Horses and more … in Kanada!

by Ira Hoch

Im Westen die Rocky Mountains im Sattel erleben, im Osten mit Vollblutpferden und Trabern auf der Rennbahn.

August 2018, Benjamin und ich sind in Canmore/Alberta angekommen!

Doch eigentlich beginnt die Geschichte in den 70-er Jahren, pferdeverrückte Kinder suchen überall nach Reitmöglichkeiten. Auf dem Rücksitz unseres Wagens wanderte mein Blick die Berge entlang. Suchte nach Schneisen und Pfaden, die bereitbar sein könnten. Passierten welche mein Sichtfeld, schossen sie mir adrenalingeladen ins Bewusstsein und bescherten mir Herzklopfen beim Gedanken: Merk dir die Stelle! Hierhin musst du zurück! Igendwann! Stundenlang kürzte ich mir so die jährlichen Fahrten nach Italien ab. Sei es der Gotthard Pass, der San Bernardino, der Reschen oder der Brenner Pass, sie alle wurden auf Reittauglichkeit geprüft!
September 2016 wurde es dann wahr: Nach zahlreichen Wanderritten im heimischen Schwäbischen Wald, dem Odenwald, der Eifel und in den Vogesen schloss ich mich mit meiner selbst aufgezogenen Shagya-Araberstute Siri einer Rittführung an und zog, ausgehend von Weilheim in Oberbayern, zuerst entlang des Wettersteinmassivs über den Fernpass, den Kaunergrat, den Reschenpass, durch das Vinschgau bis nach Meran. Und obwohl bereits mitten drin in den Bergen, mit Pferd, konnten meine Augen nicht ruhen wiederum nach höheren, steileren und mächtigeren Bergen zu schauen und nach reitbaren Pfaden, die zu ihnen führten.

Als ich dann im November 2017, von Calgary kommend im Mietwagen auf dem Trans-Canada-Highway Richtung Canmore, zum ersten Mal die Gebirgskette der Rocky Mountains vor mir aus dem Schneegestöber heraus auftauchen sah, da hat es mir schlicht die Sprache verschlagen. Zum Glück übernahm in diesem Augenblick Paul Brandt, kanadischer Country-Rocksänger aus Calgary, im Radio die Intonierung der emotionalen Brandung, die mich haltlos überrollte! Er sang sein unübertreffliches Alberta Bound, Alberta verfallen,  for all my life!                                

Nichts hätte es besser auf den Punkt gebracht!

Ich war mit Benjamin unterwegs, meinem Sohn. Er hatte sich im Post Hotel Lake Louise als Küchenhelfer für die Wintersaison anstellen lassen, sein Workpermit, die nötige Arbeitserlaubnis, dauerte ein Jahr und erlaubte ihm den Aufenthalt. Ihn nach Kanada zu begleiten und ein bisschen herumzureisen war der Plan, bevor er am 23. November sein Zimmer beziehen und seine Arbeitsstelle antreten sollte.

Lake Louise ist eine Ansiedlung in der Provinz Alberta und liegt im Banff-Nationalpark, mitten im Herzen der Rockies. Es ist wohl hauptsächlich als Urlaubsort bekannt, ein Paradies für Wintersportler ebenso wie für Wanderer in den kurzen Sommermonaten. Neben Hostels, Cabins und B&Bs finden sich einige ziemlich schicke Hotels dort. Eines davon ist das Post Hotel, das die beiden Schweizer Auswanderer André und George Schwarz im Laufe der Jahre zu einer Perle der Gastronomie und zu einem der schönsten Hotels in den kanadischen Bergen entwickelt haben. Also wenn schon Küchenhelfer, dann hat man im Post Hotel das große Los gezogen! Benni sollte tüchtig arbeiten müssen, wurde aber durch das gute Team, die fantastischen Landschaften und Wintersportmöglichkeiten direkt vor der Zimmertür mehr als entlohnt.

Der Lake Louise selbst ist ein See unweit der Siedlung, Ausläufer einen Gletschermoräne. Je nach Jahreszeit ändert seine Farbe von tiefblau im Frühjahr zu mattem Türkis im Sommer. Hinter ihm erheben sich einige schneebedeckte Berge wie Mount Temple (3543 m), Mount Whyte (2983 m) und Mount Niblock (2976 m). In den Höhen dieser Berge befindet sich eine Hochebene, hier treffen die sechs Gletscher zusammen, die dieser ihren Namen gaben: die Gletscher von Mount Aberdeen, Lefroy und Victoria, sowie jene des Lower Victoria und Lower Lefroy und der Gletscher auf Popes Peak begegnen sich an der der Plain of six glaciers!

