Bedeutungen von Orts- und Städtenamen in Kanada

von Marc Lautenbacher
Großes Pow-Wow in Wendake, das jedes Jahr im August stattfindet.

Großes Pow-Wow in Wendake, das jedes Jahr im August stattfindet.

Die meisten Namen der kanadischen Städte, der Dörfer, der Flüsse und einiger Regionen sind indianischen Ursprunges – und das mit oft ganz erstaunlichen Bedeutungen, die die kanadische Historie noch besser erfassbar machen.

Schon als Kind galt mein ganz besonderes Interesse all dem, das auch nur im Entferntesten mit den Indianern Nordamerikas zu tun hatte. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass ich zu Weihnachten ein großes, mit vielen Bildern und Illustrationen versehenes Buch geschenkt bekam. Endlich hatte sich mein sehnlichster Wunsch erfüllt und obwohl ich noch nicht lesen konnte, verschlang ich dieses Buch, Seite für Seite.

Bald war ich regelrecht Experte, was seinen Ausdruck darin fand, dass mein Kostüm zu Fastnacht, welches meine liebe Mutter unter meiner Anleitung fertigte, das echteste und authentischste unseres Viertels war. Selbstredend, dass ich mich jedes Jahr komplett als Indianer verkleidete. Hinzu kam, daß ich mich auch in den Schulferien viel und gerne diesem Thema widmete, wobei ich auch nicht davor halt machte, die Töchter der Gastgeber unserer Sommerpension zuweilen als Indianer-Squaw zu engagieren! (siehe SW-Foto von 1966 mit dem Autor als 10-Jähriger)!

Als ich dann später nach absolviertem Kommunikationsdesign-Studium nach den USA reiste, besuchte ich natürlich den Stamm der Navajos in Utah, nahe dem berühmten Monument Valley, um vor Ort die heutige Lebenssituation „meiner“ Indianer eingehend zu erforschen. Auch meiner ersten Reise im Jahre 1999 nach Québec in Kanada galt – neben familiären Umständen – natürlich auch diesem Interesse. All diese Begegnungen hatten mich anfangs aber doch ein wenig desillusioniert; denn nichts, aber auch gar nichts war so, wie in meiner Vorstellung, meinen Büchern oder gar den vielen Indianer-Filmen, die ich mittlerweile gesehen hatte. Denn die Indianervölker Nordamerikas und Kanadas sind heute im Wesentlichen assimiliert, wohnen in den gleichen Häusern wie die „Weißen”, fahren Autos, kleiden sich wie Du und ich und sprechen zu ihrer eigenen Sprache auch französisch oder englisch.

In ganz Kanada gibt es derzeit gut über eine Million Ureinwohner mit rund 600 sogenannten indigenen oder auch so genannten autochthonen Volksgruppen. Sie bestehen aus den Inuit, den Metis und den fälschlicherweise so genannten Indianern (auf Französisch Amérindiains und auf Englisch Amerindian), letztere werden hier als First Nations bezeichnet. Ganz zu Recht, wie ich meine, waren sie immerhin schon rund 12.000 Jahre vor den europäischen Siedlern da. Sie sprechen noch heute mehr als 70 verschiedene Sprachen, welche sich in 12 linguistische Familien aufteilen und die abermals in eine Vielzahl von Dialekten untergliedert sind.

Zur Zeit der Kolonialisierung Kanadas gab es sehr oft Begegnungen vor allem zum Handel mit den Ureinwohnern, denn das riesige Land wurde damals vor allem wegen seiner unermesslichen Pelztierbestände erschlossen. Man benötigte Pelze für die Hutmode in Europa, denn dort waren bereits alle Pelztiere ausgerottet worden und man suchte nach neuen Gründen. Da kam „Neu-Frankreich“ wie gerufen, welches von Jaques Cartier im Auftrag des französischen Königshauses 1534 entdeckt und für die Krone vereinnahmt wurde. Diese, entgegen denen in den Vereinigten Staaten, vor allem freundschaftlichen Kontakte mit den Indianern Kanadas fanden vor allem in der Nähe von Handelsplätze statt, welche vormals Indianersiedlungen waren und wo sich im Laufe der Zeit dann auch die Einwanderer aus Europa niederließen.

