„Côte-Nord du Québec – Tausend Kilometer Einsamkeit“ [FOLGE 1]

von Marc Lautenbacher

Hauptverkehrszeit im Sommer auf der Nationalstrasse 138, der einzigen Verbindung an der Côte-Nord

Wer einmal in der kanadischen Provinz Québec weitab ausgetretener Pfade seine Ferienzeit verbringen will, dem kann ich eine Reise an die Nordküste des Sankt-Lorenz-Stromes nur wärmstens empfehlen; der Côte-Nord. Die einzige Hauptstrasse, von den Einheimischen lapidar „Cent-trente-huit“ (138) genannt, führt durch den sehr wenig bekannten Landesteil immer am majestätischen Sankt-Lorenz-Strom entlang – über tausend Kilometer zweispurig!
Doch die Region hat so vieles zu bieten: bizarr geformte Zeugnisse unserer Erdgeschichte, endlose Sandstrände, Bauwerke von Visionären erneuerbarer Energien, versteckte Siedlungen von Kanadas Ureinwohnern, aufschlussreiche Freilichtmuseen, Industrieästhetik pur, Überreste der Eiszeit und nicht zu vergessen: man begibt sich ins Reich der Papageientaucher, Lummen und ganz großen Meeressäugetiere! 

Es ist ein herrlicher Junitag, als mein quebecer Freund Denis Robitaille und meine Wenigkeit zu einem Abenteuer aufbrechen, das ich bereits Wochen zuvor minutiös geplant hatte. Eine deutsche Reisezeitschrift hatte sich an einem Bericht über die der Redaktion völlig unbekannte Nordküste in der Provinz von Québec interessiert gezeigt. Aber auch einige abenteuerlustige Gäste der Privatpension, die ich von 2007 bis 2017 mit meiner kanadischen Freundin betrieben hatte, hinterliessen bei mir eine gespannte Neugier auf diese Region, die offiziell Manicouagan und Duplessis heisst.

Unser Roadtrip wird volle sieben Tage dauern, denn ich habe bei meinen Vorbereitungen äusserst spannende und vor allem interessante Etappenziele ausgekundschaftet, die auf uns warten. Um nicht all zu viel im Auto verbringen zu müssen, haben wir sie in ein leicht verdauliches Pensum von nicht mehr als 200 bis 300 Kilometern pro Tag zerstückelt. Denn unsere gesamte Reiseroute erstreckt sich über insgesamt 1.700 Kilometer (!) auf ostkanadischen Landstrassen, die wegen ihres Zustandes maximal 80 Kilometer pro Stunde zulassen.

Das Schild von „Joe’s Smoked Meat“ in Baie-Saint-Paul

1. Tag: Schon alleine durch diese Geschwindigkeitsbeschränkung wollen wir es langsam angehen lassen und uns an den jeweiligen Orten ausreichend Zeit für die Besichtigung nehmen. Unser erstes Mittagessen ist bei „Joe’s Smoked Meat“ in Baie-Saint-Paul vorgesehen, aber wir wollen kurz zuvor einen Abstecher zu einem Entwicklungsprojekt machen, das ab 2002 der Mitbegründer des weltberühmten „Cirque du Soleil“ Daniel Gauthier initiiert hat, der seine Heimatregion Charlevoix touristisch stärker erschliessen will. An den Steilhängen nahe des Skigebietes „Le Massif de Charlevoix“ liess er eine Reihe von ultra-modernen Skihütten errichten, die man hier „Chalet“ nennt und die man über die Wintermonate mieten kann. Architektonisch sind sie für meine Begriffe äusserst gut gelungen. Wir fahren vorbei an der verwaisten Bergstation des Skilifts und dürfen uns an einer so schön weiß blühenden Wiese mit kanadischem Hartriegel erfreuen, die in den Wintermonaten als Skipiste dient. Der Blick von dort oben ist atemberaubend, denn bei der Abfahrt muß man das Gefühl bekommen, regelrecht in den Sankt-Lorenz-Strom hinein zu fliegen.