2017 gab es einen frühen Wintereinbruch in den Bergen und wir hatten tüchtig Neuschnee. Die Mietwagenzentrale am Flugplatz in Calgary hatte mir zu einem schneetüchtigeren Fahrzeug geraten, damit wir nicht unterwegs in Schwierigkeiten gerieten. Ich hatte einen Kleinwagen gebucht, angesichts der winterlichen Gegebenheiten war ich aber leicht zu überzeugen. So bekamen wir einen weinroten Jeep mit Allradantrieb. Zugegeben, ich fühlte mich schon gleich etwas besser gerüstet!

Die Fahrt von Calgary nach Banff ist atemberaubend! Ziehen sich auch die ausladenden Vorstadtareale mit den sich verblüffend gleichenden, dicht aneinander geschmiegten Einfamilienhäusern schier endlos und erstrecken sich scheinbar bis zum Horizont, so führt der Trans-Canada-Highway dann doch irgendwann hinaus in die flachen Weideregionen um Calgary.

Rinder- und Pferdeland, zahlreiche Ranches entlang der Straße. Völlig unvorbereitet sahen wir sie dann vor uns aus dem winterlichen Schneetreiben auftauchen: die ersten Ausläufer der Rocky Mountains. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Anblick irgend jemanden unberührt lassen kann! Nicht, wenn er sich einem zum ersten Mal eröffnet. Die Strecke von Calgary nach Lake Louise beträgt etwa 180 Kilometer und lediglich der Icefields Parkway von Lake Louise nach Jasper mag sie an Grandiosität vielleicht noch übertreffen. Er gilt als die schönste Fernstraße der Welt. Wir sind sie ein Stück der insgesamt etwa dreistündigen Strecke gefahren und ich glaube, der Titel ist nicht übertrieben.

Schon bei diesem ersten Aufenthalt in den Rocky Mountains wurde ich ergriffen von dem Wunsch, hier zu reiten. Tatsächlich gibt es zahlreiche Anbieter von Trailrides, seien es Tages-, Mehrtages- oder mehrwöchige Wanderritte. Letztere führen dann weit in die Wildnis des Hinterlandes, mit mitgeführter Verpflegung auf dem Packpferd und Übernachtungen im Zelt oder in Hütten (Cabins). Das ist so ziemlich das verlockendste Angebot, das ich mir vorstellen kann. Aber zunächst musste erstmal eine Tagestour genügen. Gleich suchte ich zwei Anbieter auf, zum einen die Banff Horseback Rides & Vacations in Banff, zum anderen die Brewster Lake Louise Stables in Lake Louise. Nun ist im November gerade Saisonpause und die Reitpferde waren nicht mehr vor Ort. Bei den Brewster Stables traf ich auf Susan, sie erzählte mir, dass die Reitpferde zurück gebracht wurden zur Brewsters Kananaskis Ranch, am Fuße der Rocky Mountains, 45 Kilometer westlich von Calgary. Hier verbringen sie den Winter in Freiheit auf, für unsere Verhältnisse, endlosen Weideflächen. Auf die Frage hin, ob sie denn keine Pferde an Wölfe, Pumas oder Luchse und Bären verlieren würden bekam ich die Antwort, dass sie in den zwölf Jahren, die Susan schon dabei ist, noch keines zu beklagen hatten. Allerdings würden natürlich die Stuten vor dem Abfohlen und die Fohlen selbst an die Ranch gebracht. Diese Sicherheitsvorkehrungen sind hier selbstverständlich.

Die Reitpferde sind also weg und die Heavy Horses, Kaltblüter wie Percherons und Ardenner, die die Schlitten für die Winterausfahrten um den See ziehen, sind noch nicht angekommen. Ich bekomme keine Pferde zu sehen!
Susan sieht mein enttäuschtes Gesicht und klopft mir lachend auf die Schulter: Come back in summer!

