Unterwegs in Nova Scotia, Kanada – Tag 1

von Peter Iden

Dienstag, 4. Juni 2002 – The Cat, Ste-Anne-du-Ruisseau, Village Historique Acadien, Shelburne, Hunts Point Beach:

Dieses ist das Tagebuch einer Umfahrung und Erkundung der Provinz Nova Scotia im Juni 2002. Man kann sicherlich noch heute dieselbe Reise machen, ohne das sich viel an den Orten und Plaetzen geaendert hat. Soweit bekannt, habe ich allerdings Aenderungen eingeschlossen. Alle Websites sind “up-to-date” gebracht worden. Die genannten Preise fuer Unterkuenfte wurden auf dem Stand von 2002 belassen. Die jeweils erwaehnten Wikipedia-Seiten dienen zur Auffindung der besuchten Orte und Plaetze auf einer Strassenkarte.

“The Cat” (die “Katzen-Faehre”):

Unsere Ankunft in Bar Harbour sowie die Ueberfahrt mit der “Cat” nach Yarmouth war eigentlich nicht der Anfang unserer Reise. Unsere Fahrt ging durch Ontario und vier US-Staaten (New York, Vermont, New Hampshire und Maine), die fantastischen Landschaften am Lake Champlain, die White Mountains, und die “foothills” (“Fusshuegel”) der Appalachian Mountains.

Mit 90 km Geschwindigkeit und einer 7 Meter hohen und fast 20 Meter langen doppelten Wasserfontaene rauschte “The Cat”, eine riesige Catamaran-Faehre, mit uns von Bar Harbour in Maine nach Yarmouth in Nova Scotia. Sie ersparte uns die etwa 700 km lange Umfahrung der Bay of Fundy. Nicht unbeachtlich, wenn man bedenkt, dass wir bereits 1250 km hinter uns hatten, als wir in Bar Harbour ankamen! Die Ueberfahrt dauerte genau zweidreiviertel Stunden!

www.catferry.com

“The Cat” war blitzeblank und neu und hat Platz fuer 900 Passagiere und 240 Fahrzeuge, hatte jedoch nur 270 Passagiere an Bord auf dieser Ueberfahrt. Natuerlich gibt es allerhand Gelegenheiten an Bord, um sein Geld loszuwerden: ein Spielkasino, Geschenkladen, zollfrei einkaufen, ein Restaurant, eine Bar und viel mehr! Die komfortablen Sitze in den Aufenthaltsraeumen erinnerten an ein riesiges Flugzeug, und auf den Monitoren spielten Filme uber das Schiff und Nova Scotia. Im leichten Nieselregen fuhren wir gegen Mittag von Yarmouth ab.

Ste-Anne-du-Ruisseau:

Die gewaltige Holzkirche in Ste-Anne-du-Ruisseuau ist ein Neubau der alten Kapelle (1784), die im Jahre 1900 fertiggestellt wurde. Wir gehen hinein. Einfache Ausstattung, kein grosser Pomp wie in vielen anderen Kirchen, helle Waende, grosse Fenster, jedoch ohne vielfarbige “Glasbilder”. Mehrmals im Jahr haengen auf jeder Bank kunstvoll gemusterte Akadische “Quilts” (Steppdecken), eine Spezialitaet der Frauen der Gemeinde, welche an die Touristen verkauft werden.

www.eglisesainteannechurch.com
www.dioceseyarmouth.org/pages/stannede.html

Village Historique Acadien de la Nouvelle Ecosse, West Pubnico:

(Anmerkung: Die CNN Travel Page berichtet heute nur Positives ueber die Acadian Village. Es gibt dort jetzt sogar ein Hotel. Die Regierung hat scheinbar endlich allerhand Geld und “manpower” in das Projekt gepumpt. Trotzdem sind meine Aufzeichnungen eine Reflektion der nicht all zu weiten Vergangenheit).

http://cgi.cnn.com/2007/TRAVEL/DESTINATIONS/03/21/acadia/

Die in der Touristenliteratur von Nova Scotia vielgepriesene Errichtung einer geschichtlich und architektonisch korrekten “Acadian Village” in dieser, etwa 10 km abseits der Hauptstrasse liegenden kleinen Ortschaft Caraquet war zum Zeitpunkt unseres Besuchs eine Farce. “Stella Maris” (Stern des Meeres), die akadische Flagge, flog stolz auf dem Dach des teuren Verwaltungs-Gebaeudes, aber es gab dort nichts, auf das die Akadier stolz sein koennen! Die “Village” selbst, angeblich bereits in 1977 eroeffnet, bestand nach mehr als 25 Jahren “Arbeit” aus einigen unglaublich schaebigen, heruntergekommenen Haeusern, die abrissfaehig von irgendwo aus der Umgegend herangefahren wurden. Hier ist die touristische Anpreisung der “Historic Acadian Village in 2002:

“The Acadian Historical Village (Village Historique Acadien) is an ambitious living history site, located on the Rivière-du-Nord near Caraquet, NB. First opened in 1977, it interprets the history of New Brunswick’s large Acadian population in the period from 1770 to 1890. The site includes over 20 restored or reconstructed 18th- and 19th-century buildings from Acadian communities around New Brunswick. Interpreters in period costumes introduce visitors to the way of life and distinctive culture of Acadia.”