Im Winter Skipiste – im Sommer Blütenpracht des kanadischen Hartriegels

Weiter gehts nach La Malbaie, wo wir uns das 1898 erbaute „Manoir Richelieu“ mit seiner einmaligen Lage anschauen wollen, welches im Juni 2018 zentraler Ort des politischen Weltgeschehens gewesen ist: die G7-Konferenz mit Präsenz der sieben wichtigsten Staatsoberhäupter unserer Zeit! Das 5-Sterne-Hotel gehört wie das „Château Frontenac“ zur vornehmen Fairmont Hotelgruppe, einem weltweit operierenden Unternehmen mit Sitz in San Franzisko, das derzeit 54 Spitzenhäuser betreibt und so imposante Besitzungen hat wie das „Savoy“ in London, das „Château Lake Louise“ in Banff, das „New York Plaza“ oder den „Massai Mara Safari Club“ in Kenia. Gleich daneben befindet sich das Casino de Charlevoix, das im ehemaligen Theatergebäude des Hotels untergebracht ist. Es soll pro Jahr über eine Million Besucher anziehen, die dort an 20 Roulette-Tischen sowie 950 Münzautomaten (!) ihr Geld verspielen dürfen.

Nun sind es nur noch 1 Stunde Fahrzeit, die uns bis zur geografischen Grenze zur Côte-Nord trennt: es ist der „Fjord-du-Saguenay“. Sein 130 Kilometer langer Flussarm mit Wassertiefen bis 270 Metern, seine majestätische Felsenküste bis zu 460 Metern Höhe sowie jährlich über eine Viertel Million Zugvögel bricht alle Rekorde! Der Fjord zählt mit 155 Kilometern zu den längsten der Welt. Atemberaubende Aussichtspunkte laden auf die umgebenden, fast senkrecht aus dem Wasser ragenden Felsgruppen ein, für die wir dieses Mal keine Zeit eingeplant haben. Zudem sind ausgedehnte Landschaftsgebiete entlang des Fjordes als „Parc national du Fjord-du-Saguenay“ unter Naturschutz gestellt worden und gehören damit zum Netzwerk der sehenswerten 30 quebecer Nationalparks, über die ich bereits ein ganzes Buch geschrieben und 2017 veröffentlicht habe.

Weil die Wassertiefen den Bau einer Brücke über den 3 Kilometer breiten Mündungsbereich des Saguenay Flusses unmöglich machen, pendelt alle 30 Minuten eine Autofähre über den Fjord, die jedoch als Bestandteil des öffentlichen Straßennetzes kostenlos ist. Wir warten brav an der Anlegestelle, zusammen mit sechsachsigen Sattelschleppern, Kleinbussen, Wohnmobilen und anderen Automobilisten, die wie wir offenbar in die Ferien fahren, bis die schwimmende Plattform der Fähre mit vorsichtigem Manöver angelegt hat. Die kurze Überfahrt ist schon ein klein wenig aufregend, da sie für mich, obwohl schon zigmal erlebt, echtes Abenteuer in kanadischer Wildnis symbolisiert. Und mit dem frischen Abendwind, der uns mit salzigem Meerwasserduft um die Nase weht, wird dieser Abenteuereffekt noch intensiver.

Unsere heutige Übernachtung haben wir in der „Auberge La Rosepierre“ angekündigt. Sabine und Thomas, ein Schweizer Ehepaar, hat sich nicht unweit der Fähre in Les Bergeronnes mit einer kleinen Pension niedergelassen. Ich kenne sie persönlich aus meiner Zeit als B&B Inhaber, als wir uns ab und zu Kundschaft zuschickten. Da sie in ihrem Haus außerdem ein Restaurant betreiben, nehmen wir das Abendessen gleich an Ort und Stelle ein, um danach entspannt in unsere Bettchen zu fallen. Ich muss sagen, der erste Tag war schon mal ganz toll!

2. Tag: Wie mit dem feinen Abendmahl, so verwöhnt uns Sabine auch am nächsten Morgen mit einem ausgezeichneten, kanadischen Frühstück, das sie uns mit netten Worten serviert und das keine Wünsche offen lässt. Gut gestärkt machen wir uns auf den Weg. Denn Baie-Comeau ist das heutige Etappenziel – lediglich 190 Kilometer weit, also bloß die Strecke München/Stuttgart. Jedoch habe ich für heute sechs spannende Haltepunkte auf unserem Reiseplan stehen. Mal sehen, ob wir das alles schaffen!