August 2018: Ich war schon zwei Wochen in Ontario unterwegs gewesen als ich in den Flieger nach Calgary stieg. Vom Osten in den Westen, das sind in Kanada wirklich zwei komplett verschiedene Welten. Für uns Pferdeverrückte stellt sich das im Wesentlichen so dar: während Ontario in gewisser Weise Rennpferdeland ist, so schlägt das Herz der Pferdeleute in Alberta deutlich western! In Ontario leisten sich viele der größeren Gemeinden eine Rennbahn. Neben Thoroughbred-Rennen sind Standardbred-, also Trab- und Passrennen, sehr beliebt und ich hatte mir einige davon angeschaut, darunter Pacer und Trotter auf dem Grand River Raceway in Elora.

In Toronto selbst befindet sich die bedeutendste Rennbahn Kanadas, der Woodbine Racetrack. Seit 1860 wird hier neben vielen anderen das wichtigste Galopprennen Kanadas ausgetragen, das Queen´s Plate, ein Rennen über 2000 Meter Distanz, das allein den dreijährigen, in Kanada geborenen Pferden vorbehalten ist. Der kanadische Hengst Northern Dancer und sein Sohn Nijinsky II schrieben Geschichte und wurden zu Legenden.

Das Wetten auf Pferde war die erste legale Form des Glückspiels in Kanada, inzwischen ist an jede Rennbahn auch ein Spielkasino mit Glückspielautomaten angegliedert. Scheinbar in endlosen Reihen füllen sie blinkend und surrend die Hallen, davor Menschen, die sie gebannt und flink bearbeiten, Chipstüten und Colabecher zur Hand.
Das hinterlässt einen merkwürdigen Eindruck bei mir. Die Suche nach Glück hat sich hier eindeutig verlaufen.

Die Rennpferde sind faszinierend anzuschauen. Thoroughbreds sind an Schönheit und Eleganz kaum zu toppen. Manche sind richtige Popstars. Dennoch schwingt das Drama in die Stimmung, das sich hinter den Fassaden und oft auch direkt vor den Augen der Zuschauer abspielt, wenn viel zu junge Pferde viel zu hohen Anforderungen versuchen müssen, standzuhalten. Es ist eine extreme und vielschichtige, widersprüchliche Szenerie.

Trotz allem oder vielleicht auch gerade deshalb, der Rennsport und der damit verknüpfte Kitzel nach schnellem Glück im Spiel, übt nach wie vor Faszination aus. Ihr sind immer noch viele Menschen verfallen, auch ich kann mich da nicht ganz entziehen.

Beim Flug von Toronto nach Calgary, über die Seenlandschaften Ontarios und die Prärieprovinzen Manitoba und Saskatchewan nach Alberta, freue ich mich auf das, was mich erwarten wird:

In Calgary werde ich auf Benjamin treffen, der mit dem Greyhound-Bus nach 16-stündiger Fahrt von Vancouver quer durch die Rocky Mountains hindurch hier eintreffen wird. Nach der Saison im Post Hotel hatte er einen Roadtrip zuerst zur Ostküste Kanadas nach Neufundland und wieder zurück zur Westküste bis nach Vancouver Island unternommen. Sicher gibt es viel zu erzählen. Zwei Tage später brechen wir nach Canmore auf. Zusammen wollten wir nun in den Rocky Mountains reiten gehen!

Come back in summer! Susan, hier bin ich!

Wir wohnten bei Donald, er ist Mitglied der kanadischen Biathlon-Nationalmannschaft und vermietet die Zimmer seines Hauses in Canmore an andere sportverrückte Leute und Durchreisende. Das B&B bringt etwas Nebenverdienst und ist ein gemütlicher, offener und lebhafter Ort vorwiegend junger Gäste und Freunde des Gastgebers. Schnell fühlten wir uns mehr als Teil einer Wohngemeinschaft denn als Gäste, nutzten Küche und Esszimmer völlig unbefangen und teilten uns das Wohnzimmer mit Fahrrädern, Skiern und anderen Sportgeräten, die hier offensichtlich auch Wohnrecht genießen. Da sich Benjamin einen Grippeinfekt eingefangen hatte war ich froh, dass wir so eine gute Unterkunft gefunden hatten. Er konnte sich auskurieren und das Einkaufscenter sowie die Arztpraxis in Canmore ermöglichten eine gute Versorgung. Das war auch der Grund, weshalb ich unseren Tagesritt in die Berge mit Brewsters Stables zweimal verschieben musste. Benjamin war einfach nicht fit genug.

