultur schon immer etwas „Exotisches“ war und damit Touristen sowohl aus Europa und den Vereinigten Staaten als auch englische Kanadier anzog. Umso mehr, als 1877 die Eisenbahn in Québec City eröffnet wurde, dem Québec, Montréal, Ottawa & Occidental Schienenweg. Erst dieser ermöglichte es, Gegenden zu besuchen, die bis dahin nur schwer oder garnicht zugänglich waren. Ein hervorragendes Beispiel ist die Gemeinde Roberval am See „Lac Saint-Jean“, das sich ab 1888 zu einer Hochburg für den Angelsport entwickelte. Darüber hinaus wurde in jenen Jahren die Provinz Québec von vermögenden Amerikanern entdeckt, die beträchtliche Landflächen für ihre Freizeitgestaltung aufkauften. “La seigneurie du Triton” zum Beispiel mit seinen 200 Seen wurde auf einem Areal von rund 800 Quadratkilometern ein privater Jagdclub der Amerikaner. Zu den berühmten Mitgliedern des Clubs gehören unter anderem US-Präsident Roosevelt, Winston Churchill, die Rockefellers und die Molson’s, die Familie einer kanadischen Großbrauerei.

In dieser Epoche wurden große Hotels von Eisenbahn- oder Schiffsgesellschaften gebaut, um ihre vornehme Kundschaft standesgemäß zu unterzubringen. Das Hotel Château Frontenac, das 1893 von der Canadian Pacific Company gebaut wurde, gehört zu den besten Beispielen. Auch das Manoir Richelieu im Jahr 1899. Etwas später im Jahr 1930 wurde das weltweit erste 4-Sterne-Hotel vollständig aus Baumstämmen in Blockhausbauweise errichtet: das Château-Montebello in der Nähe von Ottawa.

Die Lobby des Hotels Château-Montebello, ganz im Blockhausstil erbaut. (Foto: Marc Lautenbacher)

Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem Inkrafttreten bezahlter Urlaubstage wurden Ferienreisen für jedermann salonfähig! Und das nicht nur in Québec. Touristen aus aller Welt strömen heute in unsere Provinzhauptstadt, vor allem in das historische Viertel der Altstadt „Vieux-Québec“, das 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Heute bieten neben multinationalen Unternehmen auch Sunwing und AirTransat, zwei Fluggesellschaften, mit Sitz in Québec internationale Flüge an, während acht Privatgesellschaften Inlandsziele verbinden. 

Der Tourismus ist heutzutage mit durchschnittlich 4,5 Millionen Besuchern pro Jahr einer der wesentlichen Säulen der Québecer Wirtschaft geworden. In Kanada steht die Provinz Québec mit mehr als einem Viertel aller Besucher und mehr als 20 % ihrer Einnahmen an zweiter Stelle. Ausländische Besucher gaben 2019 rund 4 Milliarden US-Dollar aus. Diese Deviseneinnahmen haben heute in etwa dieselbe wirtschaftliche Bedeutung wie alle internationalen Warenexporte.
(Text: Marc Lautenbacher, Québec/Canada)

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Marc Lautenbacher (Akkreditierter und lizensierter Stadtführer)
Absolvent der privaten Fachschule für Tourismus, Hotellerie und Gastgewerbe „Collège MÉRICI“ der Stadt Québec  |  Inhaber der Fremdenführer-Lizenz der Stadt Québec  |  Mitglied der Vereinigung der Fremdenführer der Stadt Québec – AGTQ.
Postanschrift: 1245, rue de Repentigny  |  Québec (Québec) G1S 1Y2  |  CANADA
Telefon: (+1) 418-682-8058  |  E-Mail: quebec.erleben@gmail.com | www.quebecerleben.ca

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