Der erste befindet sozusagen gleich um die Ecke in der Nachbargemeinde Les Escoumins, das „Centre de découverte du milieu marin“, was frei übersetzt in etwa „Meeres-Entdeckungs-Zentrum“ bedeutet. Wir kommen gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn zwei Taucher der angeschlossenen Tauchstation kommen aus dem eiskalten Wasser und begrüßen uns. Mein Freund Denis plaudert ein wenig mit ihnen und wir erfahren, daß wir soeben mit dem amtierenden Präsidenten der Föderation für Unterwasseraktivitäten von Québec sprechen dürfen. Welch’ eine Ehre!

Weiter gehts, es regnet in Strömen und wir sagen uns: ein perfekter Reisetag, um ihn im Auto zu verbringen! Der nächste Haltepunkt wird in Pessamit sein, einem offiziellen Indianerreservat der Innu von Pessamit (nicht zu verwechseln mit den Inuit), das ich aufgrund meines regen Interesses über die Premières Nations herausgesucht habe. Es sieht aus wie ein ganz normales ostkanadisches Dorf; wären da nicht die Stopp- und Straßenschilder, die in den Dialekt der Innu von Pessamit übersetzt sind. Interessant finde ich, daß die Vorgärten als Lagerstätten von allerlei Baustoffen, alten Ruderbooten, Autos und sonstigem brauchbarem benutzt werden. Aus dem nagelneuen Schulhaus strömen Kinder auf den bereitstehenden Schulbus zu, denn die Schule ist gerade aus. Ansonsten hat das Reservat, gegründet 1862 mit heute rund 2.500 Einwohnern nichts weiter zu bieten, außer seiner herrlichen Lage direkt am Sankt-Lorenz-Strom! Aktuell soll es in der gesamten Provinz von Québec 45 von der kanadischen Regierung anerkannte Indianerstämme geben, die Innu von Pessamit stehen an achter Stelle mit immerhin über 4.000 Stammesmitgliedern.

Beeindruckend – die vielen, fabrikneuen und großen Autos in Pessamit

Mein Freund Denis drängt zum Weiterfahren, denn er sagt, er fühle sich hier nicht besonders wohl! Zudem meint er, irgendwie ein schlechtes Gewissen gegenüber diesen Menschen zu fühlen; sozusagen als verspätete Reue im Hinblick auf seine historischen Vorfahren, die ja das Land den Ureinwohnern abgeknöpft hatten. Denis will mir eine Attraktion zeigen, die er schon einmal als Kind besucht hatte: ein kleiner Dino-Park, er heißt so klangvoll „Le Sentier de la Rivière-aux-Rosiers“! Ich bin gespannt, was sich hinter den poetischen Namen „Wanderweg des Flusses der Rosensträucher“ verbirgt, denn er liegt nur wenige Autominuten entfernt in Ragueneau.

Leider sind die Dino-Skulpturen nicht sonderlich gut gelungen und in so erbärmlich schlechtem Zustand, daß ich es geradezu vermeide, sie im Bild festzuhalten. Was mich jedoch optisch viel mehr fesselt, ist das Panorama am Ende des kurzen Wanderweges. Für mich geradezu ein visuelles Symbol der Millionen Jahre alten Geologie der Region, der von Gletschern abgeschliffenen Küstenlandschaft und insgesamt der Côte-Nord. Fantastisch außerdem, wie vielfarbige Felsenflechten die steinigen Oberflächen geradezu zum Leuchten bringen. Spektakulär! All dies gekrönt durch die Entdeckung einer lokalen Orchideenart, einem Rosablütigen Frauenschuh (Cypripedium acaule) direkt am Wegesrand und so muss ich wiederholt meine Kamera abdrücken.

Mein unbestrittenes Lieblingsfoto unserer Reise – Felsenküste der Cote-Nord bei Ragueneau

Kurz vor unserem heutigen Etappenziel in Baie-Comeau wollen wir noch einen Abstecher zu einem neuen Tourismusprojekt machen, das ich erst kurz vor unserer Reise ausgekundschaftet hatte. Es heißt „Parc Nature de Pointe-aux-Outardes“ und liegt auf einer Landzunge, die weit in den Sankt-Lorenz-Strom hineinragt und besteht aus einem privat geführten Naturpark mit richtigem Urwald, einem Gemüse- und Obstgarten, einem Wattgebiet, sogar einem Schmetterlingshaus, mehreren Beobachtungstürmen, Sanddünen mit wildem Badestrand und einem Zeltlager für die kleinen Besucher! Bemerkenswert jedoch sind die originellen, zweistöckigen Gästehäuser, deren Innenausstattung jeweils ein anderes Deko-Thema beschreibt. Wir dürfen sogar mit dem Gründer und Inhaber des Projektes ein paar Worte wechseln, denn er führt ein Reisebüro-Komitee aus Belgien durch seine Domäne, wozu auch wir eingeladen werden.