Zudem vernebelten die Rauchschwaden der über 500 Waldbrände, die diesen Sommer in Alberta und dem benachbarten British Columbia wüteten, die Sicht bis auf wenige Meter. In den Straßen Menschen mit Atemschutzmasken zu begegnen, die ihren normalen Alltagsgeschäften nachgingen, war befremdlich und beunruhigend. Donald wirkte routiniert gelassen, so fragte ich ihn, ob die Brände denn in den Griff zu bekommen seien. Er erklärte uns, dass Brände zu Alberta gehören wie Blätterfall im Herbst. Ein natürliches Phänomen im Sommer. Man bekämpfe die Feuer nicht, es sei denn, sie erreichen gefährliche Nähe zu Siedlungen. Sie reinigten die Wälder und wenn man das verhindere, so fielen die Brände aufgrund des vermehrt übrigen Trockenholzes im kommenden Jahr nur noch stärker aus. Also blieben die Einwohner entspannt, während wir seltsam beklommen den roten Himmel jenseits der Bergkämme betrachteten. Hatten wir Banff im winterlichen November noch bei strahlendem Sonnenschein erlebt, die Straßen voll Schnee und die mächtige Bergkulisse scharf abgezeichnet vor kobaltblauem Himmel, so war unser erster Ausflug dorthin nun im Sommer ein Eilen durch gelblich brennenden Dunst, der die Atemwege reizte und die Berge völlig verhüllte.

Canmore selbst wartete mit einer ganz speziellen, kleinen Attraktion auf: Klein im wahrsten Sinne des Wortes!
Auf unseren Spaziergängen im Städtchen, ebenso in den Wohngebieten und entlang des Bow River, der gesäumt von einem kleinen Park die Stadt durchschneidet, fiel uns eine wackere Schar bunter Kaninchen auf. Sie waren überall und erstaunlich zutraulich. Die Leute fütterten sie mit Leckerbissen aus der Jackentasche, wie Touristen die Tauben am Piazza San Marco in Venedig. Besonders abends wimmelte es überall, überwiegend in der Färbung der Rasse Holländerkaninchen, aber eben auch weiße, schwarze, braune und gefleckte Exemplare. Wieder sorgte Donald für Aufklärung! Es gab einen Kaninchenzüchter in Canmore, etwa 30 Jahre sei das her.

Er habe versucht, sich mit dem Verkauf der Kaninchen eine Existenz zu schaffen, doch Nachbarn hätten ihm das Leben schwer gemacht, ihn mit Auflagen frustriert und schließlich habe er alle Kaninchen einfach frei gelassen. Aufgrund ihrer enormen Anpassungsfähigkeit fanden sie sich in der Freiheit zurecht und konnten sich stark vermehren, inzwischen zu mehreren Tausend Tieren.

Die Stadt habe einige Anstrengungen unternommen, den Massen Herr zu werden, jedoch ohne nachhaltigen  Erfolg. Einwohner hätten sich dann gegen die Fangmaßnahmen ausgesprochen, da diese wenig tierfreundlich verliefen. Seither seien sie augenzwinkernd geduldet. Sie essen jeden Gemüsegarten in Grund und Boden und halten sich klug innerhalb der Stadtgrenze auf, da hier nicht geschossen werden darf und außerhalb Kojoten, Luchse, Wölfe und Greifvögel schon auf der Lauer liegen. An dieser Erfahrung gereift genießen die kleinen Kobolde nun ein recht akzeptables Leben als Stadtmaskottchen und Publikumslieblinge. Am liebsten hätten wir gleich eins adoptiert!

Montag, 20. August, schließlich war unsere letzte Chance auf den Ritt vor dem Rückflug nach Ontario. In der Nacht von Sonntag auf Montag begann es zu regnen, ich konnte das Prasseln am Fenster hören. Die Fahrt nach Lake Louise würde länger dauern als die übliche Stunde über den Highway, denn ab Banff wollten wir auf den Bow Valley Parkway abfahren, den alten Highway A1. Die von hier aus noch etwa 50 Kilometer lange Fahrt nach Lake Louise führt mitten durch die Wildnis und oft hat man das Glück, Wildtiere zu sehen. Elche, Weißwedelhirsche, Caribous oder Dickhornschafe, manchmal sogar Bären.