Kaum etwas war seit 1977 (?) mit ihnen geschehen. Es sah so aus, als haetten einige Leute mit viel Eifer angfangen, aber dann mit Verzweiflung aufgegeben! Verrostete Maschinen und Werkzeuge lagen haufenweise herum; die Waende waren zerfetzt, die alten Fussboeden zum Teil total verrottet und durchbrochen. Die Web Site zeigte aber nichts von diesem traurigen Anblick, die “Village” lebte nur in Versprechungen. Eines aber ist wahr: die Landschaft um West Pubnico herum ist sehr huebsch und einen Besuch wert.

www.villagehistoriqueacadien.com

Ein daenischer Filmproduzent und sein kanadischer Fotograf standen auf der Wiese hinter dem Hauptgebaeude und filmten die Gebaeude von aussen, die blumenreichen Weiden und den “Hafen” von Pubnico, sowie die huebsche Flusslandschaft des Watts. “Ich filme eine Historie der Akadier”, erzaehlte er uns “aber so etwas wie diese verkommenen Gebaeude hier habe ich nicht erwartet!” Wir wunderten uns, was darueber wohl im daenischen (vielleicht auch im deutschen) Fernsehen gesagt wurde!

Madame Deon im General Store neben der Baeckerei in Caraquet schuettelte den Kopf, als wir sie fragen, warum die “Acadian Village” in einem so schlechten Zustand ist. “Wir wollten diese Village nicht. Nur wenige hier glauben an dieses Projekt. Es wurde uns von der Regierung aufgezwungen, und jetzt wollen sie kein Geld mehr dafuer ausgeben. Wir haetten lieber ein kleines Krankenhaus gehabt, das waere fuer uns viel wichtiger!” Wir holten uns nebenan in der Deon-Baeckerei eine Portion “Acadian Fast Food”, Kartoffelstuecke mit einer delikaten Gewuerzsosse.

SHELBURNE:

(Obwohl ich die ersten Abschnitte in die Vergangenheit umgeschrieben habe, Werde ich jedoch weiterhin bei meinen Aufzeichnungen in der Gegenwart bleiben).

Es ist ein brillianter Sonnentag, und wir nehmen uns Zeit, durch Shelburne zu schlendern und die zahlreichen Haeuser aus der Zeit der Loyalisten anzusehen. Mehr als 12,000 United Empire Loyalists kamen hier zwischen 1783 und 1785 an, nachdem sie aus Amerika als Resultat des Freiheitskrieges gegen die Briten ausgewiesen wurden. Sie brachten mehrere tausend ehemalige Sklaven (Black Loyalists) mit sich, die auf der britischen Seite gegen die Amerikaner gekaempft hatten, und die als Belohnung dafuer dafuer ihre Freiheit bekamen. In Birchtown nahe bei Shelburne wohnten in 1783 mehr als 1,500 ehemalige Sklaven, und Shelburne selbst war eine der groessten Siedlungen im damaligen Nordamerika.

Im Gegensatz zu der verschlampten “Acadian Village” sind die Haeuser in Shelburne liebevoll wiederhergestellt worden und dienen heute als Museen, Laeden und Touristen-Attraktionen, in denen verschiedene Berufe (wie z.B. Schiffsbauer) noch heute ihr Handwerk ausueben. Mehrere Filme wurden hier bereits gedreht (u.a. “The Scarlet Letter”), und man hat tatsaechlich das Gefuehl, einen Schritt in die Vergangenheit getan zu haben. Noch heute werden hier die “Dories” gebaut, die von den Fischern in Newfoundland den nderen Fischerei-Provinzen bevorzugten Ruderboote.

http://en.wikipedia.org/wiki/Shelburne,_Nova_Scotia

Hunts Point:

Wir hatten uns vorangemeldet, und Brenda Bishoff erwartet uns bereits. Sie weist uns ein in eine ihrer kleinen “Cottages” ein, mit Blick auf den kleinen Sandstrand und den ebenso kleinen Fischereihafen von Hunts Point. Natuerlich ist meine erste Frage nach ihrem deutschen Namen. “Mein Mann Mark ist Deutschstaemmiger der zweiten Generation in Nova Scotia. Ich selbst bin hier geboren und schottischer Abstammung”, erzaehlt sie. “Aber unser deutscher Nachname hat uns einige Schwierigkeiten gemacht, als wir diese Cottages vor 4 Jahren kauften. Die Leute sagten uns: ‘ihr Deutschen kauft unsere ganze Provinz auf!’ Da bin ich aber in die Luft gegangen und habe ihnen gesagt, dass wir beide geborene “Nova Scotians” sind!”

Scheinbar existiert in der Provinz (wie auch z.B. in British Columbia) ein gewisser – wenn auch meist versteckter – Groll gegen Auslaender, die kanadische Laendereien und Haeuser aufkaufen!

Hunts Point Beach Cottages ( 2 Naechte = CAD 150). 13% Steuern muss man ueberall in NS dazurechnen! Gemuetliche kleine “Housekeeping Cottages”, alle mit Blick auf die Bucht und den Ozean sowie auf den winzigen Fischereihafen von Hunts Point!

www.huntspointbeach.com
http://en.wikipedia.org/wiki/Hunt%27s_Point,_Nova_Scotia

Der Teil “Unterwegs in Nova Scotia, Kanada – Tag 2″ folgt morgen.

Peter Iden
Brampton, Ontario, Kanada

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