So viel Aufschlussreiches hat uns hungrig gemacht und rasch legen wir die wenigen letzten Kilometer zu unserem heutigen Nachtlager in Baie-Comeau zurück, wo wir herrlich zu Abendessen. Es heißt schlicht „Le Manoir“, also „Der Landsitz“ und soll das beste Haus am Platze sein. Jedenfalls macht die Architektur des Gebäudes den entsprechenden Eindruck auf uns. Mir fällt sofort die Adresse auf: avenue Cabot, also nach dem italienischen Seefahrer Giovanni Caboto benannt, der als erster 1497 das nordamerikanische Festland erreicht hatte. Ein Vergessener der Geschichte! Denn er wurde leider nie so weltberühmt wie sein Landsmann Cristoforo Colombo, also Kolumbus, der erst 5 Jahre zuvor die Neue Welt viel weiter südlich entdeckt hatte.

3. Tag: Heute soll es früher als gewöhnlich losgehen. Ich habe um Punkt 9 Uhr einen Termin mit Patrick Pelletier vereinbart, seines Zeichens Direktor der 2010 erst geschaffenen Touristenattraktion Baie-Comeau’s, dem „Jardin des glaciers“, zu Deutsch etwa „Gletschergarten“. Er besteht aus einen Museumsgebäude mit Multivisions-Show und einem Freilichtmuseum, wenige Kilometer davon entfernt. Punkt neuen Uhr stehen wir an der Eingangspforte des Gebäudes, welches von 1958 bis 2000 die katholische Kirche „L’église Saint-Georges“ war und die zum Museum umgewandelt wurde.

Erstmals spüren wir die wahre Einsamkeit der Côte-Nord, von der alle meine Bekannten bislang so oft gesprochen hatten. Keine Menschenseele außer uns da, der Parkplatz verwaist und das an einem Samstag mitten im Juni. Doch da geht schon die Pforte auf und eine nette Mitarbeiterin empfängt uns lächelnd: „Ja, Ja, Monsieur Pelletier hatte es ihr schon gesagt, daß wir heute kommen!“ Sie erklärt uns, daß wir zwei Stunden fürs Museum zur Verfügung haben und danach mit den Shuttle-Bus ins Freilichtmuseum fahren werden, also um 11 Uhr, wo wir eine private Führung bekommen werden. Die Multivisions-Show ist gut gemacht und sie erklärt uns leicht verständlich, daß ganz Kanada knapp 20.000 Jahre unter einer bis zu vier Kilometer dicken Gletschermasse begraben war, deren Spuren heute noch gut zu sehen sind. Darüber hinaus lernen wir, daß wir uns gerade Mitten im „Réserve mondiale de la biosphère Manicouagan-Uapishka“, also in einem der weltweiten Biosphärenreservate der UNESCO befinden, wovon Baie-Comeau mit knapp 30.000 Einwohnern als Hauptstadt fungiert. Nicht schlecht, es dürfte also ziemlich aufschlußreich werden!