Das Tempolimit zwingt zum Autowandern, diese Straße entschleunigt den Puls. Wann immer ein Wagen am Straßenrand parkt lohnt sich ein Blick ins Dickicht, vermutlich wurde etwas entdeckt und zum Fotografieren angehalten. Auch wir hatten öfter Glück, während unseres Aufenthalts sind wir diese Strecke mehrfach gefahren und wir sahen Hirsche und Dickhornschafe.  Die Tiere zeigen wenig Scheu und sie ermöglichen einfühlsamen Naturliebhabern großartige Fotochancen.

Der Regen dauerte immer noch an, als wir nach Lake Louise aufbrachen, es begann gerade zu dämmern. Wir holten uns Kaffee im Deadman´s Flat Husky House, einem schlichten aber guten Truckstopp, und fuhren los. „Nun kommt zum Qualm noch Regen“, meine Stimmung  glich dem Wetterbarometer. Aber trotzdem war ich mächtig gespannt und aufgeregt: Ich hatte den Plain of six glacier ride gebucht. Einen Ritt ins Hochgebirge! Er würde direkt von der Station der Brewster Stables hinter dem famosen Fairmont Hotel am Lake Louise starten und dann zunächst entlang des Sees südwestlich bis zur Mündung der Gletschermoräne ans Seeufer führen. Dort beginnt der Aufstieg bis über die Vegetationsgrenze. Wir würden im Plain of six Glaciers Tea House hoch oben Rast machen und dann zurückkehren. Die An- und Abstiege würden mächtig sein und ich war gespannt, wie wir das mit den Pferden bewältigen würden. Ich hatte mir die Pferde schon Tage zuvor angeschaut, als wir für einen Besuch Benjamins bei seinen Freunden in Lake Louise waren. Die Strecke von dort zum See ist kurz und ich hatte den Nachmittag für einen Besuch bei Brewster Stables genutzt, jetzt, wo die Pferde da waren. Die Pferde warteten in einem kleinen, rot umzäunten Coral auf die Reitgäste, in einer kleinen Holzhütte war das Personal dabei, die Buchungen zu verwalten, Regenmäntel oder Reithelme auszugeben oder sonstigen Bedürfnissen der Gäste nachzukommen. So kann man Trinkflaschen bekommen, die am Sattel befestigt werden können oder auch Taschen und Rucksäcke verwahren lassen. Natürlich war ich gespannt auf unsere Pferde. Sicher würde ich beim Ritt mehr über sie erfahren. Was ich zunächst zu sehen bekam waren hübsche, gut genährte und sauber ausgestattete Pferde mittlerer Größe. Quaterhorse-Einflüsse waren zu erkennen, es waren leichtere Pferde dabei und solche, die eher stocky wirkten, also kräftig. Sie dösten im Coral, bereits gesattelt und getrenst, aber nicht angebunden. Ich sah zwei kleine Reitergruppen ankommen und aufbrechen, die Pferde waren also je nach Buchung abgezählt und vorbereitet worden. Die Tourangebote umfassen verschiedene Rundritte, der kürzeste geht entlang des Sees bis zur Mündung der Gletschermoräne, von dort aus eröffnet sich eine bestechender Blick zurück auf das helle Fairmont Hotel Lake Louise am anderen Ende des Sees. Dieses Motiv ist auf vielen Postkarten zu sehen. Dieser kurze Ritt dauert etwa zwei Stunden. Weitere Trails führen tiefer in die Berge und dauern  3, 4, 6 und 7 Stunden. Auch Mehrtagestouren sind angeboten, diese gehen aber direkt von der Kanasakis-Ranch am Fuße der Berge aus. Unser Ritt wird etwa 4-5 Stunden dauern, ursprünglich wollte ich den Highline ride buchen, der den Besuch beider Teehäuser, das von Lake Agnes und das von Plain of six glacier über einen schmalen Gratwanderpfad verbindet. Aufgrund des sehr schlechten Wetters hatte ich mich dann aber doch für den etwas kürzeren Ritt entschieden.