Deshalb sind ausgesprochen viele Namen dieser ehemaligen Handelsplätze indianischen Ursprungs, wurden jedoch im Laufe der Jahre für die französische und englische Sprache mundgerecht abgewandelt. Ich habe nun die wichtigsten und mir bekanntesten Namen und Begriffe für den Leser einmal genauer unter die Lupe genommen:

Canada: In der Sprache der Irokesen und der Huronen „ka-na-tah“ mit der Bedeutung „bewohntes Dorf“. In der Sprache der Cree-Indianer „ko-nata“ heißt es eine „nicht besonders intelligente Person“. Jedoch gemäß Referent Pater Duplessis-Pacifique, einem Missionar dieser Epoche bedeutet derselbe Begriff, ausgesprochen von den Micmac-Indianern in Anwesenheit von Jaques Cartier während seiner ersten Begegnung 1534 mit diesen in etwa: „unklug, auf uns zu schiessen“.

Chicoutimi: Seit kurzem eingemeindeter Stadtteil von Saguenay, Hauptstadt der gleichnamigen Region nördlich von der Stadt Québec. In der Algonkin-Sprache atikamekw spricht man es „tschekotimiwo“ und es bedeutet „verschlingend tief“ oder „abgrundtief“. Der Grund: der gleichnamige Fluß Saguenay wird dort bis zu 200 Meter tief!

Dakota: In der Sprache der Sioux-Indianer bedeutet es „menschliches Wesen“ und ist eine kleine First Nations-Gemeide im Süd-Westen von Manitoba. Ausserdem der Name zweier US-Bundesstaaten.

Les Escoumins - nettes Städtchen an der Nordküste des Sankt-Lorenz-Stromes.

Les Escoumins – nettes Städtchen an der Nordküste des Sankt-Lorenz-Stromes.

Les Escoumins: Name eines kleinen Städtchens an der Nordküste des Sankt-Lorenz-Stromes sowie eines Flusses, bekannt durch die Fährschifffahrt und heutigem Sitz des Stammes der Essipit Première Nations. In der Sprache der Montagnais, einem Stamm der Algonkins wird es „ischkomins“ ausgesprochen und heisst „Meeresbucht“ oder ist auch der Name von Waldbeeren.

 

Gaspé: Namen der Verwaltungs-Hauptstadt am äußersten Norden der Gaspésie-Halbinsel in der Provinz Québec. In der Sprache der Micmac „gespeg“ oder „keschpi“ bezeichnet das Wort „das Ende unserer Gebiete“. Es wird oft auch mit „das Ende der Welt“ übersetzt. Warum das so ist habe ich gleich nach meiner letzten Reise dorthin kapiert!

Huronen: Eigentlich Wendat oder Wyandot genannt, die wegen der struppigen Haartracht der Männer von den Franzosen Huronen (altfranzösisch „la hure“ bedeutet Haarschopf bei Mensch und Tier) getauft wurden. Ihr ursprünglicher Name jedoch bedeutet „Inselbewohner“, da die Stammesgebiete vor ihrer Vertreibung nach Québec Stadt rund um den heutigen, nach ihnen benannten Huronsee gelegen waren. Auch wurde diese Volksgruppe literarisch durch die Erzählungen von James Fenimore Cooper im Roman „Lederstrumpf“ weltbekannt. 

Manitoba: Gesprochen „ma-ni-tou-bou“ in der Sprache der Cree-Indianer, die noch heute von rund 150.000 Indianern im täglichen Leben gesprochen wird. Es hat die Bedeutung „Meerenge des großen Geistes“ und ist der Name der Provinz sowie einer der grossen Seen im Zentrum Kanadas. 

Mississauga: Wirtschaftlich sehr wichtige Stadt bei Toronto und kanadischer Sitz vieler europäischer Konzerne sowie dem Verwaltungssitz der Einwanderungsbehörde. In der Sprache der Anishinabe, auch Ojibwa oder Chippewa First Nations (zu deutsch: „das erste Volk“)  bedeutet das Wort „große Schlange“ und ist ebenso Name eines Indianerstammes. In der Cree-Sprache benennt es witziger Weise jedoch den „Ort, wo es viele Bremsen (…die, die stechen…) gibt“. Vermutlich wegen seiner Lage direkt am Ontario-See.

Mokassins des Autors, die er schon 20 Jahre trägt.

Mokassins des Autors, die er schon 20 Jahre trägt.

Mokassin: Bekannte Bezeichnung der Schuhe aller Indianer auf dem nordamerikanischen Kontinent, in den Algonkin-Sprachen „ma-k’-ssiin“ ausgesprochen und bedeutet übersetzt etwa „hält meine Füsse gesund“. Ist ebenso der Name eines kleineren Indianerstammes im Norden von Ontario und in der Provinz von Québec.

 

Montréal: Nach dem Berg direkt über dem damaligen Irokesen-Dorf „Hochelaga – sprich „oschelagaah“ – benannt, der damals von den Franzosen Mont Royal genannt wurde. Dort überwinterte Jaques Cartier mit seiner Mannschaft unter Mithilfe der Ureinwohner, als er am 2. Oktober 1534 bei seiner ersten Entdeckungsreise ankam.