Das das Tal der Muschelschalen – ehemals Düngertagebau, heute Freilichtmuseum

So vergehen die zwei Stunden Museumsbesuch wie im Fluge und unser Shuttle-Bus wartet bereits vor der Türe. Wir fahren zum zweiten Teil unseres Besuches, nämlich ins Freilichtmuseum. Kein Wort des Fahrers darüber, was uns wohl erwartet – die Spannung steigt. Nach einem kurzen Parcours auf den fast leergefegten Straßen, heute am Samstagvormittag, treffen wir unseren Guide, eine etwa 22-jährige Geologiestudentin. Sie ist so hervorragend instruiert und erklärt Denis und mir die geologische und paläontologische Geschichte bis ins kleinste Details, sodass wir absolut keine Fragen stellen müssen. Hervorragend, das Mädel! Wir dürfen nämlich auf mehreren Millionen Muschelschalen und Schneckengehäusen von genau 26 verschiedenen Arten wandeln, die sich in den vergangenen 10.000 Jahren hier angesammelt haben. Der Boden des „Vallée des coquillages“, also das Tal der Muschelschalen, ist übersät mit großen und kleinen Gehäusen, die sich hier bis zu 15 Metern (!) auftürmen. Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte ein Unternehmer aus völliger Unwissenheit über die Bedeutung des Ortes angefangen, die Kalkschalen im großen Stile abzubauen und sie als Düngezusatz zu vermarkten. Seine eisernen Hinterlassenschaften zum Tagebau rosten nun dort vor sich hin. Doch erst 1999 erkannte eine geowissenschaftliche Delegation der kanadischen Regierung, wie einzigartig das rund 10 Kilometer lange Tal ist und ließ es unter Schutz stellen.

Authentisch – Badezimmer im „Village forestier d’antan“

Die nächste Etappe unseres heutigen Trips soll sich mehr der jüngeren, kanadischen Geschichte widmen und wir haben vor, dem „Village forestier d’antan“ – dem Holzfällerdorf von einst, einem weiteren Freilichtmuseum – einen kurzen Besuch abzustatten. Nach nur einer halben Stunde Fahrzeit von Baie-Comeau nach Franquelin empfängt uns der Betreiber, Monsieur Jean-Pierre Dupuis, der in den Sommermonaten täglich von Montag bis Sonntag fleißig zu Gange ist. Das Museumsdorf besteht aus mehreren, originalgetreu nachgebauten Blockhäusern, welche die Zeit zwischen 1916 und 1960 nachempfinden. Es erinnert damit an eine entscheidende Periode in der Entwicklung der Côte-Nord: die Ansiedlung der Forstindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts! Da ich alle Arten von Werkzeugen liebe, finde ich die Innenausstattung der jeweiligen Gebäude mit einer Fülle von gut erhaltenen Exponaten bemerkenswert, die allesamt Original-Sammlerstücke sind und die unser Monsieur Dupuis von wer-weiß-woher zusammen getragen hat. Besonders das sehr karge Badezimmer stellt sich uns als deutliches Zeugnis der damaligen, harten Arbeits- und Lebensbedingungen der ersten Forstarbeiter dar.

Nun sind es immer noch 200 Kilometer bis zu unserem heutigen Etappenziel in der Regionalhauptstadt Sept-îles (Sieben Inseln), wo man uns zum Abendessen erwartet. Mein Freund Denis will mir jedoch unbedingt auf der Strecke seinen Lieblings-Leuchtturm zeigen, der so malerisch am Sankt-Lorenz-Strom liegen soll und der für uns beide fantastische Fotomotive liefern wird. Gesagt, getan; unseren Gastgebern, die gar nicht mehr aufhören wollen, uns ihre ganzen Schätze zu erklären, sagen wir Adieu und fahren die Nationalstraße weiter, die nun ihre ganze Magie der Côte-Nord entfaltet: weder vor uns noch nach uns ein Auto, ein Motorrad, geschweige denn ein LKW. Leicht könnte man sich völlig alleine auf der Welt fühlen und ich recherchiere es ganz genau: Die Bevölkerungsdichte beträgt 0,4 Einwohner pro Quadratkilometer. Zudem hatte man die Straße hier „Route des Baleines“ getauft, also Straße der Wale, wie man auf kleinen, blauen Schildchen lesen kann. Warum das so ist, werden wir erst später erfahren!