Benjamin und ich kamen frühzeitig bei den Stables an. Wir parkten direkt beim Bunkhouse, dem Wohnhaus des Personals, das immer bei den Pferden lebt. Von hier aus ist es nur ein kurzer Spaziergang zu den Corals, wo die Reitpferde warten. Es nieselte immer noch und wir ließen uns von Megan, unserer Rittführerin, im Hüttchen einen Regenmantel geben. Die Ritte finden bei jedem Wetter statt. Ausnahme sind Gewitter. Niemand ist gerne bei Gewitter in den Bergen unterwegs. Das kann gefährlich werden und deshalb bleiben auch hier die Pferde dann zu Hause. Ich hörte ein Telefonat, ein Reitgast wollte seine Teilnahme absagen. Megan sagte ihm, dass der Ritt bei so kurzfristiger Absage, eine Stunde vorher, nicht kostenfrei stornierbar sei. Es mündete in eine Diskussion. Der Reitgast war offenbar der Meinung, dass das Wetter seine Entscheidung begründe. Sehr freundlich machte Megan auf die Vertragsbedingungen aufmerksam, die man bei der Buchung zugesandt bekommt. Sie beinhalten die Informationen zur Stornierung. Bis zum Vortag des Rittes kann man kostenfrei canceln. Danach nicht mehr, denn das Team hat dann keine Möglichkeit mehr, das Pferd neu zu vergeben. Aber Pferde wollen jeden Tag essen. Nicht nur an Sonnentagen. Und die Saison ist kurz, also ist natürlich das Interesse da, die Pferde einzusetzen. Für mich völlig nachvollziehbar.

So hatten Benjamin und ich Megan für uns alleine und damit die Rittführung exclusiv. Sie holte die Pferde für uns, unsere Mäntel verschnallten wir hinten auf dem Sattel. Es nieselt nur noch leicht. Benjamin würde Chopper reiten, einen hochbeinigen, schlanken Fuchs. Mein Pferd war Rocky, ein Brauner, der Vollblutanteil vermuten lässt. Chopper war 22, Rocky 19 Jahre alt. Beide führten zudem Quaterhorse und Canadianhorse im Blut und waren schon sehr lange bei Brewster Stables als Trailhorses eingesetzt. Die Pferde werden in der Regel 4-jährig erworben und bleiben dann im Betrieb. Ich war begeistert über unsere beiden Gebirgsprofis. Sie wirkten sehr routiniert und sahen großartig aus. Das Sattelzeug war individuell auf das Pferd angepasst und abgestimmt. Laut Megan wird es regelmäßig vom Sattler gecheckt. Jedes Pferd hat einen eigenen, mit Namen versehenen Sattel, die Sättel verstorbener Pferde schmücken den Dance Barn, einen großen Tanzschuppen, ganz im Stil eines Westernsaloons eingerichtet, der für Feste vermietet und dann aufwändig bewirtet und mit Country-Bands belebt wird. Ich war beruhigt. Ich hatte den Eindruck, auf die Pferde wird gut geachtet.

Ich hatte mich nicht zuletzt aufgrund einer Empfehlung für diesen Stall entschieden. Ein Freund ritt hier zehn Jahre zuvor und es gab Fotos, die Pferde zeigten die heuer immer noch hier sind. Aufgestiegen wurde über einen Mounting Step, eine ziemlich ausladende Aufstiegshilfe. Ich steige zu Hause auch immer mit Aufstiegshilfe auf, doch diese wirkte überdimensioniert und man fühlte sich etwas verloren damit. Die Pferde wurden herangeführt und sorgsam bekam man das Procedere des Aufsitzens erklärt, bevor man tatsächlich aufsteigen durfte. Megan ergänzte, dass das aus Sicherheitsgründen bei jedem Gast in gleicher Manier durchgeführt würde. Dasselbe gilt dann fürs Absitzen. Auch hier reihen sich die Pferde hinter der Aufstiegshilfe ein und parken dann exakt daneben, damit der Gast in aller Ruhe absteigen kann!

Da man in einem solchen Betrieb nie wissen kann, welche Reiterfahrung ein Gast tatsächlich mitbringt, beeindruckte mich dieses Verantwortungsbewusstsein gegenüber Pferd und Reiter schon ziemlich.

Megan selbst ritt einen jungen Wallach, der noch etwas unsicher wirkte. Er musste sich an seine Aufgabe als Guidehorse erst noch gewöhnen und schaute sich alles ganz genau an. Megan ließ ihn gewähren und bedankte sich immer höflich, wenn er schließlich ihrer Aufforderung zum Weitergehen nachkam. Ziemlich schnell geriet er in fluss und bewältigte seinen Auftrag dann souverän.