Niagara: Wort aus der Seneca-Sprache, die zur Sprachfamilie der Irokesen gehört und etwa „sehr bedeutende fallende Wasser“ in der Übersetzung heißt. Ebenfalls Name eines sehr netten Städtchens am Ontario-See, vom Fluß, der dort die Grenze zwischen den USA und Kanada bildet sowie von den weltberühmten Wasserfällen selbst.

Die Gischt der Niagarafälle ist so stark, daß die Ausflugsschiffchen fast darin verschwinden!

Die Gischt der Niagarafälle ist so stark, daß die Ausflugsschiffchen fast darin verschwinden!

Okanagan: Indianerstamm, welcher zur Sprachfamilie der Salishane gehört und im Okanagan Valley in British Columbia noch heute lebt. Auch Name eines Sees und des dortigen Flusses, der in den Columbia River mündet. Genaue Bedeutung ist nicht bekannt, wohl sicher ein Eigenname. Es gibt heute rund 6.000 Stammesangehörige der Okanagan mit rund 7 verschiedenen Gruppen.

Ontario: Abgeleitet aus dem Wort „kaniatareejoh“ aus dem Irokesendialekt der Mohawk-Indianer. Bedeutet so viel wie „schöner See“. Name der bevölkerungsreichsten kanadischen Provinz und einem der großen Seen Nordamerikas, der den Sankt-Lorenz-Strom speist.

Am Ottawa-River: der Autor mit seiner kanadischen Lebenspartnerin

Am Ottawa-River: der Autor mit seiner kanadischen Lebenspartnerin

Ottawa: Name der Hauptstadt und des Regierungssitzes von Kanada sowie des dortigen Flusses; von „odo-dah-wahs“, einem Wort aus der Algonkin-Sprachfamilie abgeleitet. Hier bedeutet es etwa „Platz, um zu tauschen“. Das gleiche Wort in der Sprache der Montagnais und der Atikameks heißt jedoch „sprudelndes Wasser“, was auf die dortigen Wasserfälle zurückzuführen ist. Auch in der Cree-Sprache bedeutet es „die Wasser, die schäumen“. Fälschlicher Weise nahm man zuerst an, daß das Wort Ottawa mit dem gleichnamigen Stamm der Odawah-Indianer assoziiert werden könnte. Jedoch hat dieser Stamm, was historisch belegt wurde, niemals seinen Wohnsitz auf der Insel Manitoulin im Huronen-See verlassen. Da beschreibt das Wort nämlich „die mit hoch gestecktem Haar und Ohrgehänge“. 

Petawawa: Bekannt geworden als bedeutendste, kanadische Militärbasis in Ontario sowie als die Stadt des „Duke of Renfrew“. Kommt aus der Sprache der Cree-Indianer „pete-we-wue“ und bedeutet „(man hört das) Rauschen der (Wasser)fälle“.

Pontiac: Bedeutet „kann den Feind aufhalten“ in der Sprache der Ojibwa oder Chippewa und lautete ursprünglich „ob-won-diag“. Kleine Stadt ganz im Westen von Québec sowie Namen des Häuptlings der Ottawa. Berühmtester Indianer in der Geschichte Nordamerikas sowie enger Verbündeter der Franzosen im Widerstand gegen die britische Vorherrschaft. Nach Pontiac wurde unter anderem eine Automarke benannt, ebenso eine Stadt in Illinois und Michigan in den USA.

Hoch über der historischen Altstadt von Québec thront das meist fotografierte Hotel Kanadas!

Québec: Name der flächenmäßig größten kanadischen Provinz sowie von deren Hauptstadt. Sie ist mit aktuell 412 Jahren die älteste Stadt von ganz Kanada – obwohl Tadoussac noch ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel hat, aber mit 798 Einwohnern keine Stadt ist. In der Sprache der Micmac hat das Wort „guéh-päg“ die Bedeutung „an der Verengung des Steilhanges“ oder auch „dort, wo sich der Fluss verengt“. Außerdem bedeutet das Wort „kabek“ soviel wie „an Land gehen“.

Rimouski: Aus der Algonkin-Sprache „animosh-kieh“ mit der Bedeutung „Land der Hunde“. Wichtige Hafen- und Universitätsstadt am Süd-Ostufer des Sankt Lorenz Stromes. Im Micmac-Dialekt bedeutet es außerdem „Haus des Elchs“.