Plötzlich der Hinweis am Straßenrand: „Phare de Pointe-des-Monts“, was auf Deutsch etwa „Leuchtturm der Bergspitze“ heißt. Wir biegen rechts in den „Chemin du Vieux Phare“ ein, da steht ein weiteres Schild. Es sind nur 11 Kilometer. Rechts und links der Straße dichter Nadelwald, der nicht besonders hochgewachsen ist, so wie er die gesamte Côte-Nord bedeckt. Es ist, wie ich später erfahre, der hierzulande so genannte boreale Nadelwald, in Deutschland besser unter der russischen Bezeichnung Taiga bekannt. Dieser Waldtyp kommt ausnahmslos auf der Nordhalbkugel unserer Erde vor und ist Oberbegriff für alle Wälder der kalt gemäßigten Klimazone zwischen Minus 40 und Plus 20 Grad Celsius. Interessant ist, daß borealer Nadelwald weltweit von nur vier Nadelholz-Gattungen bestimmt wird, nämlich von Fichten, Kiefern, Tannen und Lärchen, zuweilen aufgelockert durch Birken und Espen. Der Boden ist von sommergrünen Zwergsträuchern, meist von Heidekrautgewächsen (Ericaceae) und von unvorstellbar großen Teppichen aus Moosen und Flechten bewachsen.

Endlich taucht der rot-weiße Leuchtturm auf. Er steht auf einer winzigen, vorgelagerten Felseninsel, die mit einer Brücke mit dem Festland verbunden ist und die bei Flut die einzige Verbindung darstellt. Wir erkennen die tiefen Schleifspuren der besagten Gletscherbewegungen auf den Felsformationen der Küste. Leider ist der Himmel heute bedeckt, aber wir sind guten Mutes und schießen von allen Seiten unsere Leuchtturm-Bilder, das für mich schon immer ein ergiebiges Motiv war. Wir sind die Einzigen! Da geht auch schon die Türe auf und wir fragen spontan die Frau in mittlerem Alter, ob wir vielleicht einen Kaffee haben könnten. „Eigentlich nicht, aber ich mach’ mal für Euch ’ne Ausnahme“, entgegnet sie uns im Quebecer Dialekt und bittet uns ins Haus. So kommen wir ins Gespräch und erfahren, daß sie aus Montréal kommt und nur in den Sommermonaten im Leuchtturm Übernachtungen mit Frühstück anbietet. Ein anstrengendes Geschäft, wenn man berücksichtigt, daß der nächste Lebensmittelhändler in Baie-Trinité schlappe 58 Kilometer entfernt ist – einfache Strecke!

Ja, die ausgesprochen nette, nicht unattraktive Dame ist sehr gesprächig. Und als ich die Bemerkung fallen lasse, daß ich ebenfalls lange Bed & Breakfast-Besitzer gewesen bin, fängt sie total aufgeregt an, mit mir übers Tourismusgeschäft zu plappern sowie über sämtliche Details ihres sehr schönen, geräumigen B&B. Denis drängt mich dezent zum Aufbruch, da ja noch gute 150 Kilometer vor uns liegen und wir verabschieden uns. „Kommt doch mal wieder vorbei!“, ruft uns die Dame noch hinterher. Ich glaube fast, dass sie uns zwei gut aussehende Männer ihrer Altersklasse ins Herz geschlossen hat. Zufällig entdecke ich auf dem Rückweg zum Auto eine Lehrtafel, die uns den Grund erklärt, warum die Hauptstraße der ganzen Region „Route des Baleines“ genannt wird. Man soll hier vom Ufer aus Schweinswale, Minkewale, Finnwale und Blauwale, die größten lebenden Säugetiere unseres Planeten zwischen Mai und September beobachten können. Fantastische Aussichten, hoffentlich sehen wir welche!

Nach knapp zwei kurzweiligen Stunden Autofahrt, auf der wir uns über unseren aufregenden Tagesablauf austauschen, kommen wir am späten Nachmittag in Sept-îles an. Sie ist eine ziemlich unattraktive Eisenerzminenstadt, die offensichtlich auf dem Reißbrett geplant wurde. Alle Straßen einschließlich ihrer Wohngebiete sind im rechten Winkel angelegt, samt einem eigenen Stadtteil der Premières Nations. Kanada steht immerhin an vierter Stelle der weltweit zehn wichtigsten Exportländer von Eisenerz! Zudem soll die Stadt die größte Aluminiumfabrik von ganz Nordamerika besitzen, die wir bei unserer Rückfahrt besichtigen werden; Tag und Uhrzeit stehen bereits in unserem Reiseplan.