Der Pfad führte zunächst durch den Wald seewärts. Megan kannte nicht nur die Route, sie war auch über die Geschichte der Brewsters Stables bestens informiert, erzählte über die Pferdehaltung und Rassen, die sich in der Herde befanden. Dann berichtete sie über landschaftliche Besonderheiten und dass hinter dem Dancebarn eine Grizzlybärin Quartier bezogen hatte, um ihre Jungen aufzuziehen. Wir hörten, wie wir uns im Falle der Begegnung mit der Bärin zu verhalten hätten, nämlich unaufgeregter aber sofortiger Rückzug. Die Gegend dort ist touristisch stark genutzt, würde die Bärin auf Besucher aggressiv reagieren, würde sofort das gesamte Areal gesperrt werden.
Im Notfall würde die Bärin umgesiedelt, was man jedoch auf jeden Fall zu vermeiden versuche. Ich freute mich das zu hören. Den Lake rund um das Fairmont Hotel zu schließen wäre eine enorme Einbuße im Touristikgeschäft.
Aber wohl hat der Tierschutz Vorrang. Wäre schön, wenn es so ist!

Ganz unmerklich hatte der Regen aufgehört und zum ersten Mal seit Wochen war die Luft klar. Wir konnten die Berge sehen! Scharf zeichneten sich die mächtigen Felsen gegen den Himmel ab. Sogar Megan sagte begeistert, dass sie dieses Panorama seit langem nicht mehr genießen durfte und es ihr immer noch den Atem nehme. Mir schlug das Herz höher und ja, ich war richtig und vollkommen glücklich, dieses Erlebnis genießen zu dürfen.

Am Ende des Sees angelangt eröffnete sich das Moränental, in dessen Verlauf sich der Pfad Richtung Mount Lefroy und Mount Victoria durch die niedrige Buschvegetation nach oben windet. Rasch stieg er an und wurde recht schnell zu einer regelrechten Kraxelei für unsere Pferde. Wurzeln und große Felsbrocken mitten auf dem Weg forderten den Pferden alle Aufmerksamkeit ab. Mit der Nase tief am Boden suchten sie sich die beste Route. Immer wieder trafen wir auf Wanderer, das Plain of Six Glaciers Tea House ist ein beliebtes Ziel und der Trail bietet atemberaubende Aussicht auf den Lake sowie auf die Bergkulisse.

Das zweistöckige Teehaus wurde 1924 von Schweizer Bergführern errichtet, seine Bauweise im urigen Stil erzählt von der Herkunft. Megan erzählte, dass die Lebensmittel früher mit Maultieren und Pferden angeliefert, jetzt überwiegend mit dem Helikopter heraufgeflogen würden. Das glaubte ich gleich, die Wege wurden so steil und felsig, dass ich staunte, wie souverän sich unsere Pferde hocharbeiteten. Es gab eine sehr steile und enge Passage ziemlich nah an der Vegetationsgrenze, nichts für Höhenängstliche. Allerdings ließ ich mir von Megan erzählen, dass das ja noch gar nichts sei! Die Verbindungsstrecke the ledge zwischen den beiden Teehäusern hin zum Lake Agnes entlang des oberen Grats sei derart eng und kitzlig, gesäumt von tiefen Abgründen, da bekämen sogar die Rittführer regelmäßig weiche Knie. Allerdings könne man den Pferden vertrauen, sie meisterten auch diese Route souverän.

Ich war begeistert, wie sich Rocky um große Felsen regelrecht herumfaltete, indem er Bein für Bein extrem besonnen setzte. Ich vertraute ihm schnell absolut und versuchte einfach, ihn so wenig wie möglich zu stören. Oberhalb der Vegetationsgrenze balancierten die Pferde über Geröllfelder, sie mussten mächtige Stufen steigen und ich fragte mich schon, wie wir da wohl auf dem Rückweg wieder runterkommen würden. Ich hatte schon enorm leistungsfähige Pferde auf Hochlandritten in Island erlebt, aber diese Pferde hier standen dem in nichts nach.

Entlang unseres Trails wurden wir durch Pfiffe auf niedliche Bergkobolde aufmerksam: Pikas, Pfeifhasen und Ground Squirrels, Erdhörnchen, erhofften sich einen Leckerbissen. Obwohl das Füttern der Wildtiere im gesamten Nationalpark und darüber hinaus streng verboten ist, scheinen diese kleinen Burschen von Wanderern verwöhnt zu sein. Ich konnte einen beobachten, der für einen kleinen Leckerbissen einen belly-rub verkaufte, sich also am Bauch kraulen lies, was zugegebenermaßen enorm süß aussah. Megan wies die Leute zurecht, die Verführbarkeit ist nachvollziehbar, aber eben unangebracht!