Saguenay: Stammt von dem sehr alten Ausdruck „sagah-nah“, den die Algonkins und die Irokesen gleichermaßen verwenden, obwohl sie sich in Kultur und Sprache beträchtlich unterscheiden, um eine Traumreise in die Welt der Geister zu beschreiben. Außerdem ist das Wort Saguenay eine Verballhornung des Wortes der Montagnais „saki-nip“, was „Quelle“ oder „dort, wo Wasser rauskommt“ bedeutet. Benennt eine geografische Region, eine Stadt, einen Fjord und einen Fluss rund 200 Kilometer nördlich der Stadt Québec, Nähe des Lac Saint-Jean.

Saskatoon: Das Wort kommt aus der Cree-Sprache und beschreibt eigentlich eine wilde Frucht, die an eine kleine Birne erinnert, welche mit Kernen, so fein wie Sand gefüllt ist. Name der größten Stadt in der Provinz Saskatchewan sowie einem der 4.000 Seen im Mauricie Nationalpark von Québec.

Saskatchewan: In der Cree-Sprache „kisiska-djiwan“ lautend und bedeutet übersetzt „schnelle Strömung“. Name eines Flusses und einer kanadischen Provinz im Westen Kanadas, die etwa so groß ist wie Frankreich, die Benelux-Staaten und die Schweiz zusammen.

Die Kapelle von Tadoussac ist eines der ältesten Kirchengebäude aus Holz in Nordamerika. Das erste Gebäude wurde bereits 1615 errichtet, das zweite 1641 von Jesuiten. Knapp hundert Jahre später, erst 1747 wurde die heute noch stehende Kapelle errichtet. Im Jahr 2012 schliesslich erklärte die kanadischen Regierung das Sakralgebäude zum Denkmal von historischer Bedeutung.

Tadoussac: Inzwischen sehr bekannt gewordenes Städtchen, um im Sommer Wale zu beobachten, welches an der Nordküste des Sankt Lorenz Stromes liegt. Aus dem Wort „toto-shik“ der Montagnais und dem Wort „taposim-geg“ der Algonkins abgeleitet. Bedeutung: „Brüste der Frau“ oder auch nur „Brustwarzen“!

Toronto: Ursprünglich „karon-tah“ oder „tkaron-to“ gesprochen und kommt aus der Sprache der Mohawk, einem Irokesen-Dialekt. Hat die beschreibende Bedeutung von einem „Ort mit Bäumen am Wasser“. Größte Stadt Kanadas und Hauptstadt der Provinz Ontario, direkt am Ontario-See gelegen. Wenn man den Bereich Greater Toronto Area zusammenrechnet kommt man heute auf eine Bevölkerungszahl von über 6,4 Millionen Einwohnern.

Wendake: Das Wort bedeutet sinngemäß „der Ort, an dem die Leute bleiben“ in der Sprache der Wendat oder Wyandot, die von den Franzosen Huronen (siehe unter Huronen) getauft wurden. Bezeichnet das prosperierende und sehr wohlhabende Indianerreservat der heutigen Wendat-Huronen in der Nähe der Stadt Québec, wo heute wieder rund 3.000 Menschen dieser Volksgruppe leben.

Winnipeg: Wort aus der Cree-Sprache mit der Bezeichnung für „trübe Wasser(Brühe)“ oder „schlammiges Wasser“. Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba sowie dem dortigen See, der mit über 400 Kilometern Länge und 100 Kilometern Breite zu den 15 größten Seen der Welt zählt. 

Yukon: Bedeutet einfach nur „großer Fluß“ und geht auf das Wort „yu-kun-ah“ in der Sprache der Gwich’in First Nations zurück, die zur athabaskischen Sprachfamilie gehören. Bezeichnet den gleichnamigen Fluß mit 3.120 Kilometern Länge sowie ein Territorium im äußersten Nordwesten Kanadas mit einer Ausdehnung von 482.443 km², wo die Fläche Deutschlands bequem hineinpassen würde.

Text und Fotos: Marc Lautenbacher (Québec/Canada)
Quellen: eigene Recherchen vor Ort, Dictionnaire biographique du Canada, Wikipedia.org, The Canadian Encyclopedia, La Société historique de Québec.

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1 Kommentar

Peter Iden
Peter Iden 1. Oktober 2020 - 18:04

Ein guter Beitrag, Marc. Ich lese deine gut recherchierten Beitraege immer gerne. Ich hatte bereits in 2009 einen Artikel im Kanada Spezialist geschrieben ueber die indianischen Ortsnamen in Ontario. Meine Moccassins sind aber schon vor langer Zeit gestorben 🙂
https://www.kanadaspezialist.com/2009/10/16/indianische-ortsnamen-in-ontario-kanada/605/

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