Ich habe mit Julie Duguay, die für das Marketing des Hotels „Château Arnaud“ zuständig ist, einen Deal ausgehandelt: eine Übernachtung im Doppelzimmer im Gegenzug einer Fotoserie übers Hotel! Auch mein Freund Denis macht Bilder von Innen und Außen, aber eines der besten Fotos entsteht erst nach dem Abendessen und nach Sonnenuntergang. Das „Château Arnaud“, im übrigen erstes Haus am Platze, spiegelt sich hell beleuchtet ganz wunderbar im Segelhafen von Sept-îles. Mission erfüllt! Als ich mich von meinem sorgsam ausgewählten Fotostandpunkt umdrehe, erkenne ich plötzlich auf der anderen Seite der Meeresbucht ein kilometerlanges, gelb leuchtendes Band in der Dunkelheit. Das also muss die riesengroße Aluminiumfabrik sein, die mir schon jetzt einen Vorgeschmack auf einen spannenden Besuch gibt.

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5 Kommentare

Herbert Dietl 30. Januar 2021 - 08:16

Lieber Marc, wir hatten die Route, bis Natashquan mit dem Auto von Montreal zurück gelegt, dann bis La Tabatiere (Snuff Box) mit der Bella (ca. zwei Tage). Von da hat uns ein Freund mit dem Boot zum Kecarpoui gebracht. War ein einmaliges Erlebnis! Hier noch ein Link aus Entrelacs (Québec)
https://entrelacs.weebly.com/loons.html
Herzliche Grüße aus Sofia, BG – Herbert

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PETER IDEN 28. Januar 2021 - 16:16

Ein sehr interessanter Beitrag, Marc. Wir machten die Fahrt bis Sept-Iles als unsere erste Fahrt in den Osten in etwa 1965, mit dem Endziel Gaspe. Auf dem Weg dorthin, wie immer mit einem Endziel in Kanada, macht man immer viel zu wenige Stops. Ausserdem existierten die Plaetze wo ihr gestoppt habt, nicht oder kaum. Aber nach deiner Beschreibung zu urteilen, hat sich auch nichts an der Einsamkeit der Strasse geaendert.

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Marc Lautenbacher 29. Januar 2021 - 19:35

Hallo, mein lieber Kollege Peter,
es freut mich immer sehr, wenn Kollegen von KANADASPEZIALIST meine Beiträge gefallen! Im übrigen ist dieser ja ein Vierteiler und es gibt noch 3 weitere, spannende Folgen, die einige noch unbekannte Orte und tolle Begegnungen und Entdeckungen beschreiben werden!
JA, seit 1965 ist da oben viel passiert, deshalb solltest Du die Reise vielleicht nochmals machen. Man kann mit dem Auto nun weiter als bis Natasquan fahren, denn die Strasse wurde erst die letzten zehn Jahre 52 Kilometer ausgebaut und hört nun in Quégaska auf. Dort kannst Du dann in der „Auberge Brion“ übernachten!
Liebe Grüsse, Marc

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Herbert Dietl 28. Januar 2021 - 12:02

Hallo Marc, toller Report, der mich an eine Tour entlang der Lower East Side, von Montreal bis zum Lac Kecarpoui, gemeinsam mit Freunden geführt hat, auf den Spuren von Elmar Engel. Hatte Kontakt mit Brigitte Engel, bis zu ihrem
Tod in Mutton Bay im letzten Jahr. Ihren Mann, Elmar, habe ich leider nicht mehr kennengelernt unvergessen bleiben beide! Anbei ein Video von unserem Trip meines Freundes Heinz vom Kecarpoui, „Nördlich von Nirgendwo“ (Elmar Engel)
Gruß und Danke
https://www.youtube.com/watch?v=r0Rg9tFnEbA&t=4s

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Marc Lautenbacher 29. Januar 2021 - 19:18

Lieber Herbert,
danke für Deinen aufschlussreichen Kommentar und vor allem für die „Blumen“ zu meinem neuen Beitrag, der schon länger hier bei mir in der Schublade schlummerte! Und übrigens, die Strecke von Natashquan bis Blanc-Sablon steht immer noch auf meiner Agenda, muss ich unbedingt bald machen!! Offenbar seid ihr bei Eurer Reise von Natashquan mit dem Fährschiff „Bella Desgagnés“ bis nach Lac Kecarpoui gefahren, denn noch gibt es keine Strasse dorthin. Jedenfalls ein Trip für alle, die Natur und die totale Einsamkeit lieben!
Mit herzlichem Gruß aus der frankokanadischen Hauptstadt, Marc Lautenbacher

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