Wir konnten uns nicht sattsehen an der Bergkulisse, der Großartigkeit und den enormen Ausmaßen des Gletschertals unterhalb von uns. Ein typischer Ruf ließ uns aufschauen, wo ein Seeadler kreiste. Nach der Pause am Teehaus auf dem Rückweg schließlich eröffnete sich uns der Blick auf den See, von ganz oben aus. Unnötig zu sagen, dass Rocky und Chopper bravourös wieder herunterstiegen vom Berg und ich als wirkliche Vielreiterin kann ihre Qualität einfach nicht genug besingen! Berauscht von erhabenen Eindrücken und Gefühlen ließ ich mich einfach herabtragen und genoss das Geschick meines Pferdes, das sich die steil abwärts schlängelnden Pfade sehr bedacht herabchoreographierte. Ich genoss seine Bewegungen, folgte ihm in der Balance und kann nicht anders als zu sagen, dieses bravouröse Pferd war einer der echten Professoren, die ich auf meinen Reiterreisen kennenlernen durfte!

Es folgten weitere Wochen in Kanada, wir besuchten ein Rodeo in Cochrane in der Provinz Albertas, gesäumt von einem typischen Volksfest. Die gesamte Reise war ein Sammeln von Eindrücken aus der dortigen Pferdewelt, im Osten wie im Westen. Wir sahen Spruce Meadows in Calgary/Alberta, die größte Pferdesportanlage weltweit, sowie das nur unwesentlich kleinere Pendant dazu in Ontario, Caledon Equestrian Park. Prachtvolle Turnierplätze, die einzig und allein dafür geschaffen sind, an Veranstaltungstagen die Pferdewelt glänzen zu lassen!

Ganz gleich, wie viel Zeit man in Kanada auch verbringen mag, man geht immer mit dem Gefühl nach Hause, noch lange nicht genug gesehen zu haben!

 

 Ira Hoch, Januar 2019

 

Ähnliche Artikel & Themen

2 Kommentare

Ira Hoch
Ira Hoch 3. Mai 2019 - 00:07

Danke für deinen Kommentar, Peter. Du lebst ja an einem wunderschönen Fleckchen Welt! Wasaga Beach habe ich im August besucht, genau genommen Strandabschnitt 3. Es war ein zauberhafter Tag dort und ich war völlig überwältigt von der Weitläufigkeit des Strandes. Ein Besuch, um den See und später die Abendstimmung zu geniessen, Pferde habe ich allerdings auch nicht gesehen. Tatsächlich aber gibt es im Bereich um Orangeville oder Shelburne, so in Mono Cliffs Provincial Park oder Hockley Valley, herrliche Reitpfade. Genau genommen Wanderwege, jedoch auch für Pferde gestattet. Ich streifte sie leider nur kurz und hoffe aber im kommenden Jahr auf dem Great Trail in dieser Gegend unterwegs zu sein und sie dabei besser kennen zu lernen.

Antworten
Peter Iden
Peter Iden 2. Mai 2019 - 16:49

Ein Super-Beitrag, Ira! Ich bin zwar kein Reit-Enthusiast, aber wir haben doch oefter kurze Reitausfluege (Guided Riding Tours) nicht nur in Kanada, sondern auch im westlichen Mexiko und in der Karibik mitgemacht. Die von dir beschriebenen Gegenden kenne ich, aber nur als Fusswanderer in den niederen Teilen. Ich wohne jetzt teilweise in Wasaga Beach, unnd die Straende doert waeren fantastisch zum Reiten geeignet. Man sieht aber nie Reiter dort, den der sogenannte laengste Suesswasserstrand der Welt besteht aus einem grossen und mehreren kleineren Straenden, und die Sauberung von „Pferde-Nachbleibseln“ waere ein Problem, welches schon jetzt mit Hunde-Faekalien existiert. Ausserdem haben die Privat-Eigentuemer der Cottages ein Problem mit der Benutzung „ihrer“ Straende, die es eigentlich gar nicht gibt. Alle Straende in Ontario sind oeffentliches Eigentum und duerfen von allen Menschen benutzt warden. Es gib allerdeings, so weit ich weiss, keine Reitpfade hier durch die Naturgebiete.

Antworten

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.